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Titel: Frauen in der Kunst
Autor: Gislind Nabakowski, 1980
Frauen in der Kunst
Gislind Nabakowski, 1980
1. Drastische Leitmotive. Brauchen
wir die Bilder der Emanzipation oder sollen wir jenen applaudieren, die
diese Bilder verbieten?
2. Die späten Opfer des Naturzustands.
400 Jahre verhinderter Erwerbstätigkeit. Einige Thesen
3. Das böse Wort vom Ghetto. Feministische
Kunst an der amerikanischen Westküste
4. Das >Womanhouse<. Scharfe
Kritik an der domestizierten Phantasie. Ein Gruppenenvironment
5. Die nicht unterdrückte Sexualität.
Klitorisbilder, Vaginabilder, Menstruationstopoi
6. Der vorläufige und der eigene Blick. Die Frau als »ziemlich
umfängliches Triebwesen«
7. Und kein Finale
1976 eröffnete - einzig greifbare Folge einer Protestvorlage der
Künstlerinnen gegen Chancenungleichheit in den Museen - in Los Angeles
die mit öffentlichen Geldern subventionierte Ausstellung Women Artists:
1550-1950. Ann Sutherland Harris und Linda Nochlin haben sie zusammengestellt.
Die aufsehenerregende Schau (150 Gemälde von 83 Künstlerinnen aus
400 Jahren) reiste durch verschiedene Museen der Staaten (Calif., Texas, Pennsylvania,
Brooklyn/New York). Sie wurde unter Arbeitsbedingungen organisiert, von denen
wir in Europa nur träumen können: Den beiden Wissenschaftlerinnen
standen je 15 Doktorandinnen zur Seite. Mit Hilfe eines Stipendiums der >Ford
Foundation< wurde die Professorin Sutherland Harris ein Jahr lang zur Vorbereitung
der Ausstellung und des Katalogs von der Universität beurlaubt. 100 weitere
Personen trugen durch Detailkenntnisse zum Zustandekommen der Ausstellung
bei. Sie suchten nach Quellen, Originalen, Sammlungen. In verschiedenen >Art
Departments< amerikanischer Universitäten wurden Biographien und geschichtliche
Abrisse für den Katalog geschrieben. Der so entstandene Katalog (1) ist
das einzige wissenschaftliche Kompendium, auf dem heute weitere theoretische
Grundlagenforschung möglich wäre, nicht zuletzt deshalb, weil er
zahlreiche unausgeschöpfte Quellen angibt. Der Katalog insistiert auf
einer biographischen Perspektive, liefert doch diese drastische Indizien der
Verstümmelung der Lebensgeschichte kreativer Frauen durch die allgemeine
Geschichtstendenz. Und heute?
»Während all den erzieherischen, pädagogischen, schreibenden
und gesetzentwerfenden Männern ganz klar scheint, daß die Frau
sich nun emanzipieren soll, ist die Einsicht in die hierzu notwendige Emanzipation
der Männer noch nicht sehr verbreitet. Ob der Mann die aufbegehrende
Frau mißachtet, unterdrückt oder auf Emanzipation schickt, er bleibt
in seiner Rolle stecken und kann vor lauter Angst und Wundern diese Bewegung
nicht auf sich beziehen.« (2)
Die Ausstellung Künstlerinnen International 1877-1977, die ein
feministisches Team in West-Berlin drei Jahre lang unbezahlt zusammenstellte,
entstand im Gegensatz zu der Schau in Los Angeles unter dem Druck und den
Enttäuschungen des Dilettierens.(3) Ich will die Verhinderung der weiblichen
Kreativität im Verlauf der Geschichte in Stichworten zusammenfassend
(4): In allen europäischen Staaten war den Frauen bis etwa in die zwanziger
Jahre dieses Jahrhunderts der Zugang zum Studium an den Kunstakademien verwehrt.
In Ausnahmefällen erhielten sie Sondergenehmigungen, die dann wiederum
mit zusätzlichen Behinderungen einhergingen, von denen männliche
Künstler nicht betroffen waren. Künstlerinnen, die während
dieser 400jährigen Epoche dem Studienverbot zum Trotz zu Ansehen gelangten,
wie Artemesia Gentileschi, Levinia Terlinc oder das Adelsfräulein Sofonisba
Anguissola, wurden zu einem Mann (Meister) in die Lehre gegeben. Kamen sie
infolge ihrer privilegierten Herkunft nicht in den Genuß einer außerhäuslichen
künstlerischen Erziehung, so lernten sie, was weitaus häufiger war,
unter dem Patronat ihres Vaters, Ehemanns, Liebhabers oder Bruders. Nicht
selten waren sie Geliebte und Schülerin in einem. (5)
Bis Ende des 19. Jahrhunderts war es Frauen meist nicht erlaubt, vor dem unbekleideten
(männlichen oder weiblichen) Aktmodell zu zeichnen - eine schwerwiegende
Beschränkung, wenn man bedenkt, daß das Aktstudium in diesen Perioden
eine wesentliche Voraussetzung für die >Mythologische Malerei<, aber
auch die Genre- und Historien-, ja sogar die Landschaftsmalerei gewesen ist.
Im Mittelalter und in der Renaissance waren die Frauen aus dem hohen Bürgertum
und wohlhabenden Handelsfamilien im allgemeinen auf den Haushalt verwiesen.
Erst 1528, als Baldessare Castiglione seine Schrift Il Cortegiano verfaßte,
änderte sich die Lage. Seitdem durften auch sie nach höherer Bildung
streben, ihre Geschicklichkeit für Malerei, Musik, Konversation und Literatur
entwickeln. (6) Einige Künstlerinnen wurden so erfolgreich, daß
sie ihren Meistern über den Kopf wuchsen, andere leisteten mehr als die
weniger begabten Ehemänner, für deren Lebensunterhalt sie mitsorgten
(Lavinia Fontana, Elisabetta Sirani). Doch auch unter adligen, wohlangesehenen
Frauen hätte es als gesellschaftlicher Makel gegolten, keine Ehe einzugehen.
Was für den Mann Abenteuertum oder soziales Privileg war, bedeutete für
Frauen ganz einfach ein Stigma. Daher ist die Zahl derer, die vor der Ehe
eine glänzende Karriere begannen, groß (Catarina van Hemessen,
Luise Moillon, CathŽrine Duchemin, Judith Leyster). Der Weg zur Landschaftsmalerei
war den Frauen ebenso abgeschnitten wie der Weg in die Akademien oder Zünfte;
sie konnten nicht allein auf Wanderschaft gehen, da sie durch Konventionen
daran gehindert wurden, sich frei zu bewegen. Selbst das weltliche Kleid mit
der Kutte zu tauschen, bedeutete für Frauen nur selten das Recht auf
besondere künstlerische oder kulturelle Erziehung. Novizinnen, die sich
auf diese Weise hervortaten, blieben Ausnahmen.
Die Angst vor weiblicher Konkurrenz hatte zur Folge, daß gerade einzelne
Künstlerinnen von der Gesellschaft besonders verehrt wurden, eben weil
sie in der Minderheit waren. Leisteten vereinzelt Frauen entgegen den Konventionen
dennoch Ungewöhnliches, schmückten sie Kirchen, porträtierten
sie Herrscher, so war es durchaus keine Seltenheit, daß die Kritik sie
schlicht vergaß und sie die Eifersucht der Kollegen auf sich zogen.
Es waren Männer, die - bis um 1800 - die Kommissionen und Zünfte
beherrschten oder kontrollierten. Sie hatten sozusagen ein Monopol über
Skulptur, Architektur und Druckkunst. Die Überhöhung der biologischen
Geschlechtsrolle der Frauen ( idealisiert und verachtet) bedeutete, daß
der weibliche »Naturzustand« ein Quell ewiger Verehrung blieb
und Künstlerinnen, die vom »Natuzustand« abwichen, mit Bewunderung
ex negativo bedacht werden konnten. Von Albrecht Dürer ist eine Tagebuchnotiz
von der niederländischen Reise (1521) überliefert. Dort berichtet
er über die 18jährige Tochter des Illuminators Meister Gerhart,
Suzanna, die eine Miniatur Christi gemalt habe. Der altdeutsche Meister zahlte
ihr dafür einen Gulden und bemerkt: »Es ist ein großes Wunder,
daß eine Frau so etwas Vollendetes machen konnte.«(7) Und 1588
schrieb der Patron der hochbegabten Lavinia Fontana: »Diese Künstlerin
hat sich, um die Wahrheit über sie zu sagen, über die Voraussetzungen
ihres Geschlechtes erhoben.« (8)
Erst relativ spät, nach dem Scheitern der Französischen Revolution,
erfahren wir von Frauen, die Malschulen für Frauen gegründet haben
(Elizabeth VigŽe-Lebrun und Marie Guillemine Benoist geborene Leroulx de la
Ville). Die Revolution erfüllte nicht die Hoffnung der Frauen, gleichberechtigt
mit den Männern in der Öffentlichkeit kreativ tätig zu sein.
Die politischen Klubs der Frauen waren schon 1793 verboten worden, und politisch
engagierte Frauen zahlten ihren Blutzoll auf der Guillotine. In ehemals »revolutionären
Künstlervereinigungen« wurden seit 1793 künstlerisch tätige
Frauen unverhohlen diskriminiert. Die Argumente der >SocietŽ Populaire et
Republicaine des Arts< (in der Nachfolge der Kommune), die zum Ausschluß
der Künstlerinnen aus den Reihen der Männer führten, sind der
Betrachtung wert: Als ein Mitglied erklärte, die revolutionären
Jakobiner würden in ihrem Klub eine Künstlerin zulassen, erhob sich
ein >societaire< und wandte ein, daß unter Republikanern Frauen absolut
und unbedingt jede Arbeit aufzugeben hätten, die dem Mann vorbehalten
sei. Eine berufliche Einmischung der Frauen in Männerdomänen verstoße
in jedem Fall gegen das Naturrecht. »Werden denn unter Wilden«
(fragte er), »die dem Naturzustand noch am nächsten sind, etwa
dieselben Arbeiten von Männern und Frauen verrichtet?«(9) Das Ergebnis
war: Elisabeth VigŽe-Lebrun, eine angesehene Bürgerin, wurde denunziert.
Sie hatte bereits eine >Malschule für Frauen< gegründet und öffentlich
eine »Horde« von Frauen zum Studium der Malerei angeregt, damit
diese davon abließen, »Futterale für die Schwerter der Generale
und die Mützen der Polizei zu besticken«.(10) Ausdrücklich
muß betont werden, daß nach dem Niedergang der Großen Revolution
es nicht die Frauen waren, die das damals aufkommende naturtümelnde Genre
- intim, domestiziert, Szenen von herzerwärmendem Familienglück
oder abgrundtiefe, seltene Tragödien - popularisierten. Eine der französischen
Künstlerinnen, die seit 1795 an den Ausstellungen des >Salon< teilnahmen,
ist Marie Guillemine Benoist (1768-1826).
Vermutlich hätte sie schon 1794 im >Salon< ausgestellt, hätte sie
nicht 1793 Pierre Vincent Benoist geheiratet. Pierre Vincent Bernoist war
als strammer Royalist bekannt. Während der letzten Revolutionstage setzte
er gegen die Jakobiner sein Leben aufs Spiel. Seine Frau Marie hatte zunächst
bei Elizabeth VigŽe-Lebrun gelernt, auf deren Rat sie sich an der >Exposition
de la jeunesse< (1784) beteiligte. Den dort üblichen pastosen Malstil
gab sie erst auf, als sie bei Napoleons angesehenem Hofmaler im Louvre Malerei
studierte (Jacques Louis David). Ihre Entscheidung wurde durch den Direktor
des Hauses, den Comte d'Angiviller, öffentlich gerügt, da der König
des »Ancien rŽgime« den Frauen den öffentlichen Unterricht
im Louvre verboten hatte. J.L. David, ein ehemaliger Jakobiner und Freund
Robespierres, war wie viele Revolutionäre zu Napoleon, dem »französischen
Cäsar«, übergelaufen. Nach dem Sturz Bonapartes ging er nach
Brüssel ins Exil."
»Das Genie hat kein Geschlecht«?
Zur selben Zeit nahm das Schicksal der Marie Guillemine Benoist eine tragische
Wende.(12) Für sie bedeutete der Sturz Napoleons Malverbot. Noch 1804
hatte sie aus seiner Hand zahlreiche Ehrungen, eine Goldmedaille, ja sogar
- für Frauen äußerst selten - ein Staatsstipendium erhalten.
Wir kennen ihre Porträts des Herrschers (heute in Gent), der kaiserlichen
Familie (z. B. Elise Bonaparte, heute Pinakothek Lucca, ihr Innocence Between
Virtue and Vice. Bekannt wurde sie vor allem durch das Portrait of
a Negress (1800), das heute im Louvre hängt.
Dieses Bildnis einer »schwarzen Schönheit« ist ein bürgerlicher
Reflex auf die Abolistenbewegung. Einflüsse der Sklavenbefreiung sind
hier unverkennbar - die Negerin ist nicht (wie bei den Impressionisten) als
Dienerin dargestellt, sondern als selbstbewußte Frau. Ihre >black beauty<
trägt bereits dreißig Jahre, bevor Eugne Delacroix seine Freiheit
(La LibertŽ Guidant Le Peuple) der >Julirevolution<, stolz und selbstbewußt
die rechte Brust offen, über dem geglätteten Haar sieht man den
prunkvollen weißen Kopfschmuck. (13)
1812 hat Marie Benoist vermutlich zum letzten Mal im >Salon< ausgestellt.
1815, nach dem Sturz Napoleons, übernahm ihr Mann in der Regierung der
Restauration den Posten des >Conseiller d'Etat<. Seiner Karriere wurde nun
die seiner Frau geopfert. Er verlangte von ihr, daß sie sich von allen
öffentlichen Angelegenheiten fernhielt. Sie mußte sich nicht zurückziehen,
weil sie Bilder gemalt hätte, die mit der Staatsräson nicht verträglich
gewesen wären, nein, sondern weil sie eine Vergangenheit hatte, die der
politischen Zukunft des Mannes geschadet hätte. (14) Diplomatischen Konventionen
wurde genügt, damit seiner Karriere nichts mehr im Wege stand. In den
historischen Quellen sind die Trauer und die ohnmächtige Wut dieser Frau
nachzulesen. Wahrscheinlich war es die Furcht, ohne den Mann ökonomisch
schutzlos dazustehen, die diese unabhängig denkende Frau dazu bewog,
sich selbst als »unhöflich und larmoyant« zu bezichtigen:
»Sei nicht zornig mit mir, weil am Anfang, als man mich zwang, mein
Herz blutete. Dies alles geschah, um die Vorurteile einer Gesellschaft zu
befriedigen, denen man sich, nach allem, beugen muß. Aber so viele Studien,
soviel Anstrengungen, ein ganzes Leben voll harter Arbeit und nach der langen
Zeit der Bemühungen auch noch Erfolge, um sie alle am Ende als Objekt
der Demütigung betrachten zu müssen? Ich konnte diesen Gedanken
nicht ertragen. Gut, laß uns nicht mehr darüber sprechen. Ich bin
verständnisvoll. Mein Selbstbewußtsein wurde zu plötzlich
verletzt. Laß uns nicht mehr darüber sprechen oder meine Wunde
wird sich wieder öffnen.« (15)
Linda Nochlin und Ann Sutherland Harris deuten diesen Text folgendermaßen
(16):
»Ihr Schreiben an den Mann war ein Schrei aus dem Herzen. In der damaligen
Zeit wiederholten sich solche Schreie vielfach, sofern sie nicht unterdrückt
wurden. Viele Künstlerinnen taten ihn während dieser Jahre, als
man sie anhielt, um der Karrieren der Männer willen auf die eigenen Interessen
zu verzichten.« (17)
Marie Guillemine Benoist starb 58jährig; sie überlebte das Mal-
und Ausstellungsverbot um elf Jahre. Zu den »erhobenen Stimmen«
der europäischen Frauenrechtlerinnen knapp eine Generation nach dem Tod
der Malerin schreibt Cillie Rentmeister (18):
»Die Blaustrümpfe waren nicht besonders organisiert. Ursprüriglich
rührt ihr Name von einer Gruppe weiblicher Gelehrter und Schriftstellerinnen
her und war als Schmähung gedacht. Der Begriff geht auf eine gewisse
blaubestrumpfte Lady, Mrs. Stillingfleet, aus dem London der 1870er Tage zurück.
Um die Mitte des 19. Jahrhunderts übertrugen ihn Daumier und seine Zeitgenossen
auf jede emanzipierte Frau des Bürgertums, die, da sie zur selben Klasse
gehörte, die größte Bedrohung des bürgerlichen Mannes
darstellte und zu heftigen Angriffen inspirierte. Seitdem bürgerlich
verheiratete Frauen nicht gegen den Dienstherrn revoltierten, sondern gegen
den eigenen Ehemann (der nicht als Dienstherr galt da Hausarbeit nicht bezahlt
wurde), rückte das Eheleben ins Gesichtsfeld der Karikaturisten und der
emanzipatorischen Unternehmungen der Blaustrümpfe. In Daumiers Zeichnungen
Eheliche Sitten (1839) findet der Krieg der Geschlechter im Salon oder
im Schlafzimmer statt. Ein Ehemann streckt seiner lesenden Frau seine zerrissene
Hose entgegen und beklagt sich lauthals, daß George Sand die Frauen
davon abhalte, die Hosen der Männer zu flicken: >Entweder sollten wir
die Scheidung legalisieren [Anm.: die Scheidung war nach dem Code Civil
für Frauen verboten] oder diese Schreiberin entrechten!< - Diese Karikatur
illustriert die drei Hauptanklagepunkte gegen die empanzipierten Blaustrümpfe:
Sie lehnen es ab, den Männern die Hosen zu stopfen. Sie fordern selbstbewußt,
männliche Kleidung zu tragen. Sie vernachlässigen das Ehe- und Farnilienleben
und geben sich ihren Interessen hin. George Sand, diese >Schreiberin, die
auch in die Köpfe treusorgender Ehefrauen die Lust an literarischer Tätigkeit
gepflanzt hatte, ist eine der Quellen allen Übels.<«
George Sand als zentrale Figur in den >Blaustrurnpf<-Karikaturen von Daumier
ist immer die frühe George Sand, die der Ehe opponiert. Sie war das perfekte
Modell für Daumiers Travestie der Emanzipation, das als Imitation oder
Umkehrung der sexuellen Rollen porträtiert wurde. Sie kleidete sich wie
ein Mann, rauchte und hatte männliche Gesten. Daumiers >Blaustrümpfe<
tragen nur Vornamen, was sie anonym und unbedeutend macht. Da diese Frauen
sich erdreisteten, Intellekt und Kreativität, die als männliche
Qualitäten galten, für sich selbst zu entwickeln, unterstellte man
ihnen zwar nicht, Männer zu sein, aber immerhin Kreaturen ohne Sexualität.
So betrachtet auf der ersten Bildtafel von Daumiers Karikaturen ein unattraktiver
Blaustrumpf das eigene Antlitz im Spiegel und tröstet sich mit den Worten
der Madame de Sta‘l: »Das Genie hat kein Geschlecht.« Allerdings
haben Daumiers >Blaustrümpfe< noch Familien und schicken sich in die
Pflichten der Produktion und Reproduktion von männlicher Gewalt. Sie
sind lediglich voreingenommen, unwillig, den Haushalt zu führen. Deshalb
ist die Existenz der Familie in Gefahr, die Kinder fallen ins Badewasser,
während die Frau »Eine Ode an die Mutterschaft« dichtet.
Es entging Daumiers Aufmerksamkeit allerdings, daß die traditionelle
Rollenteilung weitaus mehr Anlässe zur Komödie gegeben hätte,
eine Rollenteilung, in der der Mann eine »Ode an die Mutterschaft«
verfaßt, während die Frau ihm die Kinder vom Halse hält. (19)
Trotz des Studierverbots waren in der Zeit nach der Französischen Revolution
die gebildeten Frauen in die >Salons< nachgerückt. Sie nahmen dieses
Privileg bereits wahr, als die Pariser >Ecole des Beaux-Arts< ihnen das akademische
Studium der >Schönen Künste< noch vermehrte, das damals der wirkliche
Leistungsnachweis war. Die >Salons<, so genannt nach dem >Salon CarrŽ du Louvre<
(wo sie stattfanden), waren seit 1725 eine Einrichtung der ehrwürdigen
>Academie Royale de Peinture et de Sculpture< und fanden ab 1737 im Zwei-Jahres-Rhythmus
statt. Die wachsende Beteiligung der Frauen an den Salons erklärt sich
jedoch nicht aus einem aufgeklärteren Interesse der Gesellschaft an Fragen
der Frauenbildung; sie ist vielmehr darauf zurückzuführen, daß
die >Salons< seit der Revolution auch für Nicht-Akademiker geöffnet
waren. (20)
Die pejorative Bezeichnung >Salonmalerei< leitet sich vom hohen Konventionalismus,
der in dieser Institution repräsentierten Kunst her. Die Frauen nahmen
in der Regel mit Porträts, Stilleben und Genrestücken teil, weil
sie für die höher geachtete Historienmalerei nicht ausgebildet waren.
Die stillschweigend praktizierte Arbeitsteilung hat u. a. bewirkt, daß
Frauen die nationalen Ereignisse, die patriotischen Schlachten, die Kämpfe
und Gemetzel der Geschichte so gut wie niemals auf der Leinwand festgehalten
haben. Aus dieser Tradition heraus hat sich das Vorurteil gehalten, daß
die Frauen »unbedeutende« Genres »bevorzugen«. (21)
Eine Folge der wirtschaftlichen Not war es, daß die Bildungsbeschränkungen
in den minder angesehenen Handwerksschulen für Frauen weitaus früher
aufgehoben wurden. Schon während der napoleonischen Ära gründete
(1805) die Pariserin Madame Frre de Montyon eine >Ecole Gratuite de Dessin<,
die mittellose Frauen zum Studium zuließ. Und lange bevor die Londoner
>Royal Academy< für Frauen des reichen Bürgertums die Tore öffnete,
drückten die Frauen aus der Unterschicht und dem verarmten Bürgertum
als »penniless women« (22) die Schulbänke der Handarbeitsschulen.
Die Arbeitslosigkeit im Europa der Jahrhundertwende warf ihre Schatten voraus.
Diese Frauen, die ihre Familien mit ernähren mußten, erhofften
sich Arbeitsplätze als Lehrerinnen und Gouvernanten. Sie wurden für
die traditionellen Handarbeitsfächer der >Mädchenerziehung< ausgebildet.
Auf diese Weise, durch geschlechtsspezifische Ausbildungsveifahren, von den
»hohen Genres« ferngehalten, wurden sie niemals zu ernsthaften
Konkurrentinnen der männlichen Künstler. In den Köpfen der
Kritiker ließ dies das Vorurteil entstehen, daß Frauen einzig
zu »niedrigen Genres« fähig seien. Selbst noch 1976, ein
Dreivierteljahrhundert später, entstellen solche Ausbildungstraditionen
die offizielle Meinung der Kunstkritik. Ein Beispiel: Seit etwa 15 Jahren
gibt es eine internationale Tendenz der >Skripturalkunst<, die von ca. 12
Künstlern vertreten wird, unter denen sich auch zwei Frauen befinden:
Annalies Klophaus und Hanne Darboven. Das Besondere dieser Malweise besteht
darin, daß sie stets von der individuellen Handschrift des Malers geprägt
ist, der die Leinwand als Schreibgrund benutzt. Ein bundesdeutscher Kritiker,
der anscheinend auf die Graphologie schwört, entdeckte in den Bildern
der Künstlerinnen »skripturales Häkelwerk«, »chiffrierte
Poesiealben« (23), ein anderer sogar »a higher form of knitting«
(»eine höhere Form des Strickens«). (24) Die Handarbeitslehrerinnen
des Fin de sicle und des frühen 20. Jahrhunderts mußten gegen
harte Vorurteile kämpfen, um den Beruf überhaupt ausüben zu
dürfen; sie verdienten schlecht. In die Handschrift der arrivierten Malerinnen
des ausgehenden 20. Jahrhunderts werden noch die Mängel der 100 Jahre
zurückliegenden Ausbildungsbeschränkungen hineinprojiziert. Der
»cultural lag«, der aus solchen Projektionen spricht, ist regelrecht
peinlich. Auch drängt sich der Verdacht auf, daß sie dazu dienen
sollen, die künstlerischen Produkte der Frauen zu blamieren. Dem Genie-
und Produktivitätsbegriff folgend, der im Spätkapitalismus vollends
pervertiert wird und der von Anfang an durch die Qualitäten der männlichen
Arbeitsteilung geprägt wurde, wird Talent noch am Ende des 20. Jahrhunderts
durch die vergesellschaftete männliche Natur definiert. (Schon in der
deutschen Klassik wurden Genies nicht erzogen, sondern geboren.) Noch im auslaufenden
20. Jahrhundert haben Männer nicht schlicht künstlerische Fähigkeiten,
nein, sie haben eine »eigentliche künstlerische Natur«. (24)
Die Folgen solcher Ideologien lassen sich am mystifizierenden Tatsachendenken
heutiger Kunstkritiker ablesen. Auch die Wahrnehmung der Bilder des weiblichen
Körpers, die den Körper als handelndes Subjekt der Geschichte zeigen
könnte, wird durch solche Ideologien verstellt. Ein tiefverwurzeltes,
der Mythologie anverwandtes Ursprungsdenken, an dessen Anfang der Mann - Schöpfer,
Gott, Pygmalion - stand, belastet nach wie vor die Wahrnehmung bzw. Wahmehmungsweisen,
die die Kreativität von Frauen nicht zur Kenntnis nehmen.
Einige Zahlen über die Beteiligung der Künstlerinnen an den Pariser
>Salons< sind überliefert. 1801 waren unter 192 Ausstellenden 28 Frauen;
1810 waren es 70 unter 390; 1822 67 von 475; 1835 178 von 801. (26)
In gewisser Weise ist es unzulässig, diese Zahlen als >absolute< mit
heutigen Daten in Beziehung zu setzen, denn die Institution der >Salons< ist
ausgestorben. In ihrer Bedeutung stehen sie in der Mitte zwischen den von
heutigen Groß- und Kleinstädten betriebenen provinziellen >Winterausstellungen<
und den großen, repräsentativen Ausstellungen wie den >Biennalen<,
den >Documenten<, großen Sammelausstellungen, die wiederum Einfluß
auf die Sammeltätigkeit der öffentlichen Museen nehmen. Dennoch
geben selbst vorsichtige Vergleiche, bei allen Vorbehalten, die man gegen
sie haben kann, zu der These Anlaß, daß die Beteiligung der Frauen
an öffentlichen Ausstellungen sowie ihre Repräsentanz in Sammlungen
nach der Zeit der Französischen Revolution eher noch gesunken ist. Selbst
im 20. Jahrhundert, nachdem den Frauen das Studium an den Kunsthochschulen
nicht mehr verwehrt wird, ist sie zumindest nicht gestiegen. Sogar in den
USA, wo Frauen früher zur qualifizierteren Bildung zugelassen wurden,
einer Nation, in der die Künstler weitaus individueller gefördert
werden als in Europa und der Dritten Weit, sind die Zahlen der Beteiligung
extrem niedrig. Pars pro toto nennen wir einige Daten über den
Platz der Frauen im Kunstbetrieb der Nation - den Feministinnen gingen bereits
1972 die Ressourcen aus, Statistik zum Mittel des Kulturkampfes zu erheben.
Daher müssen die zufälligen (27) Stichproben genügen, die allerdings
ziemlich genau die allgemeine Situation widerspiegeln: Von 1962 bis 1972,
in der Phase des wirtschaftlichen Booms der US-Kunst, in der es ihr sogar
gelang, ihre Hegemonie nach Europa auszuweiten, zeigte das große >Los
Angeles County Museum< eine Reihe von Gruppenausstellungen. An ihnen nahmen
insgesamt 713 Künstler neben nur 29 Künstlerinnen teil. Dasselbe
Museum zeigte während derselben 10 Jahre 52 Einzelausstellungen von Künstlern
und nur eine »one-woman-show« - eine deutliche Benachteiligung.
Während derselben 10 Jahre gab es im renommierten New Yorker >Museum
of Modern Art< immerhin zwei Einzelausstellungen von Frauen. Da es sich dabei
um Arbeiten von Dorothea Lange und Berenice Abbott handelte, ist dieses rarum
rerum eher aus dem alerten Interesse des Museums an der Photographie zu erklären.
(28) Die Situation in Bonn sieht ganz ähnlich aus (nach einer Veröffentlichung
von Margarethe Jochimsen) (29):
Ankäufe im Bundeskanzleramt: ein Gemälde einer Künstlerin (Käthe
Kollwitz) neben Ankäufen von 60 männlichen Kollegen; Rheinisches
Landesmuseum, Sammlung aus dem 20. Jahrhundert, Ankäufe seit 1963: Werke
von 23 Künstlerinnen neben Bildern von 132 männlichen Kollegen;
Sammlung Städtisches Museum, Bonn, 1971-1976. Arbeiten von 394 männlichen
Zeitgenossen neben Bildern von nur 34 Künstlerinnen. (Anm.: In Deutschland
durften Frauen bis ca. 1919 nicht an den Kunstakademien studieren). Zeitgenössische
Bildende Kunst der Kulturellen Repräsentation des Bundes, Bundesankäufe
aus den Jahren 1971-1976. 9 Bilder von Künstlerinnen neben 109 Gemälden
von männlichen Kollegen. Der Kunstmarkt, der mit dem Niedergang des feudalen
Mäzenatentums die Rolle des multiplen Patrons übernahm, übt
gegenüber den Frauen mächtige Ignoranz. Dennoch hält sich hartnäckig
das Vorurteil, daß Künstlerinnen dieselben Marktchancen hätten
-wie männliche Kollegen, sobald sie sich als »gut, originell und
eigenständig behaupten«.(30) Der Grund für die geschmälerten
Chancen liegt in den Wettbewerbsbedingungen des Kunstmarkts. Noch heute nehmen
Sammler vom Kauf einer Arbeit einer Künstlerin Abstand, weil sie befürchten,
sie würde nicht »durchhalten«, irgendwann wieder hinter dem
Kochtopf verschwinden und eine Karriere als Ehefrau vorziehen. Die öffentliche
Einschätzung des Kunstobjektes einer Frau läßt den Sammler
nicht auf Mehrwert hoffen; somit entfällt, falls er nicht doch zufällig
kulturelle Interessen hat, das Hauptmotiv seiner Sammeltätigkeit - das
ökonomische. Die Krise der Kunst, die im 20. Jahrhundert eine Krise ihrer
sozialen Funktion ist und mit dem Verlust ihres öffentlichen Auftrags
zusammenhängt, wirkt sich weitaus deutlicher zu Ungunsten des weiblichen
Geschlechts aus, als bisher erkannt wurde. Von hundert Malern, die sich durchsetzen,
sind schätzungsweise zwei Frauen. (31) Zwar hat die Künstlerin keine
geringere Rolle als ihr männlicher Kollege - sobald dieser politische
und subjektive Erfahrung verknüpft, ist auch er ein Outcast -, aber sie
ist ihm gegenüber absolut benachteiligt und seltener im Markt vertreten.
Auch die Museen, die die Aufgabe hätten, den Mechanismus des Marktes
zu sprengen, das gestörte Verhältnis zwischen Künstler und
Markt auszubalancieren, haben diese Aufgabe bislang nicht ausgiebig wahrgenommen
- zumindest nicht gegenüber den Künstlerinnen. Wir brauchten viele
Ausstellungen von Künstlerinnen aus allen Epochen und an verschiedenen
Orten, um Vorurteile abzubauen und die verschüttete Geschichte ans Licht
zu holen. Hinzu kommt, so muß vermutet werden, daß die in den
Museen arbeitenden Verantwortlichen diese Neigung nicht verspüren. Da
aber die Museen Stätten der Hortung und Aufarbeitung von ästhetischer
Geschichte sind und andere historische Problemzusammenhänge dort seit
Anfang der siebziger Jahre wieder beachtet werden, bleibt es ein Widerspruch
sogar in ihrem Selbstverständnis, daß von ihnen das große
Feld der Kunstproduktion von Frauen ignoriert wird. Kunstwerke von Frauen
sind keine Gegenstände, die desinteressiert betrachtet werden würden,
nicht zuletzt der Faszination wegen, die von ihrer noch weithin unbekannten
Geschichte ausgeht. Eine anthologische Ausstellung würde große
Besucherströme anziehen, kurz, das demokratische Argument des hohen Besucherinteresses
wäre beachtet. (32) Daß heutige Museen auf solche Bedürfnisse
(noch) nicht reagieren, macht unmißverständlich klar, wie sehr
sie den Gesetzen des Marktsystems unterworfen sind, trotz des scheinbar breiten
Spielraums gegenüber dem Markt. Die Hilflosigkeit, ja, die Abwehr, die
auf institutioneller Seite immer dann beobachtet werden kann, wenn Frauen
einem Museum einen großangelegten Ausstellungsvorschlag unterbreiten,
ist auch darauf zurückzuführen, daß die Kunstwerke der Frauen
nicht mit den gängigen akademischen Kriterien gemessen werden können,
die weitgehend von Männerperspektiven und Männerphantasien geprägt
sind. Ohne Übertreibung kann man also sagen, daß die Künstlerin
in ein System gesetzt wurde, das alle Kriterien zur Individuation gegen sie
entwickelt hat. Daher ist die Chance, die Schranken zu öffnen oder zu
durchbrechen, für sie überaus gering, zumal, wie wir gesehen haben,
die Medien keineswegs auf ihrer Seite stehen.
Andere Gründe für die offensichtliche Benachteiligung der Frau als
Künstlerin liegen in der Determinierung durch ihr Geschlecht. Die Frau
ist anders als der Mann von der vor hundert Jahren begonnenen Expropriation
des Bürgertums betroffen. Die feudale Frau aus Adel und Bürgertum
konnte sich - seit der Renaissance bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts - ökonomisch-
gesprochen mehrere Rollen auf einmal »leisten«, während ihre
ästhetischen Produktionsinteressen lange Zeit den realen Ausbildungsmöglichkeiten
zuwiderliefen. Sie kam aus einer Klasse, die noch vermögend war, so daß
die Künstlerin auf die von ihr geforderte Mutterrolle nicht zwangsläufig
verzichten mußte, da sie zu ihrer Entlastung im Haushalt Bedienstete
und Ammen hatte. Viele der Künstlerinnen selbst noch der zwanziger Jahre
konnten auf ein relativ gesichertes bürgerliches oder großbürgerliches
Erbe zurückgreifen. In den Emanzipationsbewegungen bildeten sie dann
ein vorwiegend libertinistisches Selbstverständnis aus; die Revolution
gegen die Ehe beginnt in diesen Jahren Früchte zu tragen. Demgegenüber
kommen die Künstlerinnen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zu arbeiten
begannen, fast ausnahmslos aus anderen gesellschaftlichen Klassen als in den
Jahrhunderten davor. Sie wirtschaften inzwischen ohne Ressourcen und bürgerliches
Eigentum. Ihr einziges Kapital sind ihre Begabung, ihre Ausbildung und ihre
gesellschaftlichen Beziehungen. Gesellschaftliche Beziehungen mit Nützlichkeitseffekten
werden in der Regel von Frauen selten geknüpft. Aus diesen Gründen
ernährt die Künstlerin der sechziger und siebziger Jahre sich häufig
mit zwei bis drei Berufen. Die meisten von ihnen sind kinderlos. Haben sie
Kinder, wird ihre Arbeit durch die Versorgungspflichten kontinuierlich unterbrochen,
der »emotionale Luxus« mit Streß und zusätzlicher Belastung
teuer bezahlt. Demgegenüber wird von der Generation der um 1938 Geborenen
die Kinderlosigkeit häufig noch als Mangel und Verzicht erfahren. Dieses
Thema klingt in den Filmen von Yvonne Rainer auf sehr melodramatische Weise
an, Da diese Frauen durch ihre eigenen Mütter noch einseitig auf Mutterschaft
und Ehe vorbereitet wurden, erlebten sie den Verzicht auf ein Kind und häusliche
Sicherheiten als Schock. Sie reagieren darauf häufig verwirrt. Die Tänzerin
Joan Jonas bringt in einem Gespräch mit Simone Forti und Carla Liss zum
Ausdruck, daß die soziale Ungleichheit der Frau von ihr nicht bewußt
reflektiert wird:
»Auch ich hab' diese Sehnsucht nach einem Haus voll Kindern und dieser
Art von Emotionen wie Du (lacht), die in einen Roman des 19. Jahrhunderts
passen. Ich spüre große Trauer, weil ich all das nicht habe. Aber
in gewisser Weise denke ich, daß ich nicht dazu fähig war, es so
einzurichten. Ich habe es mir selbst untersagt, weil ich etwas anderes vorhatte.
Und die Art und Weise, wie sich mir solche Möglichkeiten eröffnet
haben, blieben auch immer sehr provinziell und kleinstädtisch.«
(33)
Der männliche Künstler kann die Kontinuität, die für die
künstlerische Arbeit unerläßlich ist, leichter herstellen.
Seine Tätigkeit wird nicht durch die Zuwendung gebrochen, die z. B. ein
erkranktes Kind braucht. Er kann außer Haus in einem Atelier arbeiten.
Die bildende Künstlerin indes pendelt meist zwischen Küche und Studio,
in einer ständigen Passagen-Situation, für die die Amerikanerinnen
das Wort »closet« geprägt haben. Daß die Literatin
der bildenden Künstlerin gegenüber tendenziell privilegiert ist,
liegt am spezifischen Reproduktionscharakter der Ware Buch. Das Buch ist vom
Lebenszusammenhang jedes Produzenten ablösbar, erreicht unter Umständen
hohe Auflagen; und es ist nicht sperrig. Eine relativ zeitraubendes individuelles
Engagement ist dagegen notwendig, um ein Bild ins Distributionsgefüge
zu bringen. Eine Frau mit Kind und Familie hat dazu in der Mehrzahl der Fälle
erst im fortgeschrittenen Alter die Zeit. Da Mann und Gesellschaft die Sorge
für das Kind nicht hinlänglich übernehmen und der Mann genau
erkannt hat, daß er durch eine Teilung seiner Interessen um Jahre zurückgeworfen
würde, weil ja auch der männliche Künstler unter verschärften
Wettbewerbsbedingungen arbeitet, stellt sich für eine Frau die Frage,
ob sie Künstlerin oder Mutter und Hausfrau werden will, so kraß,
daß sich im Grunde beide Rollen ausschließen, will sie so intensiv
und ungehindert arbeiten können wie ihre männliche Kollegen. Und
da die Frauenbewegung ihre bildenden Künstlerinnen ökonomisch nicht
trägt, eine breite weibliche Käuferschicht nicht in Sicht ist, haben
die aufmüpfigen Künstlerinnen der Gegenwart praktisch keine Ware
in Händen, mit der sich handeln ließe. Zum Männermarkt stehen
sie ohnehin quer. Zudem produzieren sie kaum Objekte, die sich leicht in die
dort vorhandenen Marktlücken bugsieren ließen. Ihre objektivierte
Polemik, ihr Kunst- und Kommunikationsverständnis, schließlich
die Arbeitsweise in Gruppen (s.u.) widersetzen sich per definitionem dem herrschenden
Kulturbegriff. Kein Museum will für Leitmotive sexueller Aufklärung
Steuergroschen ausgeben. (34) Denn diese Leitmotive werden nicht mehr absurd
oder enigmatisch verschlüsselt, wie zu Zeiten des Surrealismus. Die radikale
Komponente weiblicher Individuation, die ein Moment von Glück vorwegnimmt,
das die Epoche noch nicht kennt, wird selbst von Linken, die allenfalls die
männliche Subjektivität literarisch kultivieren, abgelehnt - für
sie ist die Welt bereits entschlüsselt. Daher ist die Linke von der Ausübung
konventionellen Drucks auch gegen die Künstlerinnen nicht freizusprechen,
zur Emanzipation der Frau hat sie ohnehin wenig beigetragen. (35) Gerade Linke
reagieren auf intime Motive der Kunst vorzüglich mit Panik und Abwehr.
Ja, es gibt eine »kollektive Sprachlosigkeit« der Linken vor Gefühlen,
Zärtlichkeit, Rezeptivität und ihrer Entzifferung am Kunstwerk.
Von manchen westdeutschen Linken wird der Geschlechtstopos, den die Frauenbewegung
geprägt hat, strikt verworfen. Ich habe Linken zugehört, die ohne
Umschweife »feministische Künstlerinnen« bis in die »Vogelfreiheit«
hineinblamiert haben. Der komplizierte Zusammenhang von Ökonomie und
Geschlecht wird von ihnen praktisch und theoretisch geleugnet. Allenfalls
werden zwischen Natur- und Gesellschaftsprozessen Zusammenhänge wahrgenommen:
»Die Arroganz dieser akademischen Exorzisten wird nur durch ihre Ohnmacht
übertroffen. Sie begreifen nicht, daß man Mythen nicht durch Seminararbeiten
widerlegen kann, und daß ihre Denkverbote kurze Beine haben. Was, zum
Beispiel, hilft es ihnen, und was nützt es uns, wenn sie, zum hundertsten
Mal, jeden Vergleich zwischen Natur- und Gesellschaftsprozessen für unzulässig
und reaktionär erklären? Die elementare Kraft der Phantasie lehrt
Millionen von Menschen, dieses Verbot fortwährend zu übertreten.
Unsere Ideologen machen sich lächerlich, wenn sie versuchen, unauslöschliche
Bilder wie Flut und Brand, Erdbeben und Hurrikan zu tilgen. Übrigens
gibt es unter den Naturwissenschaftlern Leute, die dabei sind, solche Phantasien
auf ihre Weise zu bearbeiten und produktiv zu machen, statt sie zu verbannen:
Mathematiker, die eine topologische Theorie der Katastrophe entwerfen, und
Biochemiker, die sich über gewisse Analogien von biologischer und sozialer
Evolution Gedanken machen. Auf den Soziologen, der begriffen hätte, daß
es in einem Sinn, der noch zu entziffern ist, für uns eine reine Naturkatastrophe
gar nicht mehr geben kann, warten wir immer noch vergebens.« (36)
Edda in Helke Sanders Film Allseitig reduzierter Persönlichkeit läßt
sich durch ihre »Muß«-Arbeit als Fotojournalistin für
die Tagespresse, die im Stücklohn entgolten wird, nicht davon abhalten,
sich in ihrer von Arbeit freien Zeit in einer Frauengruppe künstlerisch
zu betätigen. Aber weil sie auch Mutter ist, bricht sie unter der Belastung
fast zusammen. Die Männer in dem Film treten »vornehmlich als Widersacher
auf, die mit ihren Annäherungsversuchen noch zur Entfremdung beitragen«.
Zusammen mit Kolleginnen hatte sie einen Senatsauftrag erhalten, die Stadt
Berlin fotografisch zu dokumentieren. Die Gruppe war froh, diesen Auftrag
ergattert zu haben, der eigentlich an ein Werbebüro hätte gehen
sollen. Damit war aber auch der Preis, den der Senat zahlte, von ursprünglich
DM 7o ooo auf die Hälfte geschrumpft. Daher witzelt Edda dem Kulturbetrieb
und seinen Verfilzungen entgegen: »Wir wollen lehren, wenn wir darum
gebeten werden, und lernen, wenn wir Glück haben« (Filmzitat).
Drei aus der Gruppe richteten das ausgewählte Testfoto so her, daß
man es auf den Straßen handhaben kann. Sie wollten damit auf die Werbeflächen.
»Die Arbeit dauert länger als geplant. Dazu kommt, daß ein
Freund der drei sich darüber mokierte, daß die Frauen wirklich
das große Foto eigenhändig durch die Stadt tragen wollen, anstatt
sich hinzusetzen und durch Überlegung den Sinn oder Unsinn einer Gegenüberstellung
mit einer anderen Umgebung zu erfassen«. (Filmzitat).
Leider wird allzu häufig vergessen, daß die Beziehungen zwischen
Mann und Frau durch die Formen der Produktion geregelt sind und daß
diese Produktion einen gut funktionierenden Apparat psychischer Abwehrmechanismen
geschaffen hat:
»Wenn die Frau eines Privilegierten sich gegenüber dem Mann emanzipiert
und in dieser Arbeit eine privilegierte Position anstrebt, trifft sie auf
viele Sperren und Vorurteile. Wenn sie sich zu einer Stellung emporarbeitet,
die so privilegiert wie die des Mannes ist, wird ihn das in Frage stellen.«
(37)
Weibliche Genialität als Kampf gegen die Regeln
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert bildet das Leben der Proletarierin
Suzanne Valadon (1867-1938) eine ungewöhnliche Ausnahme. Sie ist das
Kind einer Vergewaltigung. Die Mutter, Madeleine Valadon, verliert dieses
Makels wegen ihren Arbeitsplatz und zieht mit der Tochter nach Paris. Sie
mietet auf dem Montmartre ein Zimmer, arbeitet als Putzfrau, in Geschäften
und Büros. (38) »Paris hat zu diesem Zeitpunkt fast 1 850 000 Einwohner.
Die expansive Industrialisierung bestimmt Arbeits- und Lebensweise der Menschen.
Die gesellschaftliche Wirklichkeit ist für Madeleine Valadon nicht durchschaubar,
und sie ängstigt sich.« (39) Im September 1871 wird Paris von der
deutschen Armee eingeschlossen. »Die Lebensmittelversorgung bricht zusammen.
In den Geschäften werden Katzen, Hunde und Ratten als Nahrung verkauft.
Die Menschen suchen Schutz im Kanalsystem. Madeleine Valadon bringt Suzanne
in einer Klosterschule unter. Dort ist sie tagsüber in Sicherheit, wird
ausreichend ernährt.« (40) Als dann das Kloster seine Tore nach
außen abriegelt, werden die Straßen des Montmartre zu Suzannes
Heimat. Sie hat kaum Lesen und Schreiben gelernt. Der Lebenswille ihrer Mutter
war durch den Krieg unterhöhlt worden; sie wird Alkoholikerin. Suzanne
verdient seit ihrem 9. Lebensjahr den Lebensunterhalt für die Mutter
mit, zunächst als Reiterin im Zirkus, Kellnerin, Pferdemagd und Aufwäscherin,
schließlich als Malermodell auf dem Montmartre bei Auguste Renoir, Toulouse-Lautrec
und Puvis de Chavannes. Auch zu dieser Zeit ist den Frauen das Studium an
den Akademien verboten. Suzanne beginnt auf dem Monmartre als Autodidaktin
zu malen. Mit siebzehn wird sie schwanger und gebiert einen Sohn, Maurice
(Utrillo). Der leibliche Vater unterstützt beide ausreichend, und sie
malt weiter. Ihre erste Anerkennung findet diese Autodidaktin aus der Unterschicht
bei Toulouse-Lautrec, später bei Edgar Degas. (1874, als Suzanne Valadon
neun Jahre alt ist, wird der Impressionismus zum ersten Mal im Atelier des
Photographen Felix Nadar ausgestellt. Hier entsteht auch die Bezeichnung für
die damals fortschrittliche Malweise, die sich gegen den verrotteten Stil
der Akademien wendet. Der Stil und die Sehweise des Impressionismus stehen
in Opposition zur akademischen Malerei. Der Begriff ist zunächst abwertend
gemeint.) (41)
»Suzanne Valadon zeichnet 24 Jahre lang, bis 1908 ausschließlich
mit Kohle, Bleistift, macht Zinkradierungen. [... ] Sie zeichnet weibliche
Akte, Porträts von ihrer Mutter und ihrem Sohn, Selbstporträts.
[... ] In den Akten zeigt sie Frauen, die im Ablauf einer Bewegung innehalten:
während sie sich umdrehen, hinlegen, aufstehen. Sie hat nicht nach Moden
gearbeitet, sondern die Erfahrungen mit Bewegungen ihres Körpers nach
gezeichnet. Die Körperhaltungen, die sie zeigt, sind Entspannungsmomente
nach dem Modellstehen, Momente, in denen sie unbeobachtet ist. Sie zeichnet
unterschiedliche Frauen, weiche, üppige und schmale kindhafte. In beiden
Ausdrucksformen gibt sie sich selbst wieder und gleichzeitig das sinnliche
Gefühl, daß sie für ihren Körper hat. Sie mag ihren Körper,
faßt ihn gern an und kennt seine unterschiedlichen Ausdrucksformen.
In zahlreichen Zeichnungen stellt sie ihre Mutter dar. Madeleine Valadon ist
selten das eigentliche Thema des Bildes. Sie bewegt sich meist im Hintergrund,
wäscht, hilft dem Enkel beim Ankleiden, reicht der jungen Frau das Handtuch,
bereitet das Bad. Ihr abgearbeiteter Körper,erschcint als dunkel strukturierte
Verdichtung im Gegensatz zu den hellen offenen Formen des Kindes und der jungen
Frau. Liebevoll, ohne Verherrlichung, zeichnet sie den gebeugten Körper,
das Gesicht, das die Kriegsjahre zerstört haben. Sie zeigt die alte,
verbrauchte Frau. Den sechs- und siebenjährigen Maurice stellt Suzanne
Valadon in zarten Kohlezeichnungen dar. Mit großzügigen Linien
umgreift sie den Körper des Sohnes. Eine einzige Linie führt vom
Nacken des Knaben über die runde Schulter, läuft über die Armbeuge
bis in die Fingerspitzen. Der Fuß spielt in einer Schale. In natürlicher
Selbstvergessenheit bewegt sich das Kind. Ihre Linien beschreiben eine eigene
Empfindung gegenüber dem Kind. Sie sind nicht erdrückend, haben
nichts von Fremdheit gegenüber dem kindlichen Körper, sind nicht
sentimental.
Maurices körperlicher und seelischer Zustand ist sehr schwach. Suzanne
Valadon gibt ihm das, was ihr selbst am meisten bedeutet: sie unterrichtet
ihn im Malen und Zeichnen. [...] Über einen Zeitraum von 5o Jahren zeichnet
sie ihr Gesicht und ihren Körper. Die Selbstporträts entsprechen
der Wirklichkeit. In ihnen spiegeln sich ihre Lebensfreude und Vitalität,
ihre Traurigkeit und, ohne Beschönigung, ihr Altern wider. Die Blätter
sind wie ein Tagebuch, sehr persönlich und nicht auf eine betrachtende
Umwelt hin gestaltet. Sie zeichnet sich nackt, Pinsel und Palette in den Händen.
Deutlicher kann sie nicht ausdrucken, wie eng die Arbeit als Modell und der
Beruf der Künstlerin in ihrer Lebensgeschichte zusammengehören.
In den Zeichnungen der Suzanne Valadon sieht sich die Betrachterin einem für
die damalige Kunstepoche ungewöhnlichen Frauenbild gegenüber. Suzanne
Valadons Darstellung der Frau spiegelt die weibliche Realität und steht
dadurch im Gegensatz zu der der Zeitgenossen, die in ihren Bildern ein Geschöpf
nach eigenen Bedürfnissen formen und damit die gesellschaftliche Wirklichkeit
der Frau abwehren. Ein weiterer Themenkreis: Gruppen aus mehreren Frauen.
Meist sind es drei Frauen, spielerisch und nackt, sich in einer angedeuteten
Landschaft bewegend. Sie ähneln sich in der Körperlichkeit, fassen
einander an. Ein Bild nennt sie >Sonne und Mond< - eine der Frauen liegt,
die andere streicht im Stehen der Liegenden mit einem Zweig über den
Kopf. Eine Badeszene - drei Frauen in einem Wohnrau m: die eine hilft der
anderen aus dem Waschzuber, fröhlich und verspielt sind ihre Bewegungen.
Das sinnliche Gefühl Suzanne Valadons für ihren eigenen Körper
spiegelt sich im Zusammensein der drei gezeichneten Frauen wider. Die Darstellung
von mehreren Frauen gibt es auch bei Toulouse-Lautrec in >In der Rue Moulins<
von 1894. Sitzende Frauen in trauriger Isoliertheit und Konkurrenz.«
(42)
(Vgl. hierzu die weiblichen Stereotypen in der Malerei des Fin de sicle sowie
des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts. Die Frau als Muse und
Kultobjekt, die gute Mutter, die ganz auf das physische Dasein zurückweicht
und mit allem Lebendigen undifferenziert zusammenhängt. (43) Vgl. auch
den Gattungsthriller, den Vamp (sphingischer Archetyp), der nicht ins Naturgeschehen
eingebettet ist, sondern den Rachetypus am desexualisierten Mutterideal darstellt
und »Sinnfigur der Verlassenheit« (44) ist. Siehe auch die apfelbrüstigen,
blühenden »Mutterfrauen«, umringt von Kindern (bei den Impressionisten)
(45) den Munchschen Vamp mit Hexenbiß, die Weiblichkeitsdarstellungen,
in die das böse Triebprinzip projiziert wird (etwa: Stroheim-Filme) u.
ä. Vgl. die handelnde Erotik der Akte den Suzanne Valadon mit den sexistisch
gemalten, passiven Frauenkörpern bei Ingres, den in der Natur hackenden
Frauengestalten der Fauves, die an der Schwelle zur Individuation sitzengelassen
wurden, oder mit den voyeuristisch gemalten Badenden CŽzannes, deren Körper
in die Natur - Bäume, Himmel, Wiesen - hinüberfließen.) Höchst
aufschlußreiche Einsichten in einen harten Sexismus in der Malerei vermittelt
auch Picassos Bild Pans Triumph, das auf eine Vorlage von Nikolaus
Poussin (1638 / 39) zurückgeht. Picasso malte seine Variante 1944, an
dem Tag, als Paris befreit wurde. Über beide Motive schreibt der britische
Picasso-Forscher John Berger: »Das Verlangen nach sexuellem Genuß,
an dem mehr als zwei Menschen teilhaben, die Orgie, ist oft mit Entwürfen
für eine ideale Gemeinschaft in Verbindung gebracht worden. Hierzu jedoch
ist das Entscheidende die Konzeption des Bildes als einheitliche Methaper«
(zu N. Poussin) (46). In dem kubistischen Gemälde Picassos glaubt der
Interpret »konzeptionelle Plastizität« wahrzunehmen, in der
sich eine zwischenmenschliche Beziehung ausdrückt:
»Die Verzerrungen dienen nur einem Ziel: man könnte sie als schwellend
bezeichnen. Die Frauen mit ihren kleinen Köpfen und ausladenden schwellenden
Brüsten versinnbildlichen sehr genau die Empfindungen einer Frau gegenüber
einem erregten Mann. [...] Picasso hat [es] ermöglicht, Dinge auszusprechen,
die nie zuvor mit solcher Intensität gesagt worden sind. Die Ungeduld
ist die Ungeduld des Appetits«. (47)
Und zur Poussinschen Vorlage zurückkehrend, schreibt er:
»Hier ragt die Frau heraus und gehört doch gleichzeitig zu allem,
was sie umgibt. Wie eine Frucht an einem Baum, wenn man sie mit dem Auge bereits
ausgewählt, aber noch nicht nach ihr gegriffen hat. Das ist es, was ich
mit Plastizität meine.« (48)
Die Frauen in Picassos Bild sind bloße Zulieferinnen männlicher
Potenz. Sie haben Schrumpfköpfe und reiten auf Ziegenböcken. Ihre
Verstümmelungen sind durch die kubistischen Stilmerkmale allein nicht
zu erklären. Der Picasso-Interpret vergleicht unbewußt das Einbrechen
der Gewalt in den Geschlechtsakt mit einer chirurgischen Operation:
»Was Picasso durch Arbeiten wie diese Bilder zu unserer Kultur beigetragen
hat, ist beachtlich. [... ] Man spürt die Anspannung, den Wagemut. Eine
solche Arbeit gleicht einem chirurgischen Eingriff. 1944 ließ die Anspannung
nach, der (Künstler) wurde sentimental. Den Weg, den er als Eroberer
gekommen war, bot er jetzt als Fluchtweg an.« (49)
Von Suzanne Valadon ist überliefert, daß sie an den kunsttheoretischen
Diskussionen der Patriarchen vom Montmartre nicht teilnahm. Sie fürchtete,
»das leidenschaftliche Gefühl, aus dem sie heraus arbeitete, zu
verlieren.« (50) - 1892 geht sie eine Ehe mit dem Bankier Paul Mousis
ein. Trotz ökonomischer Sicherheit verschlechtert sich der psychische
Zustand ihres Sohnes Maurice. Wie seine Großmutter wird auch er Alkoholiker
und muß schließlich in eine Nervenheilanstalt eingeliefert werden.
Die Versuche seiner Mutter, ihn mit Malerei zu >therapieren<, gelingen nur
in bescheidenem Maße. Die Ehe mit Paul Mousis wird geschieden. Suzanne
lebt jetzt mit dem 20 Jahre jüngeren Maler AndrŽ Utter, einem Freund
Utrillos, zusammen. Sie heiratet Utter, der bald darauf eingezogen wird. 1917
werden Suzanne Valadon, Utrillo und Utter durch eine gemeinsame Ausstellung
unter dem Namen >La TrinitŽ Maudite< (>Die Verfluchte Dreieinigkeit<) bekannt.
Nach dem Tode der Großmutter Madeleine Valadon wird Utrillo in das Irrenhaus
von Villeneuf eingewiesene. (51)
Das Aktmodell Kiki - eine Ware unter Männern
Der denkwürdige Lebensweg einer Künstlerin aus der Unterschicht
kann nicht die Elends- »Karrieren« namenloser oder namentlich
bekannter >Malermodelle< vergessen lassen. Ein unerträgliches Ausmaß
an Ausbeutung des Geschlechts scheint auch Alice Prin, genannt Kiki, erfahren
zu haben, deren wahre Geschichte sich aus den verklärten Aufzeichnungen
etwa Man Rays nur mit Mühe rekonstruieren läßt: Kiki de
Montparnasse. Die literarische Nachwelt schmückte sie mit dem Milieu,
in dem sie tödlich scheiterte, wie mit einem Adelstitel. Sie war 15 jährig
aus Burgund in die Stadt gekommen und wurde im Milieu der Pariser Bohme bald
zur Entwurzelten. Ein Paramount-Produzent versprach der Chansonette und dem
beliebtesten Aktmodell des Milieus eine Dollarkarriere. Nach kurzer Zeit wurde
die »Ware Frau« allerdings von New York wieder nach ,Paris zurückgeschickt.
In ihren späteren Handgreiflichkeiten gegen die Polizei und brutale Männer
sieht Man Ray, der sechs Jahre mit ihr lebte und sie immer noch ein »Mädchen«
nennt, vornehmlich »Launen, die dem französischen Charakter«
(52) eigen sind. In seinen Memoiren schreibt er:
»Das Mädchen verbrachte aus purer Liebe zum Luxus Stunden im Badezimmer.
Ich war niemals weit. Und wenn ich tagsüber vorüberging, fand ich
sie im Morgenrock oder ganz einfach nackt. Wenn ich ihr mitteilte, ich hätte
Freunde zum Essen eingeladen, bereitete sie in Windeseile Mahlzeiten und deckte
den Tisch. Alles war immer schmackhaft; gute Burgunder Platten, viel Wein,
Salate, Käse, mit Kenntnis ausgewählt. Nach dem Essen setzte man
sich noch, ein Glas Cognac in der Hand, und Kiki sang einige populäre
Lieder nach Rabelais. Mit klarer Stimme und genau richtig im Ton, begleitet
von signifikanten Gesten und einem subtilen Minenspiel. Seitdem ich mit ihr
ging, stand sie nicht mehr Modell für die anderen Maler. Manchmal war
ihr die Zeit lang. Ich bat sie, auf das Atelier aufzupassen, während
ich Klienten besuchte. Sie öffnete die Tür und beantwortete das
Telefon.« (53)
Kiki, der sexuelle Fetisch des Montmartre, wurde bald zur Touristenattraktion
und in die Rolle des Sexidols gedrängt. »Servir de modles«,
»als Aktmodell dienen« - das war der gebräuchliche Terminus
für ihre Arbeit und die all jener Frauen, auf die sich die sensationsgierige
Pariser Halbwelt stürzte. Doch sie konnte mehr. Sie hatte eine erfolgreiche
Ausstellung, zu der Robert Desnos den Text schrieb, sie spielte in einem Musical,
veröffentlichte eine Schallplatte und ihre Memoiren. Trotz ihrer individuellen
künstlerischen Erfolge provozierte jemand ihren Liebhaber Man Ray mit
der Frage, »ob sie intelligent sei«. Darauf antwortete der Dadaist,
»daß er selbst Intelligenz für zwei besitze«. In der
gemeinsamen Atelierwohnung hatte sie kein eigenes Zimmer. »Brav«
(»sackzement«) mußte sie sich ins Bett zurückziehen,
wenn seine Klienten kamen - oder in das Barleben des Montmartre ausweichen.
So kam es zu ständigen Eifersüchteleien. Die »Muse«
und Sekretärin des Mannes wurde zu den wichtigen Treffen mit den Dadaisten,
später den Surrealisten, nicht »mitgenommen«. Aus Man Rays
Biographie geht beiläufig etwas über eine Trennung hervor, obwohl
er das Kapitel euphemistisch mit La viritable vie de Kiki de Montparnasse
überschreibt. Jahre später, nach dem Zweiten Weltkrieg, begegnen
sie einander durch Zufall in einer Bar wieder. Kiki ist inzwischen dem Alkohol
verfallen; sie teilt ihm mit, sie leide an »Wassersucht« und müsse
ins Krankenhaus. Kurz darauf tritt ein mysteriöser Tod ein, dem der Biograph
und ehemalige Liebhaber ein paar knappe Zeilen widmet. Er betont, daß
ihr Foto in allen Zeitungen erschien, ihr Begräbnis (wie bereits ihre
Vernissage) ein öffentliches Spektakel war. Mit scheinbarer Ahnungslosigkeit
verliert er sich angesichts ihres - sehr plötzlichen - Todes in Allgemeinheiten.
Dennoch geht versteckt aus seinen Zeilen hervor, daß ihr Tod für
ihn keine Bagatelle gewesen ist:
»Ich habe den Tod vieler Freunde betrauert. In der Mehrzahl habe ich
deshalb niemals die Gesellschaft angeklagt. Dennoch erlebte ich das Verschwinden
von Menschen, die mir einmal nahe gestanden haben, als eine Art von Verlust.
Ich litt daran, wie an einem Verrat.« (54)
Die Frau in den »progressiven« Dadaistengruppen war Muse, Hausfrau
und wurde sexuell ausgebeutet. Unter dem fotografischen Nachlaß von
Man Ray finden wir drei Fotos von Kiki. 1924, der Badenden im Harem
(1828) von J.A.D. Ingres nachempfunden: Kiki trägt ein ähnliches
Kopftuch wie ihre klassizistische »Vorgängerin«. Sie trägt
keine Mandoline, sondern versteckt ihre Arme geschickt vor der Brust, so daß
durch diese Bewegung ihr Körper die geschwungene Gestalt einer Geige
annimmt. Um den Objektcharakter zu betonen, hat ihr Man Ray auf den fotografierten
Rücken zwei Klanglöcher gezeichnet. Diese Fotografie wurde wie ein
akademisches Gemälde signiert. 1923 (ein Gemälde): Kiki im Charlestonlook
mit dem damaligen Emanzipationsbubikopf, Augen und Mund stark geschminkt.
1927: Kiki als entmündigte Kindin, nackt auf einer Wiese, den Oberkörper
leicht zurückgebeugt, das verschmitzte Gesicht in der Mulde ihrer Schultern.
Offenbar ließ sich mit solchen Motiven Geld verdienen. Man Ray war Modefotograf.
Daß dieser »progressive« Künstler die Arbeit seiner
Geliebten jedoch nicht ernsthaft als Geldverdienst und rnithin Mittel zu deren
ökonomischer Befreiung einzuschätzen bereit war, geht aus folgender
Notiz hervor:
»Die Neuigkeit, daß sie nicht mehr korrumpierbar sei, nachdem
sie mit mir ging, verbreitete sich auf dem Montmartre wie ein Lauffeuer. Jetzt
hatte sie ja einen Mann. Daher sang sie von dieser Zeit an in den Bars auch
nicht mehr um des Geldes, sondern um des Vergnügens willen. Sobald sie
nach Hause kam, wurde sie dann wieder zum einfachen Landmädchen. In mich
verliebt, wie in unser häusliches Leben.« (55)
Die Dadaisten empfanden das Geldverdienen als anstößig. Mit den
»Niederungen« des Alltags hatten diese Künstler wenig im
Sinn. Marcel Duchamps Selbstverständnis war das eines aristokratischen
Dandys. Da er vom monatlichen Wechsel seines Vaters lebte (56), schienen ihn
- zeitlebens - ökonomische Sorgen nicht zu plagen. Um so mehr müssen
seine zynischen Äußerungen über Frauen befremden:
»Zunächst habe ich Glück gehabt. Denn im Grunde genommen habe
ich nie arbeiten müssen, um zu leben. Ich meine, das Arbeitenmüssen
um zu leben, ist ein wenig dumm, vom ökonomischen Standpunkt aus gesehen.
[...] An einem gewissen Punkt habe ich begriffen, daß man das Leben
nicht mit zuviel Gewichten belasten darf, mit zuviel Dingen, die man tun muß,
mit dem, was man eine Frau, Kinder, ein Landhaus, ein Auto nennt. [...] Der
Künstler ist heute frei, frei, Hungers zu sterben. Er sollte keine sozialen
Verpflichtungen haben. Wenn er heiratet, Kinder hat, wird er bald zu einem
Opfer. [...] Die Zahl der Leute um den Künstler herum zu vergrößern,
ist ein Unheil. [...] Eine Person allein, die nicht ernährt zu werden
braucht, ist leichter als drei oder vier. Ein Künstler muß ein
Egoist sein. Er muß völlig blind sein für andere Menschenwesen
- egozentrisch in der großen Manier.« (57)
Duchamps Sätze markierten signifikant den Abstieg des ehemals großbürgerlichen
Künstlers, der sich noch auf die Macht von Potentaten stützte, ins
unselbständige Kleinbürgertum. Mit der Wende zur Industriellen Revolution
ist der Künstler - schuldlos - auftragsfrei, schlüpft in eine parasitäre
Rolle und spricht dies auch ungeniert aus. Das große Vorhaben von Duchamp
bestand in der Revolte gegen den damaligen Geschmack. Derlei Erneuerungen
konnten leicht von den Errungenschaften des modernen Maschinenzeitalters profitieren
und das »Recht auf Faulheit« der herrschenden Klasse verteidigen.
Dies um so mehr, als der Künstler, der unter dem Verlust sozialer Bindungen
litt, sich noch in die herrschende Klasse, geboren wähnte. Des Fürsten
und Mäzens verlustig, fühlte sich der Künstler durch soziale
Unsicherheit an seinem Genie bestraft. Die Aggressionen werden nun auf die
Figuren des finanzkräftigen Vaters und der ohnmächtigen Frau projiziert.
Dem Vater bleibt zur Erinnerung an einstiges Prestige der allmächtige,
verballhornte Nimbus; die Frau wird degradiert zum begehrten Eigentum, das
sich der nunmehr mittellose Künstler finanziell nicht mehr leisten kann.
Aus dieser Zerrissenheit von Trieb und Verweigerung, Realität und Lust
leitet Duchamp den »Egoismus des großen Stils« ab, ein Relikt
des exzessiven Geniekults des 18. Jahrhunderts. Die Dadaisten (mit Ausnahme
von Heartfield und, in gewisser Weise, Grosz) hatten ein irritiertes Verhältnis
zu den sozialen Zusammenhängen. Bei Duchamp indes läßt sich
sogar positivistische Berührungsangst vor den niederen Dingen des Alltags
und der Politik erkennen, die allerdings mit weltmännischer Aura »aufgewertet«
wird:
»Ich verstehe nichts von Politik und stelle fest, daß sie eine
wahrhaft blödsinnige Tätigkeit ist, die zu nichts führt. Ob
das nun auf den Kommunismus, eine Monarchie, eine demokratische Republik hinausläuft,
ist für mich genau dasselbe. Sie werden mir sagen, der Mensch sei gezwungen,
Politik zu betreiben, um in Gesellschaft zu leben, aber das rechtfertigt die
Idee einer Politik als große Kunst an sich keineswegs. Indessen glauben
das die Politiker; sie bilden sich ein, etwas Außergewöhnliches
zu leisten! Das kommt mir etwa so vor wie die Notare, wie mein Vater. Der
Stil dieser Leute ist der notarielle Stil. Ich erinnere mich an die Akten
meines Vaters; diese Sprache, das war zum Totlachen; die Sprache der Advokaten
in den Vereinigten Staaten ist die gleiche. Ich marschiere nicht für
die Politik.« (58)
In den ästhetischen Konzeptionen des Dadaismus laufen Politik und Privatleben
unverbunden nebeneinander her: »Politik wurde immer mehr zu einer peripheren
Angelegenheit. die den guten Bürger nichts angeht, und zu Beruf und Geschäft,
wie alle Berufe und Geschäfte; ein Beruf, der denen überlassen bleibt,
die sich nicht genieren, das ihm anhaftende Odium von Lüge, Betrug, und
Bestechung auf sich zu nehmen. Des guten, ehrbaren Bürgers Herzenswunsch
war dagegen, die Früchte der Revolution zu genießen, dem nur Scheinhaften
Realität zu geben.« (59)
Mußte in einer solchen Zeit, zumal da die strenge Moral des 19. Jahrhunderts
gerade erst brüchig wurde, nicht auch die Erotik als scheinhaft und schattenhaft
empfunden werden? Die »erotische« Frage war für Marcel Duchamp
aufs engste mit der ästhetischen verknüpft, obwohl sie nicht »die
einzige ernsthafte Frage war«. (60) Sie war ein »Ismus«,
ein Spezialfall der Mathematik. Erklären läßt sich dieser
Vorwurf an den drei großen Werken Die Braut von ihren Junggesellen
nackt entblößt, sogar (1915 - 1923), das Große Glas,
auch »Junggesellenmaschine« genannt, und Die Braut im
Glas. Harald Szeemann beschreibt die erotischen Konnotationen dieser
»Maschinen« als geschlossenen Kreislauf, der einen Aggregatzustand
in Gang hält, autistisch in sich selbst verharrt und mechanische Bewegungen
erzeugt. (61) Der Mythos dieses Konstrukts einer puritanischen Männerphantasie
wurde auf verschiedene Weise entziffert. Er wurde mit den Entdeckungen Freuds
in Zusammenhang gebracht, für den die Psyche ein Apparat war. Bazon Brock
hat ihn - was am plausibelsten ist - als Pendant zur »mediterraneuropäischen
Problematik , des Jungfrauenmythos« (62) gedeutet. Andere (Duchamp und
seine Nachfolger) haben an dieser »Liebesmaschine« die Vierte
Dimension gepriesen, Lobworte, die allerdings von Dilettantismus gezeichnet
sind. (63) Wieder andere haben in der fatalen Systematik dieser einsamen Maschine
(eine Simultankonstruktion von >Braut< mit >Junggesellen<) Gesetze der Alchimie
und Magie zu erkennen geglaubt. Schließlich ist Michel De Certeau der
diffusen Legende auf den Grund gegangen und hat an ihr den »Eros des
Leblosen«, eine »Trauerkomödie im Grab« (64), entdeckt.
In dieser Symbolmaschine, die offenbar einen Liebesakt darstellen soll, ist
die Braut das böse Prinzip schlechthin. Ihr kommt nicht mehr die Mittlerfunktion
zur Natur zu. Sie ist das Todesprinzip (Skelett) (65) par excellence, femme
fatale, mit kastrierenden Gelüsten. Im gesamten Oeuvre spielt der Voyeurismus
des Mannes die beherrschende Rolle; denn der Voyeurismus bildet das dritte
Element des Dreiecks, das die Boshaftigkeit der Frau transzendiert, gewissermaßen
um die der Frau unterstellte Boshaftigkeit der logischen, geschichtlichen
Analyse zu entziehen. Mußte der Mann in seiner Legitimationskrise (in
den zwanziger Jahren gab es eine Frauenbewegung) die »böse«
Frau nicht als Sonder-»Fall« der Geschichte werten, sondern als
wartendes Prinzip, hinter dem mathematische, alchimistische und kosmische
Gesetze stehen? In Filmen von Stroheim sind Frauen schlimmer als das Geld;
sie sind perfider und boshafter, als je ein Potenzprotz oder Westernheld es
sein darf. Das Angstsyndrom gegenüber der Frau wird in ein mechanisches
Gewand gekleidet, es wird als Angst vor der weiblichen Sexualität travestiert,
obwohl in Wirklichkeit der Mann längst fürchtete, die Frau könne
in »Männerdomänen« einbrechen und auch ihre sozialen
und ökonomischen Rechte fordern. Dies geschieht mit der ganzen nennenswerten
Qual, zu der Geschlechtsmetaphysik fähig ist. Der letzte Rest einer naturphilosophischen
Einbettung der Frau in einen guten Mythos, der auch Geduld, Zärtlichkeit,
Emotionalität und Sinnlichkeit allegorisch abbildet, wird in diesem Jahrzehnt
aus der Kunst getilgt. Wo immer sie in diesen Jahren in den Bildwelten auftaucht,
verwandelt sich das Gesicht der Frau (sei sie die Tochter, die Frau, die Hure
oder das Mädchen aus der Heilsarmee) in die Totenmaske der Rächerin.
Für Duchamp indes war das Große Glas eine rein »zerebrale
Erfindung«: »Denn natürlich vermag keiner unserer Sinne eine
vierdimensionale Entsprechung zu finden, ausgenommen vielleicht der Tastsinn,
und folglich kann der Liebesakt, als taktile Sublimation, einen schwachen
Schimmer oder vielmehr einen Eindruck von einer physischen Interpretation
der vierten Dimension liefern.« 1910 entsteht sein Gemälde Adam
und Eva im Paradies. Duchamp erklärt 1972 gegenüber Serge Stauffer:
»Haben sie je versucht zu lachen, während sie Liebe machten? Abgesehen
davon genügt mir die Definition im Lexikon.« (66) - Wieder einmal
stand die Frau der instrumentellen Vernunft im Wege. Die Tabu-Befragung mußte
noch lange auf sich warten lassen. Erst 60 Jahre später wird die unpersönliche
Triebabfuhr, die (Gewalt-) Geist- Maschine, die die Materie überwindet,
jener zum Prinzip erhobene Skandal der patriarchalischen Vernunft, das die
fortgeschrittene Distanzierung des Menschen von der Natur manifest zum Ausdruck
bringt, von den Feministinnen befragt werden. Einige zeigen bloß die
Stigmata der Sprachlosigkeit oder Verwunderung her, die die Sexualmythen bei
ihnen hinterlassen haben; andere finden zu alternativen Bildern der weiblichen
Sexualität.
»Die Frauenbewegung reicht also immer noch dazu aus, eine partielle
Utopie zu bilden, sowie sie in den bisherigen Gesamtutopien eine gebildet
hat. [Dies spezifisch Angemeldete und Erhoffte wird auch in der klassenlosen
Gesellschaft noch zu raten und Taten aufgeben, als eigenes Problem-Erbe aus
Geschichte und Vorzeit]. [...] Zu fragen bleibt bei alledem, was sich in dem
weiblichen Aufbruch bewegt. Eben das Geschlecht bewegt sich darin, jedoch
als eines, das sozial vortritt und bestimmt sein will.« (Ernst Bloch)
(67)
3. Das böse Wort
vom Ghetto. Feministische Kunst an der amerikanischen Westküste
4. Das >Womanhouse<.
Scharfe Kritik an der domestizierten Phantasie. Ein Gruppenenvironment
5. Die nicht unterdrückte Sexualität. Klitorisbilder, Vaginabilder,
Menstruationstopoi
6. Der vorläufige
und der eigene Blick. Die Frau als »ziemlich umfängliches Triebwesen«
7. Und kein Finale
Anmerkungen Zu >Drastische Leitmotive<
(1) Günter Engelhard, Eine Hundeleine für den Mann. Zwischen
Venus, Minerva und Supergirl, Gleichberechtigung ist nicht in Sicht,
in: Kölner Stadtanzeiger vom 30. 12. 1976 anläßlich
der Ausstellung Frauen machen Kunst (8. 12. 1976 - 31. 1 1977) in der Bonner
Galerie Ph. Magers. Der Rezensent fällt ein negatives Pauschalurteil
über alle Arbeiten der 31 dort ausstellenden zeitgenössischen Künstlerinnen.
Wenn ca. 200 000 Leser diesen Text wahrnahmen und ca. 500 (Galeriebesucher)
die Möglichkeit hatten, sein Vernichtungsurteit an den ästhetischen
Gegenständen zu überprüfen, belegt schon die Gegenüberstellung
solcher Tatsachen die Mechanismen, mit denen Vorurteile gegen Kunstwerke in
Umlauf gebracht werden.
(2) Ebda.
(3) Werner Rohde, Feminismus allein tut's nicht, Kontroversen um eine Frauenkunstausstellung
in Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. 3. 1977.
(4) Vgl. Heresies Nr. 4, A Feminist Publication on Art & Politics,
New York City 1977, Übers. Arthysterical Notions, S. 40.
(5) Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1959, S. 688.
(Kampf ums neue Weib).
(6) Frauen + Film, Nr. 10, Dezember 1976, Gespräch zwischen Susan
Sontag, Helke Sander und Gesine Strempel über Promised Lands,
S. 4-9.
(7) G. Engelhard, a. a. O.
(8) Mündliche Mitteilung, Mailand 1976.
(9) Eine Literatur, die entwaffnet. Barbara Frischmuth in Courage
Nr. 7, 3. Jahrgang, Juli 1978, S. 22-25.
(10) Interview von Alexander Bauer mit Ingeborg Drewitz, Ein Lernen auf
beiden Seiten. Über die Wechselwirkung von Politik und Literatur,
in: Vorwärts Nr. 30, 27. Juli 1978.
(11) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang, Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976,
S. 81.
(12) Hierzu eine Erklärung: Seine Freundin war Fotomodell. Sie hatte
»sehr schöne lange Beine«. Nach einem Reitunfall mußte
ihr ein Teil eines Beines amputiert werden. Den Maler imitiert das amputierte
Bein, und er beginnt es auf die Leinwand zu »bannen«. Die Idiosynkrasie
besteht nach seiner Aussage darin, daß vermarktete, stilisierte Schönheit
bzw. Nacktheit verletzt wurde, das erlebte / ersehnte Ideal nicht mehr mit
der versehrten Wirklichkeit übereinstimmt. Er hat (ersatzweise) das fehlende
Gespräch über die Folgen des Unfalls seiner Freundin auf die Leinwand
gedrängt. Sie und er haben nie darüber reden können.
(13) In diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert sind die Hausfrauenmaschinen
von Martha Jungwirth (geb. 1940). Sie zeigen die Primärstrukturen nformelle
Bilder und Zeichnungen), zu denen Laurids schreibt: »Martha verwünscht
von Öfen ( was Bauknecht weiß. [...] Der begrenzte Bereich der
Küche wird zum Revier für die Jagd nach der eigenen Identität.
Vor der Spülmaschine auf der Lauer liegend, wird aufgespießt, was
für alle anderen ebenso gültig ist. Das Ergebnis sind Diagnoseblätter
unterdrückter Leidenschaften. Leidenschaften, die nach wie vor so wenig
in eine Welt von Männerhirnen passen, weil sie so zipfelbedrohlich, so
unkontrollierbar eigenständig sind. Heute darf Martha kochen. Vor 500
Jahren hätten wir sie verbrannt.« 1976, Ausstellungskatalog
der Burgundischen Landesgalerie im Schloß Esterhazy, Eisenstadt,
im Kulturhaus, Graz, und im Märkischen Landesmuseum der Stadt Witten.
Texte von: Richard Rubinig, Friederike Mayröcker, Laurids, Alfred Schmeller,
Günter Engelhard, Martha Jungwirth.
(14) Arman, Hard & Soft, Kat. Andrew Crispo Gallery New York, Mai
1978.
(15) »Neodadaismus« ist ein kunstgeschichtlich nicht immer differenzierter
Begriff für die in Anlehnung an den Dadaismus der 20er und 30er Jahre
während der 50er und 60er Jahre entstandenen ästhetischen Tendenzen
vor allem in der Schweiz, Frankreich, Italien und den USA, Alltagsobjekte
zu verarbeiten.
(16) Carlo Lazslo, Panderma Nr. 9, Selbstverlag Basel 1969.
(17) Maskulin-, Feminin, München 1972/1975, Hazel E. Hazel in
Wer emanzipiert wen wohin?, S. 139-165.
(18) Alfred Andersch, Drei Schwierigkeiten für die Frau, die Kunst
macht, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 38, 1977. »Keine Frau hat
an den großen Programmbewegungen der modernen Kunst formulierend teilgenommen,
auch wenn ihr Werk daran konstituierenden Anteil hatte. [...] Auch scheint
es ihr unmöglich zu sein, ihre Extravaganzen und Aktionen mit jenem penetranten
Interpretationsgemurmel zu begleiten, welches heute im Kunstbetrieb so hoch
honoriert wird. [...] Es darf behauptet werden, daß die große
Mehrheit von Menschen, die sich mit Kunst beruflich beschäftigen - Sammler,
Händler, Kritiker, Museumsleute und zwar leider Frauen ebensosehr wie
Männer -, es ablehnt, Kunst, die von Frauen gemacht wird, zur Kenntnis
zu nehmen. Nur selten wird diese Ablehnung öffentlich ausgesprochen.
Sie bleibt entweder überhaupt un- und unterbewußt und spielt als
geheimer Konsensus. [...] Dort, wo sie sich zur Ideologie verdichtet, kommt
folgendes heraus: weibliches Schöpfertum totalisiert sich in der biologischen
Funktion der Frau; die Vorgänge der Schwangerschaft, des Gebärens
und der Aufzucht von Kindern sind von einer solchen schöpferischen Totalität,
daß im Bewußtsein wie im Gefühlsleben der Frau daneben kein
anderer und gleichwertiger schöpferischer Prozeß vollzogen werden
kann. [...] Demgegenüber ist der Mann zwar auch biologisch bedingt, doch
beschränkt sich der biologische Vorgang bei ihm auf den sexuellen Akt,
der für ihn von großer Bedeutung ist, ihn aber keinesfalls totalisiert.
Wenn er vorbei ist, ist er >frei<, d. h. frei für den Umgang mit anderen,
nicht biologischen Phänomenen, dem Geist. Ja, seine ganze Existenz lebt
geradezu aus der Spannung zwischen Körperlichem und Geistigem, aus welcher
das Werk hervorgeht, das immer mindestens eine Synthese von Materie und Idee
darstellen soll, besser noch eine Überwindung des Materiellen durch den
Geist. Gebildete Konservative verstehen dieses Denkschema (noch) nicht einmal
als Abwertung der Frau; im Gegenteil sind sie bereit, an die Stelle rationaler
Gleichberechtigung den Kult der magna mater zu setzen. Überhaupt ist
das Ganze ein schönes Beispiel für die Motivation eines tradierten
Ungleichs- und Unterdrückungssystems durch Mythologisierung.«
(19) Hazel E. Hazel, a. a. O. Dort heißt es: »Steht uns das Martyrium
der Gleichheit bevor?«
(20) Weitere Ursachen der Frauenfeindlichkeit sind der Kreativitätsbegriff
und das Leistungsdenken. Vgl. auch die Studie von Brovermann (1972) zum Begriff
der psychischen Gesundheit, in: Frauenfeindlichkeit, sozialpsychologische
Aspekte der Misogynie, München 1973, S. 138 ff.
Anmerkungen zu >Die späten Opfer des Naturzustands<
(1) Women Artists: 1550-1950. This exhibition and catalog were made
possible through the generous support of Alcoa Foundation and the National
Endowment for the Arts; Linda Nochlin und Ann Sutherland Harris, Kat. des
Los Angeles Country Museum of Art, Alfred A. Knopf, New York, 1976, S. 368
(2) Maskulin-Feminin, München 1972.
(3) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK Berlin.
Die Ausstellung wurde drei Jahre lang unentgeltlich von Ursula Bierther, Evelyn
Kuwertz, Karin Petersen, Inge Schumacher, Sarah Schumann, Ulrike Stelzl und
Petra Zöfelt erarbeitet. Kat., S. 370
(4) Verschiedene Quellen
(5) Fritz Neugass, Es ist ein großes Wunder. Frauen vor der Staffelei.
Eine Austellung in New York, in: FAZ, 24. 12. 1978: »Elisabeth
Eleanor Siddal (1834-1862) ist besser bekannt als das schöne Malermodell
der Bruderschaft der Präraphaeliten in England, als durch eigene Werke.
Sie war mehrere Jahre die Geliebte und Schülerin von Dante Gabriel Rossetti.
1855 hatte der Kritiker John Ruskin ihr ein jährliches Gehalt von 150
Pfund versprochen für ihre gesamte künstlerische Produktion. Bald
litt sie jedoch an Anfällen von Melancholie und endete 28jährig
ihr Leben durch Selbstmord«. - Artemesia Gentileschi (1593 - 1652/53):
Ihr Leben durchbrach in vielem die konventionellen Gepflogenheiten der Renaissance,
Ihr Vater Orazio war der berühmteste Nachfolger von Caravaggio. Zunächst
unterrichtete er sie selbst. 1611 heuerte er Agostino Tassi an, der der Tochter
Unterricht in Perspektive gab. Tassi, ein streitsüchtiger Charakter,
vergewaltigte A. G. und suchte sie durch Eheversprechen zu beruhigen. Orazio
Gentileschi brachte ihn vor Gericht. Das Verfahren begann im Mai 1612 und
dauerte 5 Monate. Tassi erhielt eine Gefängnisstrafe von 8 Monaten -
und Artemesia die Daumenschraube. Einen Monat nach Beendigung des Verfahrens
wurde sie mit Pietro Antonio di Vincenzo Stiattesi verheiratet. Kurz darauf
verließen beide Florenz. »Das Verfahren mußte für sie
eine schmerzhafte Erfahrung gewesen sein; denn seitdem stand sie im Ruf, eine
sexuell anrüchige Frau zu sein.« Siehe Women Artists, a.a.O., S.
118
(6) Vgl. Fritz Neugass, a.a.O.
(7) Ebda.
(8) Women Artists, a.a.O.
(9) Ebda. S. 45 -50. Und H. Lapuze, ed. Procès-Verbaux de la Commune
Générale des Arts et de la Societé Populaire er Républicaine
des Arts, Paris 1903.
(10) Women Artists, a.a.O. S. 46.
(11) Jürgen Schultze, Neunzehntes Jahrhundert, Baden-Baden, 1970,
S. 19, und Alvar Gonzales-Pacios, David und die Malerei zur Zeit Napoleons,
München, 1965.
(12) Während David im Brüsseler Exil ungehindert weiter malte (amouröse
Szenen aus der Mythologie, Porträts), wurde Marie Guillemine Benoist
von ihrem Mann Pierre Vincent in Paris das Malen verboten.
(13) Eugène Delacroix La Liberté Guidant Le Peuple zeigt
die Ideen der Julirevolution und provozierte weit mehr durch den Inhalt als
durch die Malweise. Die Allegorie der Freiheit (Frau mit entblößter
Brust), die überlebensgroß im Geschehen steht, trägt in den
Händen eine Flinte und die dreifarbige Fahne der Republik, die Trikolore.
Auf dem Kopf trägt sie den Kopfschmuck der Jakobiner (Sansculotten),
die phrygische Mütze, die vermutlich in frühen Zeiten von den Amazonen
und Galeerensklaven getragen wurde. Das Portrait of a Negress der Marie
Guillemine Benoist weist den klassiszistischen Einfluß Davids auf. Nicht
nur die sichere Haltung der Frau, auch der Kopfschmuck offenbaren ihre Wohlhabenheit.
Eine Sklavin hätte nicht die Mittel gehabt, das 2 m große Tuch,
unter dem das Kraushaar geglättet getragen wird, zu erwerben.
(14) Vgl. Women Artists, a.a.O., S. 209. Seit etwa 1802 malte Marie G. B.
häufig sentimentale Genreszenen. Historienbilder finden sich seit dieser
Zeit vor allem in den Zeichenbüchern.
(15) Women Artists, a.a.O., S. 49-50
(16) Ebda.
(17) Noch 1976 schrieb der Kritiker Günter Engelhard im Kölner
Stadtanzeiger: »Vor Urzeiten hat sich der männliche Künstler
vor der Einsicht gebeugt, daß seine Inspirationen abhängig sind
von der Verarbeitung weiblicher Energie.« Es ist äußerst
aufschlußreich, solche Zitate im Lichte des den Frauen auferlegten Studier-
und Ausstellungsverbotes neu zu interpretieren. Nicht selten wurde in ihm
auch die Musenrolle der Frau der >rationalen Vernunft< geopfert. Der >Rose-Croix<-Orden
etwa, der, im 17. Jahrhundert gegründet, im 18. Jahrhundert zahlreiche
Ausstellungen der Präraphaeliten organisierte und die ideale Schönheit,
das Geheimnis und die Naturmystik propagierte, hat der theosophischen Tradition
entsprechend das Bild der Frau und mithin von Weiblichkeit okkult und geisterhaft
verklärt. Die Frau war ihm Muse und Modell. »Gemäß den
Traditionen des Magischen Rechts wurde vom Orden niemals das Werk einer Frau
ausgestellt oder aufgeführt.« Auch die Präraphaeliten haben
sich der Einsicht gebeugt, die »weibliche Energie« verarbeiten
zu müssen, und sich dabei auf das magisch-archaische Recht der »Urzeit«
berufen.
(18) S. Philippe Julian, Der Symbolismus, Köln 1974. Cillie Rentmeister,
The Raised Voices of Women in the Mid-Nineteenth Century France, Übers.
>Heresies Nr. 2<, Feminist Publication on Art and Politics, New York 1977,
S. 53.
(19) A.a.O.: »What did George Sand really want and what kind of views
did Daumier credit to her blue-stockinged followers? In 1831 the Baroness
Dudevant had left her husband and experienced her first success as a feuilletonist
for >Le Figaro< under the Pseudonym George Sand. Soon after that, in her novels
>Indiana< and >Lélia<, she created heroines who protested the tyranny
of marriage. The subsequent development of Sand's political consciousness
was similar to that of countless other women. She moved from the Saint-Simonians,
who wanted her to be their »Mother«, to the social utopians and
Lamennais and eventually, at the end of the 1830s, she converted to the views
of Pierre Leroux, who fought capitalism through forced development of new
methods of agricultural production. George Sand took Leroux's Position in
her so-called social novels written after 1840. She made farmers and workmen
her protagonists and declared them to be the determining social force, paralleling
the actual historical role of these classes from 1830 to 1850. Her opinions
placed her in the left wing of the petit bourgeois democrats.« "In der
Frauenfrage erwartete George Sand - wie Leroux - keine Lösung, bevor
die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht grundsätzlich umgewälzt
wären. Aber es ist nicht dieser blinde Glaube an automatische Veränderung,
der dafür verantantwortlich ist, daß die Frauenfrage in ihren Romanwerken
nur eine periphere Rolle spielt. Aus ihrer politischen Arbeit konnte sie zu
keiner klareren Analyse der gegenwärtigen und zukünftigen Rolle
der Frauen in der Gesellschaft kommen. Da sie von den meisten einflußreichen
Männern als eine der ihren angesehen wurde, nahm sie an, daß sie
die Emanzipation erlangt hatte. Sie wurde aus Überzeugung zum Mann und
hatte für ihr früheres Geschlecht nur noch Verach tung. So trennte
sie sich 1848 von den Frauenrechtlerinnen.«
(20) Bild-Lexikon der Kunst, Köln 1976.
(21) Vgl. Women Artists, a.a.O.
(22) Vgl. Linda Nochlin, Excerpts from Women and the Decorative Arts, Heresies
Nr. 4, S- 43.
(23) Siehe Kap. 1, Anmerkung 1.
(24) In den sechziger Jahren. John Anthony Thwaites, Erinnerungszitat, genaue
Datierung unbekannt.
(25) Vgl. Alvar Gonzales-Palcios, David und die Malerei Zur Zeit Napoeons,
München 1965.
(26) Women Artists, a.a.O., S. 46.
(27) Statistiken würden diese These belegen. 1801 waren 14, also 6% der
an den >Salons< beteiligten Künstler Frauen, 1810 waren es 17,9%, 1822
14,1% 1835 sogar 22,2%. An der Baseler Art' 1976, dem Internationalen Kunstmarkt,
nahmen 13,8% Frauen teil. Die Geschichte geht für die Frauen im Schneckentempo
voran.
(28) Vgl. Lucy Lippard, From the center, Feminist Essays on Women's Art,
A Dutton Paperback, New York, 1976
(29) Vgl. Kat. Frauen machen Kunst, Galerie Ph. Magers, Bonn, 1976.
(30) Vgl. Kap. 1, Anm. 3.
(31) Vgl. Kap. 1, Anm. 18.
(32) Künstlerinnen International 1877-1977 fand nicht in Museen
statt, sondern in Kunstvereinen. Im Berliner NGBK hatte sie 35 000, im Frankfurter
Kunstverein 6800 Besucher.
(33) Show me your dances ... Joan Jonas and Simone Forti with Carla Liss,
in: Art & Artists Nr. 7, Volume 8, October 1973.
(34) Die Museen begründen ihr Desinteresse oder ihre latenten Zensurmaßnahmen
immer mit einer mutmaßlichen Publikumsmeinung. Noch 1967 wurden Charlotte
Moorman und Nam June Paik während der Aufführung der Opéra
Sextronique, in der Ch. M. nackt auftrat, in einer New Yorker Institution
verhaftet. - Das Britische Arts Council hat noch 1976 eine kleine Publikation
von Suzanne Santoro (Towards a new expression), die ein phallokratisches Wandgemälde
(Grafitti) aus Rom und fotografische Klitoristopoi zeigte, aus einer Ausstellung
zurückgezogen. Siehe: Spare Rib, London, Januar 1976.
(35) »Ich möchte prosaisch aufhören: zu ganz wesentlichen
Fragen der westeuropäischen Transformationsperiode haben die Marxisten,
bei alter Gelehrtheit, die sie manchmal auszeichnet, noch nicht viel Vernünftiges
gesagt. Kann man wirklich von einem produktiven Beitrag des Marxismus zur
Emanzipation der Frau, zu Bürgerinitiativen gegen Kernkraftwerke, Arbeiterinitiativen
gegen die Zerstörung ihrer Wohngebiete, überhaupt zu allen Problemen
sprechen, die den Lebenssinn und die Umwälzung der Lebensweise der Menschen
betreffen? Wohl kaum. Eine Erneuerung des Marxismus muß mit der Beseitigung
seiner Ausgrenzungen beginnen.« Oskar Negt, Nicht das Gold, Wotan
ist das Problem. Der jüngste Aufstand gegen die dialektische Vernunft:
die »Neuen Philosophen« Frankreichs, in: Literaturmagazin
9, Hamburg 1978
(36) H. M. Enzensberger, in: Kursbuch 52, Utopien 1, Zweifel an der
Zukunft, Berlin 1978.
(37) Hazel E. Hazel, Wer emanzipiert wen wohin? in: Maskulin Feminin,
2 vermehrte Auflage, München 1975
(38) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK, Berlin
1977, S. 8-13, Essay von Ursula Bierther.
(39) Ebd.
(43) Vgl. Werner Hofmann, Das Irdische Paradies, München 1960.
(44) Ebd.
(46) John Berger, Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso, Hamburg
1973
(47) Ebd.
(52) Man Ray, Autorität, Paris 1964. La véritable histoire
de Kiki de Montparnasse, S. 135-150.
(53) Ebd.
(56) Pierre Cabanne, Gespäche mit Marcel Duchamp, Galerie der
Spiegel, Köln 1972, S. 41. M. D. wurden die Geldsummen später von
seiner Erbschaft abgezogen. Von den fünf Geschwistern wurde die Schwester
durch das väterliche Testament mit der größten Erbsumme bedacht.
(57) Marcel Duchamp, Ready Made, 180 Aussprüche aus Interviews,
zusammengestellt und herausgegeben von Serge Stauffer, Rainbow Special 1,
Zürich 1972.
(58) Ebd.
(59) Hans G. Helms, Ideologie der anonymen Gesellschaft, Köln
1966.
(60) Vgl. M. Duchamp, a.a.O.
(61) Junggesllenaschine / Les machines célibataires, Venedig,
1975, hrsg. von Harald Szeemann.
(62) Ebda.
(63) Pierre Cabanne, a.a.O. »Das stimmt. Das Paris der Kunst war damals
in einzelne Bereiche gegliedert, und das Viertel Picassos und Braques, der
Montmartre, existierte, abgelöst von den anderen Bezirken, fast für
sich allein. Glücklicherweise bin ich damals öfter dorthin gekommen,
und zwar zusammen mit Princet. Princet war ein ganz außergewöhnlicher
Mensch. Ein simpler Mathematiklehrer an irgendeiner Privatschule oder sowas
ähnliches, aber er gab sich als vorzüglicher Kenner der vierten
Dimension aus; und man hörte auf ihn. Selbst Metzinger, der wirklich
intelligent war, bediente sich seiner Kenntnisse. Man sprach über die
vierte Dimension, ohne recht zu wissen, was das heißen sollte. Übrigens
ist das heute noch so.« (M. D. 1972).
(64) Junggesellenmaschine, a.a.O.
(65) »Die >elektrische Entkleidung< geht an der Verbindungsstelle der
beiden Teile des >Glases< vonstatten. Oberhalb der Mittellinien, welches das
aufzuhakende Gewand darstellen, steigt links eine Art Röhre hinauf zu
dem >Räderwerk der Begierde<, dem konstitutiven, skelettartigen Teil
der Neuvermählten. In diesem Teil hat der >Typenbaum< seine Wurzeln.
Die Gesamtheit dieser Organe ist mit den Namen >Weiblicher Gehenkter< bezeichnet.«
Robert Lebel, Duchamp, Von der Erscheinung zur Konzeption, Köln
1962.
(66) Hierzu meint Serge Stauffer: »Diese etwas gereizte Antwort war
sozusagen das Ende unserer Korrespondenz, denn ich war nicht unbescheiden
genug, darauf etwas zu erwidern. Ich war damals vierzig Jahre jünger
als er! Aber ich hätte ihm gern gesagt, daß ich nicht nur versucht
hatte, zu lachen, sondern daß es zuweilen eben vorkam, daß ich
lachte. Hatte die Zeit Duchamp eingeholt?«
(67) Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung II, Frankfurt 1959 (Kampf ums neue
Weib).
Anmerkungen zu >Das böse Wort vom Ghetto<
(1) Vgl. Lucy Lippard, From the Center, Feminist essais on feminist art,
New York 1976, S. 96. In dieser Zeit hatte Judy Chicago bereits mit ihrem
>Fresno<-Programm begonnen. Die künstlerisch tätigen Feministinnen
wurden damals von den Filmemacherinnen unterstützt. Damals wurden die
entlarvenden Statistiken auf der Titelseite der Los Angeles Times publiziert.
Die offizielle Antwort des Museums lautete: »Die Arbeit von Frauen ist
nicht gut genug.«
(2) Zu Beginn der siebziger Jahre haben amerikanische Zeitungen über
den Einfluß der CIA auf die Verbreitung des >Abstract expressionism<
offiziell hingewiesen.
(3) Darüber, daß es auch für heute hochdotierte Künstlerinnen
kaum möglich war, sich gegen die einflußreiche New Yorker Kritiker-Mafia
durchzusetzen, berichtet, längst zu Ruhm und Ehren gekommen, noch im
hohen Alter Louise Nevelson (geb. 1899 in Kiew, die 21jährig nach New
York kam) in einem Interview mit Cindy Nemser. Conversations with 12 Women
Artists, New York 1975.
(4) Th. W. Adorno, Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten
Leben, Frankfurt 1951. »Kind mit dem Bade. - Unter den Motiven
der Kulturkritik ist von altersher zentral das der Lüge: daß Kultur
eine menschenwürdige Gesellschaft vortäuscht, die nicht existiert;
daß die materiellen Bedingungen verdeckt, auf denen alles Menschliche
sich erhebt, und daß sie mit Trost und Beschwichtigung dazu dient, die
schlechte ökonomische Bestimmtheit des Daseins am Leben zu erhalten.
Es ist der Gedanke von der Kultur als Ideologie, wie ihn auf den ersten Blick
die bürgerliche Gewaltlehre und ihr Widerpart, Nietzsche und Marx, miteinander
gemeinsam haben. [...] Zwanghaft reicht der Gedanke an Geld und allen Konflikt,
den er mit sich führt, bis in die zartesten erotischen, die sublimsten
geistigen Beziehungen hinein.« (S. 47/48).
(5) Ebda. S. 22.
(6) Sie war Dozentin an der Fresno University.
(7) Judy Chicago, Through the flower. Mit einem Vorwort von Anais
Nin, New York 1975, S. 225.
(8) Private Geldgeber der amerikanischen Museen.
(9) Judy Chicago berichtet, daß sie damals den »shrink«
(in den USA Spitzname für den Psychoanalytiker) besucht habe. Es gibt
kaum einen Avantgardekünstler (oder -Künstlerin) in den USA, die
dies gegenwärtig nicht tut.
(10) Vgl. Judy Chicago, a.a.O., S. 75-76: »Um den Frauen zu helfen,
stärkere Persönlichkeiten auszubilden, mußte ich mich für
sie und ihren bisherigen Lebensweg interessieren. [...] Ich verstand, daß
ich nur dann, wenn ich auch ihre Persönlichkeitsstrukturen begriff, die
Dinge bewegen könnte, die sie an der Entwicklung hinderten. Es ist sehr
wichtig zu betonen, daß ich mich dazu entschieden hatte, mit sehr jungen
College-Studentinnen zu arbeiten, und daß die Probleme, die ich dabei
antraf, mit ihrem Entwicklungsstand korrelierten. Mein ganzer Argwohn gegenüber
Rollen-Konditionierung und der Entwicklung von heranwachsenden Frauen hat
sich während der Arbeit im >Fresno-Experiment< bestätigt. Ich habe
meine Konditionierungen abgelegt, weil ich dazu erzogen worden war, es zu
können. Nur wenige der jungen Künstlerinnen, mit denen ich im >Fresno<
arbeitete, hatten dasselbe selbstverständliche Bewußtsein wie ich.«
(11) Ein Extensionsprogramm des >Women's Building< vom Sommersemester 1976
bietet u. a. auch >Assertiveness Training< an (und >Anti-Rape and Self Defense
Tactics<, einen >Comedy Workshop<, >Dancing as a Social Experience<, >Traditional
Fairytale Alternatives<, >Money and Management<-Kurse etc.). 1727 North Spring
Street, Los Angeles, Calif. 90012.
(12) Das Glück in der Toilette. Rosa von Praunheim erzählt ihr
Leben, in: Neues Forum Wien, Heft 276, 1976, S. 43.
Anmerkungen zu >Das Womanhouse<
(1) Psychoanalyse der weiblichen Sexualität. Herausgegeben von
Janine Chasseguet-Smirgel, Frankfurt, 1974.
(2) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976.
(3) Ebda., S. 39.
(4) Vollständiger Text in MS, 1973 und Through the flower
(Judy Chicago) Doubleday Inc., 1975.
(5) Vgl. Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, a.a.O.
(6) Ebda.
(7) Siegfried Kracauer, Schriften 8 Jacques Offenbach und das Paris seiner
Zeit, S. 215-227 (Kurtisanen, Lebemänner, Journalisten),
Frankfurt 1976.
(8) Vgl. Womanhouse, Alternativdokumentation, undatiert, hrsg. vom
>California Institute of the Arts<.
(9) Vgl. Klaus Theweleit, Männerphantasien I, Frauen, FIuten, Körper,
Geschichte, Frankfurt 1977.
(10) Psyche Nr. 8, Stuttgart, August 1978, Carol Hagemann-White.
(11) Weitere Auflösungsprozesse finden sich in Lyn Hershmans satirischer
Performance Re-Forming Family Environment. Dieses Psychodrama findet
in einem Wohnhaus statt. Hauptakteurin ist Margo St. James, die Anführerin
der Liga der Prostituierten in Calif. >CAYOTE< (>CALL OFF YOUR OLD TIRED ETHICS<).
Ein Wachskonterfei von M. St. James liegt im Bett, sie liegt daneben und lacht,
während ein weiterer Wachsabguß ihres Körpers in der Sauna
vor sich hinschmilzt. Carolee Schneemann setzt sich in ihrer Aktion Eye Body
Schlangen auf den Körper. Am Ende des Multimedia-Events löst gleitendes,
farbiges Licht das Bild ihres Körpers in abstrakt-expressionistische
Strukturen auf.
(12) Im Mai 1969 schrieb der Leiter der Stabsabteilung Psychologie des Frankfurter
Werbebüros >Cream International<: »Als Sex-Werbung bezeichnen wir
jedes visuelle, verbale oder auditive Kommunique, das sich in der Gestaltung
seiner Signalstruktur auffälliger Bilder, Symbole, Geräusche, Wörter
und Anspielungen aus dem Bereich der Sexualität bedient. [...] Der sexuelle
Anstoß, den wir dem Umworbenen vermitteln, führt für ihn subjektiv
zu einem Frustrationserlebnis. Wieweit er sich dabei der Versagung reflektierend
bewußt wird, ist im Moment von untergeordneter Wichtigkeit. [...] Dem
Gesamtbild, in dem wir neben der längst zum unumstößlichen
Faktum gewordenen Sex-Werbung das Phänomen der höher und höher
brandenden sog. Sex-Welle lokalisieren können. [...] Dabei soll von vornherein
klargestellt werden, daß diese Sex-Welle nicht nur uns hilft, den in
der Absatzbranche Tätigen, sondern der Gesamtheit der Bevölkerung.
[...] Dieser psychische, rein visuell-auditiv, ohne Aktualberührung ausgelöste
Höhepunkt ist es, den wir als repräsentatives Modell der Befriedigung
der Zukunft verstehen müssen. [...] Andernfalls droht uns die Gefahr,
daß die Verbraucher sich eines Tages animiert fühlen könnten,
der media-vermittelten Frustration, dem eigentlichen Motor unserer gesamten
Überflußgesellschaft, nicht mehr länger nur durch nervösen
Konsum zu begegnen, sondern auf eigene Faust neue, unerprobte Wege der Befriedigung
zu beschreiten. Für den Absatzmarkt würde die Gefahr einer solchen
Entwicklung im drohenden Verlust der Kontrolle über die Verbraucher liegen
- ein Vorgang, der sofort ernsthafte Konsequenzen für die Gesamtwirtschaft
nach sich ziehen würde.« In Alfred Behrens, Gesellschaftsausweis,
Social Science Fiction, Frankfurt 1971.
(13) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
(14) Frieda Grafe, Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers,
Friederike Pezold, Video, Zeichnungen, Fotos, in: Filmkritik Nr.
3/76.
(15) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
(16) Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie
der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied 1970, S. 82.
(17) Ebda, S. 80.
(18) Ernest Bornemann, Po = Po? Das Ungebever von Loch Ness heißt
in diesem Sommer Titelpopo, in: Zeit-Magazin Nr. 32/4, August
1978
(19) Vgl. Womanhouse, a.a.O.
(20) Vgl. Katalog der Galerie Krinzinger, Innsbruck 1975, Feministische Kunst.
(21) Ebda.
(22) Ebda.
(23) Ebda.
(24) Kath. Künstlerinnen International 1877-1977, West-Berlin, S. 288.
(25) Iring Fetscher, Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das
Märchenverwirrbuch, Frankfurt 1974, S. 82.
(26) Martha Rossler schrieb eine Kurzgeschichte, in der sie vom Aschenputtel-,
zum Cinderella-Topos überwechseit, um dann auf die eigene Kindheit zu
sprechen zu kommen. She saw herself a new woman every day ist der Typos
einer Rachegeschichte posthum. Besonders im letzten Teil der Geschichte fungiert
der Schuh (die Schuhe) als Symbol für die Einengungen der weiblichen
Erziehung, der Schuh ist gleichzeitig ein Sargsymbol (Ohnmachtssymbol). M.
R. berichtet, wie sie als Kind in der Schuhkammer ihrer (sadistischen) Großmutter
gespielt hat, wo sie ihre kleinen, häßlichen Schuhe mit den Tanzschuhen
der Großmutter aus den zwanziger Jahren verglich. Der glitzernde Glamour
habe sie an den gläsernen Schuh aus dem Cinderella-Mythos erinnert. Sie
selbst habe während dieser Zeit Kinderschuhe getragen, deren Schnallen
ihr weh taten, oder zu große Stiefel (aus Gründen der Geldersparnis).
Daher habe sie sich unbewußt - über das Symbol des schönen,
begehrten Schuhs, der für sie damals ein Symbol von Selbständigkeit
und Freiheit war - mit der zynischen Großmutter identifiziert, die sie
sich nicht anders habe vorstellen können. Die Geschichte endet damit,
daß sie eines Nachts in den Straßen von New York die Schuhe auszieht
und wegwirft, um barfuß nach Hause zu gehen. Diese Geschichte, die wohl
auch als posthumes Konstrukt verstanden werden muß, deutet an, welche
irrlichtigen Welten, fernab von gegenwärtigen Alltagsproblemen, von einigen
dieser Künstlerinnen, die eine Psychoanalyse hinter sich haben, gestaltet
und entschlüsselt werden. Martha Rosslers verschachtelte Geschichte gibt
der Phantasie nur sehr begrenzt emanzipatorische Nahrung und setzt die »endlose
Trauerarbeit« der Psychoanalyse fort. Daß die Kindheit in der
Kunst der amerikanischen Feministinnen Hochkonjunktur hat, ist auch auf die
Einflüsse der Psychoanalyse (nicht des CR) zurückzuführen,
deren vielleicht unbewältigte Methodik die Künstlerinnen immer wieder
auf diese Phase zurückwirft.
(27) Vgl. Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, a.a.O.
(28) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
Anmerkungen zu >Die nicht unterdrückte Sexualität<
(1) Masculin-Feminin, München, zweite vermehrte Auflage. Zitat
aus dem Nachwort von Anita Albus, Frank Böckelmann und Rita Mühlbauer.
(2) Lizzie Borden, Women and Anarchy, in: Heresies Nr. 2, S.
71-77, New York.
(3) Vgl. Womanhouse, a.a.O. S. 110.
(4) Mary Jane Sherfey veröffentlichte ca. 1972 in den USA ihr Buch Die
Potenz der Frau, das den Künstlerinnen bekannt ist. Sie hat die
Entdeckungen von M. Masters und Virginia Johnson weiterentwickelt und bereicherte
Freuds psychoanalytische Theorien über die weibliche Sexualität
um ethnologische, embryologische Forschungen sowie neue Studien und Erkenntnisse
auf dem Gebiet der evolutionären Biologie und der Hormonforschung. Ihren
Studien ist ein Zitat aus Freuds Schrift Jenseits des Lustprinzips
(1920/1973) vorangestellt: »Hingegen wollen wir uns recht klar machen,
daß die Unsicherheit unserer Spekulation zu einem hohen Grade durch
die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen bei der biologischen Wissenschaft
zu machen. Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten,
wir haben die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten
und können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns gestellten
Fragen später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser
ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen würde.« Mary
J. Sherfey geht von der bereits von Master-Johnson beobachteten multiplen
Orgasmus-Struktur der Frau aus und bemängelt, daß die Wissenschaften
diese Beobachtungen in der überwältigten Zahl der Fälle nicht
gewürdigt habe. In der Folge beobachtet sie die Wechselwirkungen zwischen
>multiplen Orgasmen< und klitoridaler Erlebnisweise. Sie revidiert die >Vaginal-Orgasmus-Theorie<
S. Freuds und stellt fest, daß orgastisches Erleben an der Klitoris
ausgelöst wird und über »Nervenendigungen« an die Vagina
weitergeleitet wird. Ihre These ist eine >Klitoris-Leitzonen-Theorie<. Zusatz:
»Anhand dieser Ausführungen könnte man leicht mutmaßen,
weibliche Orgasmen seien intensiver als männliche. Solche Spekulationen
sind jedoch nicht ungefährlich, denn sie lassen entscheidende und imponderabile
psychologische Faktoren außer acht. Niemand kann fühlen, genau
fühlen, was der andere fühlen mag, noch das jeweilige Maß
an Schmerz oder Lust beurteilen. [...] Ich denke an Tiresias, den Seher von
Theben, dem die Götter vergönnten, hintereinander als Frau und als
Mann zu leben. Die Legende erzählt, wie Zeus und Hera im Verlauf eines
ihrer endlosen Ehezwiste sich stritten, welchem der beiden Geschlechter wohl
das größere sexuelle Vergnügen beschieden sei. Mit verblüffender
Klugheit und Voraussicht behauptet Zeus, es sei die Frau. Hera, Pionierin
aller Kämpferinnen für die Gleichberechtigung der Frau, widersprach
Zeus heftig und erklärte, alle Welt wisse, daß der Mann das größere
Vergnügen dabei habe. Das Paar einigte sich schließlich, den Seher
Tiresias zu befragen, der das einzige Wesen war, das beide Seinsformen erlebt
hatte. Tiresias fällte einen Spruch: Es sei die Frau. Hera, zornig, weil
sie des altehrwürdigen Vorwandes, den Männern alles zu verargen,
sich beraubt glaubte, wandte sich gegen Tiresias und schlug ihn mit Blindheit
- weil er zu vieles zu weise erkannt hatte.« Aus Die Potenz der Frau,Clepto-Print,
Luxemburg 1974.
(5) Volker Elis Pilgrim, Manifest für den freien Mann, München
1977: »Obszöne Passagen in der Literatur benutzen immer den Begriff
>Tiefe<, der mich als junge dazu verleitete, anzunehmen, das Lustzentrum der
Frau befände sich am Gebärmuttermund, ich müsse da nur hindringen.
Die eindeutig anders gelagerte Situation war für mich enttäuschend,
ist es möglicherweise für jeden Mann: der gelobte, geliebte, mit
Ängsten und Hoffnungen besetzte Schwanz war für die Lust der Frau
nichts wert. Das wollte ich aber nicht auf mir, auf >dem Mann< sitzen lassen.
[...].Die Unterdrückung der Frau begann mit dem vom Mann zu verantwortenden
Raub des Bewußtseins ihrer Klitoris, infolgedessen sie im Laufe der
Jahrtausende auch die Identität, das Bewußtsein ihrer selbst verlor.«
(6) Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951, S. 112: »[...]
etwas davon ist den Frauen, zumal denen des kleinen Bürgertums, bis in
die späte industrielle Ära hinein geblieben. Das Gedächtnis
an die alte Verletzung lebt noch fort, während der physische Schmerz
und die unmittelbare Angst durch Zivilisation behoben sind.«
(7) Ebda., S.
(8) Vgl. M. J. Sherfey, a.a.O.
(9) Schriftliche Mitteilung vom August 1977.
(10) S. Courage Nr. 9, Sept. 1978, 3. Jahrgang, Klitorisbeschneidung,
Genitale Verstümmelung von Frauen in Nordafrika, S. 20-28. Der Text
unterscheidet drei Arten von genitaler Verstümmelung an Frauen: die »schonende
Art« (Entfernung der Glans), die Entfernung der ganzen Klitoris und
aller äußeren Genitalien, das Herausschneiden der angrenzenden
Schamlippen, die Infibulation (pharaonische Beschneidung), Entfernung der
ganzen Klitoris und der kleinen Schamlippen sowie eines Teiles der großen
Schamlippen. Beim ersten Verfahren wird die Vagina bis auf eine kleine Öffnung
(für Blut und Urin) mit Dornen oder Katzendarm verschlossen. Jede Form
der Klitorisverstümmelung verringert nicht nur die sexuelle Lust der
Frau (als Schutz vor außerehelichen und vorehelichen sexuellen Beziehungen
gedacht), verschiedene Formen führen bei akuten Blutungen zum Tode oder
zu gefährlichen Komplikationen während der Geburt. Der Ritus wird
an Mädchen im Alter von 8 bis 14 Jahren vollzogen. Fatalerweise fehlen
bis heute Statistiken oder Berichte über die Gefährlichkeit der
Klitoridektomien in diesen Ländern völlig, obwohl, wie eine Hebamme
bezeugt, die Gefahren nicht unbekannt sind. »Christliche Missionare
haben auch den Zusammenhang von Sex und Zeugung unaufgeklärt belassen
und so stillschweigend zugelassen, daß diese Bräuche fortgesetzt
werden. Als Rechtfertigung wird häufig angegeben, daß die Klitoris
als Gegenstück zur Penishaut entfernt werden muß, damit das Mädchen
zur Frau werden kann, ähnlich wie die Vorhaut beim Knaben als Symbol
seiner Männlichkeit entfernt werden muß. Viele, mehr oder weniger
ausgeschmückte Geschichten erzählen in der ethnographischen Literatur
davon.«
(11) Schriftliche Mitteilung vom August 1978.
(12) Ebda.
(13) Ebda.
(14) Luce Irigaray, Waren, Körper, Sprache. Der ver-rückte Diskurs
der Frauen, Berlin 1976, S. 14-15.
(5) Schriftliche Mitteilung vom August 1978. Weiblich
(16) Christian David, Zu einer männlichen Mythologie über die
Weiblichkeit, S. 72 in: Psychoanalyse der weiblichen Sexualität,
hrsg. von Janine Chassaguet-Smirgel, Frankfurt 1975.
(17) Ebda, S. 73.
(18) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976,
S.142
(19) Frieda Grafe, Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers,
in: Filmkritik 3/76.
(20) Schriftl. Mitteilung vom August 1977.
(21) >Hassidic men wearing their black hats<, gemeint sind die »orthodoxen
Juden«, die »Hassiden«, die stets eine Kopfbedeckung, eben
die »schwarzen Hüte tragen«. Für den Hinweis danke ich
Peter Gorsen. Hannah Wilkes Bild Lake Ontario ist eine Paraphrase auf
dieses Thema.
(22) Hannah Wilke, In conversation with Ruth Iskin. Visual Dialog,
1977, S. 16-21.
(23) Die Thora ist eine in den Gottesdiensten benutzte Schriftrolle
mit den fünf Büchern Moses: 1. Genesis, 2. Exodus, 3. Leviticus
(Priesterkodex), 4. Numeri (Volkszählung) 5. Deuteronomium (Wiederholung
der Gesetze). Der Talmund basiert auf der Thora. Er besteht
aus 6 Ordnungen und 63 Traktaten. In der 3. Ordnung ist das »Naschim«,
das Buch über Frauen zu finden. Für den Hinweis danke ich Peter
Gorsen.
(24) Deena Metzger, In her image, in: Heresies Nr. 2, New York
1977, S. 3-11.
(25) L. Irigaray, a.a.O., S. 26.
(26) WDR III-Manuskript, Kultur und Wissenschaft, Am Abend vorgestellt, 1977.
Mit freundlicher Genehmigung von Christina von Braun.
(27) D. Metzger, a.a.O.
(28) Von messianischer Verklärung der Frau kündet auch Jacqueline
Lapidus' Beitrag in Heresies Nr. 4 mit dem Titel Design for the
city of women. »Die Frauen leben in der Grotte. Sie sammeln Seeweizen,
Moos und wilde Blumen, die sie roh essen, oder sie machen eine Paste daraus,
die sie in der Sonne zu Kuchen backen. Ihre Körper sind stark, gebräunt
und gesund. Sie haben gelernt, ihre Babies nach Jungfernzeugung auszutragen.
Jede Frau, die ihre Energie auf den Leib ihrer fruchtbaren Geliebten konzentriert,
kann sie befruchten. Während der Schwangerschaft streicheln die Frauen
ihre Bäuche, um die Kinder auf die Gemeinschaft vorzubereiten. Sie bringen
ihre Kinder hockend zur Welt: Freunde unterstützen das Atmen, indem sie
laut im Rhythmus der Mutter atmen. Oder sie singen, um die Mutter in ihrem
Atmungsrhythmus zu bestärken. Wenn das Kind den Schoß verlassen
hat, baden sie es in sonnengewärmtem Seewasser, legen es auf den Bauch
der Mutter und massieren es zärtlich, bis es zu lächeln beginnt.
Wenn eine Mutter nicht stillen kann, hilft ihr eine andere. Es macht den Frauen
Spaß, an den Nippeln der anderen zu saugen, und wenn sie Milch trinken,
durchläuft ihre Körper ein weiches Gefühl von Lust. [...] Die
Frauen leben schon so lange zusammen, daß ihre Menstruation zur gleichen
Zeit einsetzt. Während der Zeit der Menstruation fühlen sie sich
besonders stark und üppig. Die Macht ihres Blutes durchfließt sie.
Während sie am Strand hocken, studieren sie die Muster, die ihr Blut
im Sand zurückläßt, und erlangen dadurch eine intime Kenntnis
ihres inneren Selbst. Nachts machen sie folgende Riten: Die Frauen greifen
in die Vagina der anderen Frauen und verteilen das Blut mit liebenden Fingern,
sie bemalen ihre Körper damit. Bilder des Glücks fließen vom
Gesicht jeder Frau in das der anderen, über die Brüste, den Bauch
und den Rücken hinunter. Dann tanzen sie in Spiralformen. Wenn ein junges
Mädchen zum ersten Mal menstruiert, führt ihre Mutter oder Amme
sie in den Initialritus ein. Ältere Frauen, die nicht mehr menstruieren,
bemalen, durch die Liebkosungen der jungen erregt, ihre Körper mit deren
Blut. Obwohl die Symbole auf ihrer faltigen Haut farblos sind, kann jeder
sie sehen.« S. 98. Allerdings muß an dieser Stelle nochmals betont
werden, daß mit dieser »magischen« Fluchtbewegung die meisten
Menstruationstopoi nichts gemein haben. Bis auf einen weiteren Beitrag (von
Sue Heinemann) sind alle anderen der Sondernummer von Heresies über >Lesbian
Art und Artists< nicht von Sektierertum gezeichnet.
(28) Maskulin-,Feminin, 2. vermehrte Auflage, München, Nachwort
von Anita Albus, Franz Böckelmann und Rita Mühlbauer.
(29) Ebda.
(30) Heresies Nr. 1, New York 1976.
Anmerkungen zu >Der vorläufige und der eigene Blick<
(1) Gilbert Lascault, Figurées, défigurées. Petit
vocabulaire de la feminité répésentée, Paris
1977. Der Autor beruft sich auf ein unveröffentlichtes Manuskript von
Aline Dallier-Popper, Paris.
(2) Ebda. Referenzen: F. Sévin, Degas ˆ travers ses mots, in:
Gazette des beaux-arts, Juli-August 1975, S. 18-46.
(3) Ernst Bloch, Das antizipierende Bewußtsein, Frankfurt 1972,
S. 9.
(4) Die schwarz-weiße Göttin und ihre leibhafte Zeichensprache,
Kat. der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden 1977.
(5) Ebda.
(6) Th. W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951, S. 112.
(7) Schriftliche Mitteilung vom August 1978.
Anmerkungen zu >Und kein Finale<
(1) Siehe auch >Mama! sop< Wowan artists together, London 1977.
(2) Eine Schrift aus dem angelsächsischen Sprachraum ergründet die
Ursachen des sprunghaft gestiegenen Tranquillizer- und Alkoholkonsums: Women
- Their Use Of Alcohol And Other Legal Drugs, A provincial consultation,
hrsg. von Annie McLennan, zusammengestellt von Lavada Pinder, Addiction Research
Foundation of Ontario, Toronto, Canada, 1976.
(3) Suzanne Santoro, Per una exprossione nuova / towards a new expression,
1974, Edizione Rivolta Femminile, Rom. Der Grafitti könnte auch
mit Hilfe der Psychoanalyse entschlüsselt werden. Nach S. Freud »teilt«
der Mann aufgrund seiner Triebängste die Frau in Mutter und Hetäre.
An der Hure befriedigt er diejenigen Gefühle und Triebe, »die er
sich am geachteten Weibe nicht zu befriedigen getraut«, da dieses ihn
an die phallische, böse Mutter der Kindheit erinnert. Der Raum, den der
Phallus auf dieser Wandzeichnung einnimmt, könnte eine Kompensation anzeigen,
eine Demonstration von Macht gegenüber der als kastrierend empfundenen
Frau.
(4) Kat. des Wilhelm Lehmbruck Museums, 1975.
(5) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK West-Berlin
1977, Sarah Schumann: Fragen und Assoziationen zu Meret Oppenheim,
S. 72-79.
(6) Meter Oppenheim, Kat. Museum der Stadt Solothurn 1974: »Depressionen,
die auch während der ersten Pariser Tage immer wiedergekehrt waren, wurden
zum Dauerzustand.«
(7) Ebda.
(8) Ebda.
(9) 1932, mit 18 Jahren, ging Meter Oppenheim nach Paris. Dort lernte sie
Arp und Giacometti kennen. Ein Jahr später stellte sie im Kreis von Dali,
Arp, Ernst, Tanguy, Man Ray und anderen Surrealisten im >Salon des Indepépendents<
aus. Die »Pelztasse« entstand, als Meret 23 Jahre alt war, und
wurde für 200 Franken vom New Yorker >Museum of Modern Art< erworben.
Später (1974) hat sie, um den Mythos loszuwerden, ein Multiple Souvenir
de Déjeuner en Fourrure aus Pelz und Versatzstücken, die sie
in einer Turiner Autoraststätte fand, gemacht. Trotz ihrer Bedeutung
für den Surrealismus und dessen Entwicklung, ist Meret Oppenheim bis
heute in einschlägigen Standardwerken des Surrealismus nicht genannt.
Ihr Name fehlt auch in dem populären Standardwerk Surrealism, Permanent
Revolution von Roger Cardinal und Robert Stuart Short, Studio Vista, Dutton
Pictureback, London 1970.
(10) Vgl. Anmerkung 5. »[...] Mit 17 Jahren nahm M.O. sich vor, nicht
zu heiraten und keine Kinder zu bekommen. In dieser Zeit hatte sie einen Freund
(er war 22), der meinte, es gäbe die Hetäre und die Mutter, und
wenn man zur Frau gehe, dürfe man die Peitsche nicht vergessen, und wenn
man eine Frau haben wollte, müsse man ihr Kinder machen. Rückblickend
läßt sich sagen, daß sie weder ihre eigenen Vorsätze
(sie hat später geheiratet) noch die dubiosen Ratschläge dieses
Freundes (sie hat keine Kinder bekommen) befolgt hat.«
(11) Ernst Bloch, Das antizipierende Bewußtsein, Frankfurt 1972,
S. 73.
(12) Vgl. Ein Leben lang im Gartenbaus, in: Stern Nr. 18, April
1976, ein Bericht von Heiko Gebhardt und Stefan Moses. Die Wendung, das Bild
sei »später falsch datiert worden, weil eine kleine Korrektur stattfand«,
ist ein handschriftlicher Eintrag Hannah Höchs auf der Rückseite
des Fotos, das sie mir 1977 schickte.
(13) Das Thema >Mann-Frau<, das in der patriarchalischen Kunst in der Gestalt
der >Künstler-Modell<-Travestie erschien, wo in der Einheit von »Modell,
Geliebter und Ehefrau der Pygmalionmythos real wurde«, tritt seit Ende
des zweiten Weltkriegs in der Bildenden Kunst so gut wie nicht mehr auf. »Allenfalls
im Wunsch, das Geschlecht zu vertauschen, ist die Beziehung noch bildwürdiges
Problem.« Vgl. hierzu Kat. Das Bild des Künstlers - Selbstdarstellungen,
Kunsthalle Hamburg, 1978, Text v. Siegmar Holsten, Hamburg, S. 88-100.
(14) Mutter-Kind- oder Mann-Frau-Beziehungen werden im Proletarischen Roman
der zwanziger Jahre weit hoffnungsloser gestaltet als in der Bildenden Kunst.
Vgl. hierzu Hermann P. Piwitts Äußerungen über Lena Christs
Roman Erinnerungen einer Üerflüssigen, in: Literatur
Konkret 1977/78, S. 53.
(15) Dieses und alle weiteren Zitate von V.E. wurden der Publikation Intern.
Performance Festival, Wien 1978, entnommen.
(16) In der ästhetischen Produktion seit 1970 sind psychosomatische Körperereignisse
ein häufiger Topos, persönlicher Schmerz, Unzufriedenheit und Ängste
finden hier ihre Form. Dieses Thema, über das es erst diffuse Kenntnisse
gibt, müßte zu einem späteren Zeitpunkt genauer erörtert
werden. Die Unzufriedenheit der Frauen entsteht aus einer »Fesselung
der Produktivkräfte« (Ulrike Prokop) und der Bedürfnisse,
durch innere und äußere Isolation, durch die im Alltag vorherrschende
Routine, durch ökonomische Ängste, Angst vor dem Alter, der Zukunft
etc. Ulrike Prokop nennt sechs vegetative Störungen, unter denen die
Frauen »gesichert häufiger leiden als die Männer« (S.
88): Kreislaufstörungen, Darmträgheit, Abgespanntheit, Nervosität,
Schlaflosigkeit, Erschöpfungszustände. Die ästhetische Bildproduktion
zeigt andere Symptombilder: Depressionen (Ra