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Titel: Frauen in der Kunst
Autor: Gislind Nabakowski, 1980
Frauen in der Kunst
Gislind Nabakowski, 1980
1. Drastische Leitmotive. Brauchen
wir die Bilder der Emanzipation oder sollen wir jenen applaudieren, die
diese Bilder verbieten?
2. Die späten Opfer des Naturzustands.
400 Jahre verhinderter Erwerbstätigkeit. Einige Thesen
3. Das böse Wort vom Ghetto. Feministische
Kunst an der amerikanischen Westküste
4. Das >Womanhouse<. Scharfe
Kritik an der domestizierten Phantasie. Ein Gruppenenvironment
5. Die nicht unterdrückte Sexualität.
Klitorisbilder, Vaginabilder, Menstruationstopoi
6. Der vorläufige und der eigene Blick. Die Frau als »ziemlich
umfängliches Triebwesen«
7. Und kein Finale
Die gelegentlich von orthodoxen Linken und auch von Gegnern der Neuen Frauenbewegung
vorgetragene These, daß die »feministische Moral es verbiete,
einen wesentlichen Teil der sexuellen Phantasien und Erfahrungen zu akzeptieren,
aufzuarbeiten und zu artikulieren« (1), ist falsch. Das Argument vernachlässigt
die ästhetische Produktion von Künstlerinnen und Literatinnen, deren
Meinungsbildung sich nicht auf die Forderung nach Aufhebung legalisierter
Ungleichheit beschränkt, und verstümmelt deren Versuche, sinnliche
emanzipatorische Erlebnisse mitzuteilen. Zwei Argumente sind gegen die Segregation
der Frauen (etwa auch in clitarists-Gruppen) federführend: die autonome
Suche nach weiblicher Sexualität berge in sich den Bruch mit dem anderen
Geschlecht und sie befreie nicht unmittelbar die Massen der Unterschichtfrauen.
Lizzie Borden schreibt zur Praxis des CR:
»Wenn das Consciousness-Raising nicht so angewandt wird, daß zwischen
sexuellem Bewußtsein und Klassenbewußtsein unterschieden wird
und daß Widersprüche der Mittelklasse und der Unterklasse nicht
mehr unterschiedlich bedacht werden, öffnet es den Weg in einen politischen
Liberalismus und in den rückfälligen moralischen Humanismus der
Egalitätsphilosophie.« (2)
Sobald es um Motive psycho-sexueller Befreiung geht, trifft der Vorwurf der
Wirkungslosigkeit solcher Kunstwerke in bezug auf breitere Schichten von Frauen
nur bedingt, da es (in Australien, s. u.) )feministische cartoons< gibt, die
zur sexuellen Aufklärung der Masse der weiblichen Landbevölkerung
gedacht sind. Andererseits ist eine Methode noch nicht deshalb verwerflich,
weil sie nicht unmittelbar Aufklärung übers eigene Ghetto hinaus
betreibt. Eine Arbeiterfrau wird sich von einer Intellektuellen die Glücksversprechen
sexueller Aufklärung nicht ohne weiteres aufbinden lassen, weil ihre
Sexualität eine andere Geschichte hat. In den Klitoris- und Menstruationstopoi
bejahen die Feministinnen ihr eigenes Geschlecht. Sie versuchen, die leibhafte
Sprache ihrer sexuellen Erlebnisse bildhaft darzustellen. Doch vermitteln
lassen sich Emotionen erst dann, wenn sie dem Individuum selbst verständlich
sind. So liegt gerade dieser Bildproduktion keine Verdrängung, sondern
die Aufhebung des mystischen Schweigens zugrunde, mit dem die Sexualität
der Frau umgeben ist. Auch diese Bilder stehen zu einigen aufgeklärten
Denkweisen der Psychoanalyse quer, die noch heute versucht, den Frauen die
Lust an der Klitoris als »einsame« oder »asoziale«
Lust mies zu machen.
»Allem Anschein nach wird der Klitoris ihr narzißtischer Charakter
zum Vorwurf gemacht. Sie ist das Organ der narzißtischen Lust, die man
sich selbst bereitet, der einsamen Lust. Die Klitoris ist von niemandem abhängig,
während die Vagina als Organ der, wie man sagen könnte, >sozialen<
Lust nur >ein Empfänger< ist und nicht für sich existierte«.
(3)
Bereits solche Bemerkungen zeigen an, in welchem Ausmaß die Wissenschaft
die Sexualität der Frau als bloße Sekundärerscheinung der
männlichen betrachtet, aus der sie hergeleitet wird oder zu der sie in
Abhängigkeit steht. Es macht die Klitorisbilder so »vertrackt«,
daß sie ohne neuere Forschungen nicht denkbar wären, auf die sie
sich als direktes Bild-Echo beziehen. Die Sprache, die diese Topoi beschreibt,
kann sich also nicht unmittelbar nur auf die eigenen Erlebnisse stützen,
sondern muß zur Wissenschaft hin ausgreifen. (4/5) Wenn weibliche Sexualität
nicht mehr ausschließlich auf dem Umweg über männliche gedacht
wird, warten Bilder auf autonome Entzifferung. Dies sind ganz besonders die
nicht-phallischen Motive zur sexuellen Befreiung der Frau. Solche Motive unterscheiden
sich zudem je nach kultureller Herkunft der Künstlerin. Ein Klitoristopos
einer Künstlerin, die ihre Pubertät in den fünfziger Jahren
in Californien erlebt hat, unterscheidet sich wesentlich von dem einer in
den sechziger Jahren aus der Türkei nach Paris emigrierten Türkin
oder einer in den USA aufgewachsenen Amerikanerin griechisch-ägyptischer
Abstammung. Die Klitoris als Zeichen autoerotischer Kommunikation in der Kunst
ist nicht Träger zukünftiger Botschaften, sondern der leibhafte
Ort, an dem das Gedächtnis für die alte Verletzung »noch fortlebt«,
»während der physische Schmerz und die unmittelbare Angst durch
Zivilisation behoben sind«. (6)
Der Blick zurück in die Zivilisation und auf die Verleugnung der Klitoris
ist ein Blick durch verschiedene Kulturen. Die Expedition der Künstlerinnen
geht in eine äußere »Landschaft«, aus der sie sich
soeben politisch, kulturell und ethnisch befreit haben. Natur erkennen sie
als »Wundmal gesellschaftlicher Verstümmelung«. (7) Die eigene
Körper-Natur und die anderer Frauen wird vom abtastenden Blick umgriffen.
Die geraubte Imagination, die die Bilder der Sexualität erst schaffen
will, erfährt immer auch die ideologische Gewalt der Gesellschaft. 1974,
als Mary Jane Sherfey ihren Text Die Potenz der Frau (8) verfaßt hat,
in dem sie bestätigt, daß die Klitoris das weibliche Sexualorgan
ist, von dem über Nervenendungen der sexuelle Reiz an die Vagina und
den ganzen Körper weitergeleitet wird, widmete Judy Chicago der Frauenbewegung
eine winzige Porzellan-Miniatur. Sie zeigt die Klitoris als verlorene/versteckte
Perle/Träne und ist von der Frage inspiriert: »Was ist der geheime
Ort in mir, der so lange eine Träne gehalten hat?« Der »geheime
Ort« ist hier der Ort, der vom Leistungssex frei wird. Er weist dem
Trieb den Weg von der Klitoris zum Vagina-Innern. Wenn bloße Trauer
über den Orgasmuszwang, der eine späte Folge der rigiden Sexualmoral
des puritanischen 19. Jahrhunderts war, sich in Bildern ausdrückt (z.
B. bei Magritte) und die Entdeckung des Schwellkörpers der Klitoris sich
in Bildproduktionen manifestiert, dann ist nicht einzusehen, warum sich Männer
durch derartige Bilder bedroht fühlen sollten. Was soll an der Entdeckung
männerfeindlich sein, daß die Glans bei einfacher Berührung
den sexuellen >Reaktionszyklus< auslöst? Chicagos Bild ist sozusagen
die Miniatur eines Befundes; ornamenthaft fügt sie die Muskeln und Nerven
als Strahlenkranz hinzu, der den ganzen Körper der Frau bei Berührung
»erwärmt«. Sie überträgt die verborgenen Berührungserlebnisse
bildhaft nach außen.
Ein mehr somatisierendes, erduldendes Bild ist das der Israelin Ycheved Weinfeld.
Sie zeigt die Glans der Klitoris sozusagen euphorisch als verletzte »Preziosität«,
mit dünnen Fäden an klinische Materialien gefesselt, von dem Zugriff
der Wissenschaft noch nicht befreit,
Nil Yalter, eine 1965 aus der Türkei nach Paris emigrierte Feministin
(vor allem durch ihre ethnologischen Arbeiten mit türkischen Gastarbeitern
und, gemeinsam mit der >Groupe de 4<, durch den Film über das Frauengefängnis
>La Roquette< bekannt) widmete der Unterdrückung und Leugnung der Klitoris
in der türkischen Kultur einen halbstündigen Bauchtanz vor dem VideoMonitor.
Zunächst zentrisch um den Nabel und dann linear auf den Bauch schreibt
sie den aufklärenden Text einer Ethnologin. Während sie ihren Bauch
»konkav und konvex« bewegt, erfaßt die Kamera das Zentrum
ihres Körpers ruhig und ohne Distanzveränderung. Mehr ereignet sich
nicht. Diese Replik auf ein oppressives Kulturerbe kann nur durch eine Erklärung
der Künstlerin erschlossen werden. Sie berichtete mir, in einigen Dörfern
der Türkei habe noch heute der Ehemann das Recht, die unfruchtbare oder
aufmüpfige Frau zum Dorfgeistlichen zu »schleppen«. Der Geistliche
schreibe dann abergläubische, kyrillische Schriftzüge auf den Bauch
der Frau. Da er das Kyrillische nicht mehr perfekt beherrscht, hat er, wenn
er sich verschreibt, das Recht, mit der Zunge auf ihrem Bauch die fehlerhaften
Schriftzüge zu löschen, um den Text korrekt zu vollenden. (9)
Diane Katsiaficas (geb. 1947), in Washington in einer Familie griechisch-ägyptischer
Abstammung aufgewachsen, reiste 1978 in ägyptische Dörfer, um unbekannte
Familienangehörige zu besuchen. Über die dort in den Bergen praktizierte
Klitoridektomie entsetzt, bei der achtjährigen Mädchen die Klitoris
mit Scherben oder einem Messer weggeschnitten wird, beginnt sie auf der Rückreise
ein Bild ohne Namen. Später nennt sie es Chiysalis (>Schmetterlingspuppe<).
Was auf den ersten Blick einer roten Blüte oder einfachen »Verwundung«
der Leinwand ähnelt, hat feministische Signifikanz. In vielen Dörfern
wird den beschnittenen Mädchen die Vagina zugenäht, wenn der Ehemann
auf Reisen geht, damit die Ehefrau keusch bleibt. Klitoridektomie und Vaginavernähung
sind Riten, die der Zweckritualität der monogamen Einehe gehorchen und
an der Frau jede Sexualität unterbinden, die nicht unmittelbar auf die
Erzeugung von Nachkommenschaft gerichtet ist. Die grausame Beschneidung und
die Vernähung der Schamlippen hinterlassen schmerzhafte, sich immer wieder
neu infizierende Wunden. (10) Chrysalis ist eine Hommage an beschnittene
und zugenähte ägyptische Frauen:
»Obwohl der Staat versucht, die islamische Tradition abzubauen, die
den Frauen nur eine minderwertige Stellung zuweist, zeigt eine offizielle
Statistik die andauernde Unterdrückung der Frau auf. 70% der Bevölkerung
leben auf dem Land; dort ist die Klitorisbeschneidung Sitte. Sie verwehrt
den Frauen den vollständigen physischen Genuß der Sexualität.«
(11)
Die labia-ähnliche Öffnung (im rechten Teil des Bildes) ist von
Streifen aus Bettüchern umsäumt. Sie ist zugleich Symbol des Mundes,
der keine Geschichte und keine Sprache hat, stumme Natur bleibt. Ihm ist ein
netzartiges, leeres Papierraster unterlegt. Chrysalis ist ein Landschaftssymbol.
Die >Wunde< und die abstrakte Fläche (im linken Bildteil) sind in ein
helles Grün (Jugend, Wachstum, Pubertät) eingebettet. Sie sind von
der Künstlerin symbolisch in jener Altersphase situiert, in der, grausamen
Mythen folgend, die Verstümmelung der Sexualität dieser Frauen in
ihnen einen lebenslangen >existentiellen Riß< hervorruft. Er tritt als
nacktes Brandmal, als unverkleidetes Symptom hervor. Der linke Bildteil -
das leere weiße Papier, die Matrix neben der >offenen Wunde< - symbolisiert
flächenhaft die verschleierten, verheimlichten Gesichter. Das Bild einer
Klitoridektomie kann an die »leere« Stelle der noch nicht gemalten
Porträts der analphabetischen Landbevölkerung Ägyptens treten:
»Den Schleier haben sie abgelegt, deshalb konnte ich die stolzen Gesichter
und direkten Blicke der schwarz gekleideten Frauen vom Land und der zeitgemäß
gekleideten in den Städten beobachten. Durch freundliche Gesten und Lächeln
versuchte ich, ihre Aufmerksamkeit zu wecken. Manchmal hatte ich damit Erfolg.
Ich wollte sie in ihrer kulturellen Umgebung fotografieren, doch das gelang
nicht. Die einzigen Fotografien, die ich mit in die USA zurückbrachte,
waren die gestelzten Fotos von Studentinnen aus der Mittelklasse. Denn sobald
man die Frauen vom Land fotografieren will, verschleiern sie ihre Gesichter.
Trotz der Hitze und der schweren Lasten legen sie die langatmigen schwarzen
Gewänder, die sie häufig über ihrer europäischen Kleidung
tragen, niemals ab.« (12)
Diane Katsiaficas Mystische Bänder scheinen sich ebenfalls auf
eine Klitorisverstürnmelung zu beziehen. Aus Stoff- und Papierknoten
hängen Fetzen aus einer zerrissenen Krone vom Grund der Leinwand herab.
Das Bild rückt allerdings eine volkstümliche griechische Sitte in
den Mittelpunkt: den Austausch der Hochzeitskronen. In Griechenland symbolisiert
dieser Ritus das Versprechen der Ehepartner und ihre Verbundenheit vor Gott.
Sowohl in Bulgarien als auch in Marokko ist die >Mitgift-Krone< ein ehrfurchteinflößendes,
schweres Gebilde aus Münzen, Blumen und Schleiern. Es ist der gegenständliche
Beweis für den sexuellen und ökonomischen Tauschwert der Frau auf
dem Heiratsmarkt. Am Tag der Hochzeit wird ihr dieser Kokon über den
Kopf gestülpt, so daß er ihr Gesicht verhüllt und sie den
Weg zur Kirche nicht ohne fremde Hilfe gehen kann. Mit der gewichtigen Last
auf dem Kopf schwankt sie, »wird zur unpersönlichen, verkäuflichen
Ware«. (13) Die Last drückt so schwer, daß sie taumelt und
zu fallen droht, würde sie nicht gestützt. Dieses wuchtige ethnologische
Monument ist ein auf dem Lande noch heute gebräuchliches Ohnmachtssymbol.
»Denn die Frau ist in traditioneller Weise Gebrauchswert für den
Mann, Tauschwert zwischen den Männern, Ware also. Was sie Hüterin
der Materie sein läßt, deren Preis nach dem Maß ihrer Arbeit
und ihres Bedürfnis-Wunsches von den >Subjekten< festgesetzt wird: Arbeitern,
Händlern, Konsumenten. Die Frauen werden durch ihre Väter, Ehemänner,
Kuppler phallisch markiert. Und diese Abstempelung entscheidet über ihren
Wert im sexuellen Handel. Die Frau wäre niemals etwas anderes als der
Ort eines mehr oder weniger rivalisierenden Tausches zwischen zwei Männern,
bei dem es auch immer um den Besitz der Mutter Erde geht. Wie kann dieses
Tauschobjekt ein Recht auf Lust beanspruchen, ohne aus dem etablierten Handel
auszusteigen? [...] Jede noch so radikale Entwicklung einer Frau würde
nicht ausreichen, den Wunsch der Frau zu befreien. Und keine einzige politische
Theorie, geschweige denn Praxis, hat bis zum heutigen Tage dieses historische
Problem gelöst noch ausreichend in Rechnung gestellt, selbst wenn der
Marxismus seine Bedeutung geahnt hat.« (14) (Luce Irigaray)
Diane Katsiaficas hat die >Mitgift-Krone< zornig verfremdet. Sie hat den Schleier,
die Blumen, das Geld herausgelöst und die Materialien des Tauschwerts
in das Material der Arbeit - der Leinwand - verwandelt. Einige Streifen hängen
lose herunter, bewegen sich beim leisesten Lufthauch. Ihr Objekt zeigt eine
»alternative Krone, eine vergänglichere, greifbare Realität«.
(15) Anfang der siebziger Jahre produzierten Künstlerinnen in aller Welt
Menstruationsbilder*. Gina Pane, Friederike Pezold und Leslie Labowitz-Starus
stellten ihre Monatsbinden aus. Mary Beth Edelson** aus der New Yorker >A.I.R.<
- (>Artists In Residence<-) Kooperative sammelte auf Pappkarten Menstruationsgeschichten,
die die weiblichen Besucher der feministischen Galerie niederschrieben. Später
soll die Sammlung dieser in Umgangssprache geschriebenen Erzählungen
als Buch erscheinen. Die Niederschriften und Bilder wiesen die patriarchalische
Sicht der Dinge, die auch in der bisherigen ästhetischen Bildproduktion
(oder der Literatur) dominiert, unmißverständlich zurück.
Auch diese Bilder entstanden durch Conscioussness-Raising und aufarbeitende
Erfahrungen mit der Freudschen Psychoanalyse. Zumeist waren es Männer,
die den weiblichen Triebanarchismus mit Mythen beschrieben haben:
*In Wahrheit ist die Liste der feministischen Künstlerinnen, die in den
siebziger Jahren die Tabus von Menstruation, Sexualität, Fehlgeburten,
Abtreibung, Menopause oder daraus resultierenden psychosomatischen Krankheiten
nacherzählend, kritisch zur Sprache bringen, endlos. Diese Themen werden
seit Beginn der Frauenbewegung ernsthaft in den ästhetischen Diskurs
aufgenommen. Arbeiten über Menstruation machten: Leslie Labowitz-Starus,
Friederike Pezold, Toni Robertson, Ann Newmarch, Mandy Martin, Judith Stein,
Jackie Apple und Mary Beth Edelson. Frida Kahlo malte Bilder von Fehlgeburten.
Ingeborg Lüscher schrieb ein Buch über die Geburt ihrer Tochter
Unna, das mit einem Fest in einem Tessiner Dorf endet.
**Es ist nicht ungewöhnlich, daß Frauen auf Mythen, Sagen und Märchen
zurückgreifen. Sie tun dies, um Abstand herzustellen. Mythen beschreiben
allesamt die seltsame Vorstellung, daß alles, was sich über die
Liebe, die Freiheit, das Leben oder den Tod sagen läßt, schon vor
jeder Emanzipation ins Joch der bösen Mutter, des bösen Vaters eingesperrt
war. Die Geschichten, die Mary Beth Edelson auf Karten schreiben ließ,
rebellieren gegen diese Mythen über »Träume und sexuelle Phantasien,
weibliche Gottheiten, Menstruationsgeschichten, Geburtsgeschichten, Heldinnengeschichten,
Geschichten über Hexenverfolgungen ...«
»Beispiele auf allen Ebenen würden meine Behauptungen sicherlich
bestätigen; man denke nur an einige bezeichnende männliche Reaktionen
auf die Geschlechtsorgane der Frau, die Menstruation, Defloration , Geburt,
das Stillen und besonders die Menopause, um die wichtigsten Anhaltspunkte
zu nennen. Manche Männer fürchten sich vor dem Eindringen in die
Vagina während der Menstruation, sehen in der Klitoris einen lächerlichen
Ersatz, definieren die Reinheit durch das unberührte Jungfernhäutchen,
werden unsicher beim Anblick einer schwangeren Frau,
fühlen sich auf seltsame Weise durch die Aussicht und später das
Ereignis der Geburt beeinträchtigt, verlieren nach der Mutterschaft das
erotische Interesse an der Ehefrau und halten die Menopause mehr oder weniger
bewußt für das Ende der Weiblichkeit; andere - in manchen Punkten
können es dieselben sein - verherrlichen den weiblichen Körper,
glorifizieren die Schwangerschaft und Mutterschaft; wieder andere finden Frauen
nur dann anziehend, wenn sie mit Schmuck behängt und >raffiniert< zurechtgemacht
sind; Künstlichkeiten bieten die Möglichkeit, sich von einer zweifelhaften
und gefürchteten Natur zu distanzieren.« (16)
Nicht anders ist es zu erklären, daß Frauen die Bilder ihrer Sexualität,
mit denen sie zum gesamten zeitgenössischen Avantgardebetrieb querstehen,
selbst darzustellen wünschen. Sie suchen sich aus patriarchalischen Rollenstereotypen
zu lösen und die Bilder ihres veränderten sexuellen Selbstbewußtseins
zu zeigen. Die Suche nach diesem bildnerischen Ausdruck ist für die Frauen
eine Suche nach sich selbst. Doch
»Man wird kaum bestreiten können, daß dabei der Einfluß
der tief eingewurzelten männlichen Mythen immer ein Hindernis gewesen
ist. Da dieser Einfluß heute noch besteht, muß man vermuten, daß
es den Männern, denen diese Mythologie zu verdanken ist, nach wie vor
gelingt, bei den Frauen eine Bestätigung dafür zu finden, oder daß
diese Männer sich berechtigt fühlen, die Proteste einiger Frauen
als emotionale Kompensation von der Hand zu weisen.« (17)
Es hat solche Bilder der sexuellen Selbstbestimmung der Frau in der Kunstgeschichte
bisher niemals gegeben. Dort war die Frau stets nach den männlichen Angstphantasien
geformt. Es blieb allenfalls Spielraum für die patriarchalische Aufspaltung
in >Mutter< und >Hure<. So ließ das aufgeklärte Bild der Frau in
der Kunstgeschichte nur die Imago der >Hetäre< zurück, die, im Widerspruch
zu den Madonnen und Mutterbildnissen stehend, die Züge der Säkularisierung
der Sitten tragen sollte. Die Hetäre aber trug selbst die Zeichen objekthafter
Entfremdung insofern, als sie Spielzeug für die in der Ehe nicht befriedigten
sexuellen Energien war. Heute beginnen sich die Bilder aus ihrer Regungslosigkeit
rebellisch zu lösen. Die >Weiblichkeit<, die ins Stilleben verbannt wurde,
bewegt sich selbst. Die Unterschiede des Triebanarchismus zwischen den feministischen
und den noch phallisch markierten Bildnissen sind gravierend. Solange in den
patriarchalischen Bildern Frauen als Muse, Natur oder Materie erschienen,
wurde auch ihr Bildnis dem falschen Symbol, dem Phallus, untergeordnet, der
im Unbewußten Symbol von »Freiheit, Macht und Größe«
ist. Aber:
»Die wirklichen Beziehungen werden zerstört, da der Mann dieses
Symbol fetischisiert, um dadurch seine Angst vor der Frau zu überwinden,
indem er die Frau verachtet und einen Beweis seiner Überlegenheit und
Intaktheit besitzt, während die Frau ihre Selbstentwertung nicht verwindet,
die ebenfalls verdrängt bleibt. Beide Geschlechter interagieren auf der
Basis der wechselseitigen Bestätigung dieser Fehlidentifikation, der
Basis ihrer Einigung, die zu subjektivem Leiden führt. Diese Fehlidentifikation
liegt [...] im Rahmen des Normalen; sie ist Bestandteil institutionalisierter
Entfrerndung.« (18)
Der Phallus als falsches Symbol, auf das die Frauen im Unbewußten fixiert
blieben, wird von den Klitoris- und Menstruationsbildern abgelöst. Die
Frau hat mehr als die Alternative, einen Phallus zu haben oder kastriert zu
. sein. Das ist der Unterschied, den diese Bilder im Gegensatz zum immer noch
vorherrschenden, gängigen psychoanalytischen Bewußtseinsstand beschreiben.
Die Frau kann die Bejahung der eigenen Sexualität in Bildwelten einlösen.
Doch auch dort durchmißt sie bisweilen zunächst anerzogene Traumata.
25 Künstlerinnen im >Womanhouse< türmten eines Tages ein Monument
aus Tampax-Behältern. Auf den Fliesen des hochherrschaftlichen Badezimmers
bot es den Anblick einer undrarnatischen, physischen Realität. Das Monument
war im Gegensatz zu Andy Warhols Türmen aus Campbell-Dosen oder Brillo-Kästen
per definitionem kein verkunstetes Objekt, sondern von Anfang an eine prosaische
Ware. Ihr Verkaufscharakter ließ sich sogar durch Verbrauch und Benutzen
beweisen. Dabei sollte enthüllt werden, wie sich »über«
der Menstruation der Frau, die als anstößig/unanständig aus
dem öffentlichen Diskurs verdrängt ist, stillschweigend ein riesiger
Absatzmarkt entwickelt hat. Die Menstruationstopoi leiten - ebenso wie die
Klitorismotive - einen Rehabilitationsprozeß nach einer langen Kränkungsgeschichte
ein.
»Damit wird zum positiven Gegenstand weiblichen Überlegens, worüber
wir uns, wie man uns beibrachte, lange geschämt haben: unsere Direktheit,
unsere geistige Disziplinlosigkeit, unser vulgärer Materialismus, der
vor allem sich äußert in der engen Bindung an den Körper,
auf dessen Impulse zu reagieren nur Unordnung stiftet. Nicht der Körper
inkarniert Ideen, aus ihm ergeben sie sich.« (19)
Die Sehnsüchte der Frauen nach einer sich selbst bestimmenden sexuellen
leibhaften Sprache sind ebenso Sehnsüchte nach dem Dingfestmachen dieser
Bilder wie nach einem schuldlosen Bewußtsein. Judy Chicago erinnert
sich:
»Wir arbeiteten gerade am >Womanhouse<, als mir auffiel, daß es
nirgends eine Anspielung auf die Menstruation der Frau gibt. Es schien mir
jedoch unmöglich, ein Kunstwerk über das >Innere< eines Hauses zu
machen und derart kreatürliche Bilder zu unterdrücken. Also entschloß
ich mich, den einzigen noch übrigbleibenden Raum für ein kleines
Environment zu nutzen. Als ich mit der Farbe an Mullbinden arbeitete, versammelten
sich alle dort arbeitenden Studentinnen um mich und gaben mir exakte Ratschläge
für die richtige Farbe und Dichte, die das Blut simulieren sollten. Wir
waren alle Expertinnen des >richtigen ästhetischen Resultates<. Ich weiß,
daß es in der Kunstgeschichte bisher wenig Verweise auf die Menstruation
gibt - und wenn, dann niemals aus der Sicht einer Frau. Kurz bevor ich diesen
Raum machte, hatte ich schon die Lithographie Red Flag (Rote Fahne)
veröffentlicht. Sie war das erste Bild, das sich überhaupt mit Menstruation
befaßte. Was es für mich bedeutet? An den Tabus zu rütteln,
die der weiblichen Sexualität als Subjekt der Subordination Gewalt antun
und sie aus der ästhetischen Sprache verdrängen, und die dahinter
stehenden tabuisierenden Mechanismen der Gesellschaft zu enthüllen. Ich
machte Menstruation Bathroom (Menstruations-Badezimmer) so steril,
so antiseptisch wie möglich, als wollte ich hinter dem Gazeschleier,
der den Raum verbirgt, die Animalität der Menstruation verhüllen,
so wie es die ganze Gesellschaft tut. Blut, sein Geruch und seine Realität
sind ein Zeugnis unserer Verbundenheit mit den Prozessen der Natur. Meine
Lithographie wurde durch ein Gespräch beeinflußt, das wir im Hause
eines Freundes hatten. Vier von uns, alle Frauen im Alter von etwa 35 Jahren
(1972), redeten über Menstruation. Plötzlich bemerkten wir, daß
keine von uns je mit der anderen darüber gesprochen hatte.« (20)
Das Menstruations-Badezimmer ist schreinartig in das >Womanhouse< eingelassen.
Es nimmt einen kleinen Bereich des gesamten Gebäudekomplexes ein. Auf
der Öffnung eines sterilen, weißen Abfalleimers ein Kranz roter
Tarnpoons, sorgfältig zu einem, Ornament zusammengelegt. In seinem und
im Fall der Roten Fahne geht es um einunddasselbe Problem. Das ideologische
Schamgefühl, das Tabu des Schweigens, das über >Menstruation< verhängt
wurde (bei gleichzeitiger Herleitung sozialer Ungleichheit der Frau aus ihrer
biologischen Funktion), soll in seinem ganzen Ausmaß erkannt werden.
Die mit ihm verbundene Verletzungsgeschichte (viele der Künstlerinnen
erlebten ihre Pubertät während der frigiden fünfziger Jahre),
die sich in der Gleichung Menstruationsblut = Schmutz = Weiblichkeit = Krankheit
= Sexualität manifestiert, soll erkannt und überwunden werden. Der
freie Blick auf die Menstruation bringt ein ungetrübteres Erlebnis der
sexuellen Lust mit sich. Im bildnerischen Gestalten transmutiert daher auch
die rote Farbe oder der »rote Fleck« zum sichtbaren Zeichen eines
bisher unsichtbaren Geschlechtes. Viele (nicht alle) der Autorinnen von Vaginal-,
Klitoris- oder Menstruationstopoi sind jüdischer Herkunft: Hannah Wilke
(21) Judy Chicago, Ycheved Weinfeld, Deena Metzger. Dies muß insofern
besonders kommentiert werden, als im orthodoxen Judentum die Unterdrückung
der weiblichen geschlechtlichen Entwicklung eine zusätzliche Verschärfung
erfährt. Die Klitorismotive sind zudem als Zeichen einer gemeinsamen
Bildsprache zu verstehen, die (relativ) sicher vor Nachahmung durch die Männer
wäre. Die Künstlerinnen wollten etwas tun, womit sie sich individuell
von den männlichen Kollegen unterscheiden, Hannah Wilke schreibt:
»Innovation war damals die wichtigste Idee für mich. Was könnte
ich tun, das nicht schon Tausende von männlichen Künstlern vor mir
getan haben? Sie waren eben keine Frauen. Ich wollte mein eigenes Statement
machen. Vielleicht auch, weil ich ein ausgeglichenes Sexualleben hatte, obwohl
ich in einer jüdischen Familie groß wurde. Ich glaube, zwischen
meinen Arbeiten und dem Judentum gibt es einige Verbindungen. Der jüdische
Glaube sagt, daß man sich kein Bild machen solle, und er sagt auch,
daß die Frauen wegen ihres Menstrualblutes unrein sind. Ich glaube,
gegen beide Verbote habe ich sehr früh rebelliert. Ich war nicht orthodox,
aber meine Verwandten sind es. Mein Onkel war ein Rabbi, und unsere Familie
pflegte all diese Rituale. Ich glaube, die bloße Wiederholungsstruktur
dieser Rituale ist in meiner künstlerischen Arbeit enthalten. Anstatt
eine Skulptur zu machen, machte ich hundertundsechsundsiebzig. Wenn ich die
Skulpturen aus Gummi machte, war es so, als tippte ich Mit dem Finger in Wein
(im christlichen Glauben wird er zu Blut); und jedes Mal war es verschieden,
wie auch ein altes Hebräisches Lied sagt, das man nicht versteht. Diese
Riten erscheinen mir heute noch sehr magisch. Ich glaube, aus dem Gebot, sich
kein Bildnis von Gott machen zu dürfen, das der jüdische Glaube
lehrt, entstand bei mir das Verlangen, ein abstraktes Bild des weiblichen
Körpers zu schaffen. Das erlaubte mir zweierlei; die widerrechtliche
Handlung gegen den Glauben zu begehen und ein Bild zu machen, das eine vom
jüdischen Glauben nicht erlaubte Personifikation und Glorifikation des
weiblichen Geschlechts darstellt. Der jüdische Brauch, daß Frauen
getrennt von Männern in den Synagogen sitzen müssen, war mir immer
verhaßt. Und noch heute wirkt der Habitus der >Hassiden< mit ihren schwarzen
Herrenhüten auf mich äußerst offensiv. Möglicherweise
habe ich meine Performances mit schwarzen Hüten gemacht, um durch Einverleibung
diese Ängste loszuwerden.« (22)
Hannah Wilke hat (seit den sechziger Jahren) zahlreiche dreidimensionale Skulpturen
aus Ton, Latex und Gummi gemacht, vertikale oder horizontale, manchmal auch
tränenförmige, in jedem Falle >soft sculptures< mit geometrischen
Grundformen, in denen jede Form die andere berührt. Die labiaähnlichen
Faltungen sollen an die jüdische >Thora< erinnern, der bei den Gottesdiensten
benutzten Schriftenrolle, der sie ein weibliches Geschlecht gibt:
»Ich denke, es ist wichtig, darauf zu insistieren, daß diese Skulpturen
keine abstrahierten Blumen sind. Sie sind Metaphern für weibliche Genitalien
- und nichts ist weiter schlimm daran. Wir verdienen es, daß wir unser
Geschlecht mit der Thora vergleichen, die sich öffnet.« (23)
Marie Cardinal beschreibt in ihrem Psychoanalyseroman Schattenmund
den langwierigen Gesundungsprozeß einer Frau, die jahrelang an Blutungen
litt, als Befreiung aus der wahnsinnigen Vormundschaft der eigenen Mutter.
Die »Anwärterin mit den roten Backen« aus Luce Irigarays
Texten treffen wir in einem Essay von Deena Metzger (Dozentin am >Feminist
Studio Workshop<, L.A.) wieder:
»Wenn mit 13 das Blut kommt, sind wir alle erstaunt. Selbst, wenn wir
darauf vorbereitet sind. Nach altem jüdischen Brauch schlug meine Mutter
mir an diesem Tag ins Gesicht, damit das Blut in die Wangen steigt - und,
um den Moment zu akzentuieren.« (24)
Die Mutter als Handlangerin des Gesetzes bringt im jüdischen Patriarchat
der heranwachsenden Tochter die Scham vor der Sexualität durch rituelle
Ohrfeigen bei. Die Schläge lenken zugleich gewaltsam ab von den neugierigen
Fragen der Tochter nach einem Sinn der Sexualität außerhalb von
Mutterschaft und Empfängnis. »Niemals geht es in diesen Aussagen
um die Frau. Das Weibliche wird als das Komplement zum Funktionieren der männlichen
Sexualität definiert, und öfter noch als Negativ, das letzterer
einer phallischen Selbstrepräsentation ohne mögliches Versagen versichert.«
(25)
Die rote Farbe schafft hier offenbar die Assoziationswerte der lustbezogenen
Schuldlosigkeit, weil sie im Unbewußten »den wiederkehrenden Zyklus
des Erstaunens« einleitet. Wichtige psychoanalytische Hinweise auf ein
Erstaunen, die das befreite Geschlecht »sich selbst« bereitet,
wenn mit ihm die Überwindung einer langen Krankengeschichte verbunden
ist, enthält ein Gespräch zwischen der Journalistin Christina von
Braun und der Psychoanalytikerin Luce Irigaray:
»Es handelt sich um eine junge Frau, die ich behandle. Sie ist 37 Jahre
alt, sieht aber aus wie ein Kind. Als sie zu mir kam, hatte sie bereits eine
Psychoanalyse hinter sich. Eines ihrer dominierenden Symptome war Anorexie
(Magersucht). Die Ärzte, die sie bisher behandelt hatten, interessierten
sich nur dafür. Auch war sie bereits in einer Anstalt gewesen. Man hatte
sie außerdem, unter Mithilfe des Analytikers, zu sexueller Aktivität
zwingen wollen. Sie versuchte es; es war eine totale Katastrophe. Die Anorexie
verschlimmerte sich. Sie mußte im Krankenhaus behandelt werden. Als
sie zu mir kam, unterhielt sie keinerlei Beziehung zu einem Mann. Auch aß
sie nicht und bekam ihre Menstruation nicht. [...] Vor Beginn ihrer ersten
Analyse hatte sie gemalt - und zwar sehr gut. [...] Zu Beginn ihrer Zeit bei
mir beachtete ich ihre Anorexie überhaupt nicht. Aber ich hatte während
der ganzen Zeit das Gefühl, daß sie sich übergeben müsse,
daß alles, was sie sagte, eine gewisse Form des Ausspuckens dessen wäre,
was man ihr als >Wahrheit<, als Nahrung und sexuellen Zwang eingeflößt
hatte. Für sie und für mich war es sehr schwer zu ertragen. Eines
Tages allerdings, nach 6 oder 7 Monaten, hatte sie während der Sitzung
die Schuhe ausgezogen. Am Ende der Stunde machte ich eine Bemerkung über
ihre hübschen Füße. Ich erinnerte sie kaum merklich daran
-, daß sie einen Körper besitzt. Von diesem Moment an änderte
sich alles. Natürlich gab es Schwankungen. Dann, nach einiger Zeit, erinnerte
ich sie wieder ganz nebenbei an einen Teil ihres Körpers. [...] Als ich
ihr eines Tages, es war nach den Ferien, die Tür öffnete, sah ich,
daß sie sich körperlich sehr verändert hatte. Sie hatte ein
lebendiges Gesicht, einen lebendigen Körper. Ich merkte, daß etwas
Unwiderrufliches geschehen war. Sie teilte mir mit, daß sie jetzt beginne,
sich bewußt zu werden, daß sie geht, sieht und die Wärme
der Sonne spürt. Kurz vorher hatte ich einmal beim Abschied zu ihr bemerkt:
>Ich glaube, es wäre nicht schlecht, wenn sie wieder zu malen begännen.<
Als sie dann wiederkam, sagte sie mir, ihr sei etwas Merkwürdiges passiert.
Sie habe begonnen, mit Tusche zu zeichnen, schwarzer Tusche auf weißem
Papier. Aber an jenem Tag habe sie zum ersten Mal Lust verspürt, es mit
roter Tusche zu tun. Sie habe ihre Hände in die rote Tusche getaucht
und die Farbe auf das Papier aufgetragen. Als sie an diesem Abend auf die
Toilette ging, fand sie Blut. Sie hatte seit 17 Jahren keine Periode mehr
gehabt.« (26)
Sechs Jahre, nachdem die ersten >Menstruationstopoi< entstanden waren, läßt
sich bereits Nachahmung beobachten. Insbesondere einige jüngere Künstlerinnen
in den USA feiern »das Menstrualblut« als einzige Gemeinsamkeit
zwischen den Frauen und alte, naturtümelnde Vorurteile leben wieder auf.
Bar jeder psychoanalytischen Aufarbeitung einer als nachhaltig erlittenen
Kränkung oder treffender ästhetischer Kritik an den Verdrängungen
sexueller Erziehung verwechseln sie das biologistische >Zurück zu den
inneren Rhythmen< mit einem (bisher) im Rahmen feministischer Bildproduktion
unterbliebenen Kritik an der ökologischen Ausbeutung von Natur und Gesellschaft
und den dahinter stehenden Kapitalinteressen. Sie empfinden den Körper
klar als ausgebeutet und setzen ihn unklar als Symbol für die geschändete
Erde. Die hier selektiv (s. o.) beschriebene Bildproduktion hatte noch einen
Aufklärungsprozeß begleitet, der Erziehungsschäden bewältigte.
Es war der Verstand, der mündig wurde und sich das Bewußtsein für
den Körper zurückerobert hatte. Die vorwiegend neueren Menstruationstopoi
jedoch binden sich ideologisch an ein dumpfes Sektierertum, wobei allmonatlich
die Binden verbrannt werden und Frauen die (wäre sie nicht so apolitisch
und gefährlich) lächerliche Frage stellen, »ob die Menstruation
die Frauen davor schütze, sich in Kriege zu verstricken«. (27)
So wird Ende der siebziger Jahre ein durch traditionelle, historische Tabus
belastetes Sujet abermals mit Irrationalismen zugeschüttet. Während
die ersten Feministinnen sexuell mündig werden wollten, um aktiv in die
Politik einzugreifen, wird für die sektiererischen Gruppen der Generation
danach die gesellschaftliche Wirklichkeit wieder zu einem gut durchorganisierten
Geheimnis. Von hier aus wird in den nächsten Jahren eine Reihe apolitischer
Bilder gegen »die Männergesellschaft« ihren Lauf nehmen.
Der Mann, der sich in seiner Rolle verändern muß, wird nicht mehr
miteinbezogen. Seine femininen Potentiale werden preisgegeben. (28)
»Wer in der aufgeklärten bürgerlichen Gesellschaft sexuelle
Konventionen mißachtete und sich dabei auf die (Trieb-) Natur berief,
brach keineswegs mit der herrschenden Vernünftigkeit, sondern machte
eine übergeordnete Zweckmäßigkeit geltend und konfrontierte
die Gesellsch aft mit ihren eigenen Rechtsgrundsätzen. Wer heute dem
allesverschlingenden Wachstumsprinzip die Ausgewogenheit der Natur entgegenhält,
neigt zum Archaischen, feiert die Pracht des Schlichten. [...] Der mütterliche
Grund und Boden, auf dem man sich, überdrüssig technologischer Hybris,
überdrüssig der »modernen« Kaputtheit, einfach zurückfallen
lassen will, ist ein Kunstprodukt später Sehnsucht. [...] Offenbar hat
sich die Natur aus der Geschichte der neuzeitlichen Zivilisation herausgehalten;
klammheimlich ist sie beiseite getreten, um ihre Unschuld zu bewahren. Natur
pflegt, schützt, läßt wachsen und verblühen, kreist in
sich und bringt alles ins rechte Lot, und wenn sie das Schwächere knickt,
dann holt sie es nur heim. [...] Mutter Natur erfreut sich allgemeiner Verehrung,
denn sie ist lieb; Vater Natur bleibt das schwarze Schaf der Naturfamilie.
Diese wurde seit jeher von der Fortschrittsgesellschaft konserviert und hinausgezaubert,
auf daß das Geheimnis dieser Gesellschaft gewahrt bleibe: Naturverfallenheit
als ihr innerstes Prinzip. [Aber] >Leben< ist auch und gerade das, was mit
sich selbst im Widerspruch steht.« (29)
Vielleicht kann in einem solchem Stadium den Künstlerinnen nur geraten
werden, auf die Straße zu gehen und ihre lkonographie für die Masse
der Frauen produktiv zu machen. Jedenfalls ließen sich so die kleinbürgerlichen
Verschmelzungsphantasien und das voranalytische Konzept einiger Frauengruppen
sinnvoll abbauen. Halten wir fest, daß es in der lkonographie, die von
der Sexualität der Frau berichtet, zwei unterschiedliche Erzählstränge
gibt: einen bewußt-emanzipatorischen, der seine Topoi mehr und mehr
politisiert, für den die sexuelle Revolution am Anfang der politischen
Emanzipation stand, und einen anderen, der eine dumpfe, kleinbürgerliche
Ikonographie herausgebildet hat, dessen Rückwendung zu verklärenden
Weltanschauungen über die Frau bloß noch peinlich wirkt. Die künstlerische
Produktivität ist ein genauer Spiegel der Frauenbewegungen. Seit einiger
Zeit bringt sie eine okkulte und daher brüchige und beunruhigende Bildsprache
hervor.
Ganz anders die Poster von Mandy Martin und Toni Robertson aus Australien.
Beide arbeiteten mit Gefängnisinsassinnen (Videos zur Erleichterung der
Resozialisierung) und Landarbeiterinnen. Toni Robertson entwarf den Cartoon
Alle 28 Tage ein neuer Mythos - Manchmal greifen wir an, Girls! Für
4 Dollar wird er in den Straßen von Sidney und Adelaide verkauft, für
2 Dollar in den ländlichen Gebieten an Personen, deren Monatseinkommen
unter der 100-Dollar-Grenze liegt. Dieser Cartoon konfrontiert auf leicht
verständliche Weise, nämlich mit den Mitteln der populären
Comics, das alte A ngstsyndrom vor der Menstruation mit emanzipierter Selbstreflexion:
» (Sprechblase, unbewußte Stimme): Ich wäre gestorben,
wenn sie die Blutflecken entdeckt hätten ... (Kommentar der Künstlerin):
Die den Frauen auferlegte, reproduktive Funktion ist ihr einziges angebotenes
Merkmal, das Frauen von Männern unterscheidet. Aus ihm werden alle weiteren
Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen hergeleitet. Das Monatsblut
der Frau ist einzig und allein Zeichen ihrer Gebärfähigkeit.«
(30)
6. Der vorläufige
und der eigene Blick. Die Frau als »ziemlich umfängliches Triebwesen«
7. Und kein Finale
Anmerkungen zu >Drastische Leitmotive<
(1) Günter Engelhard, Eine Hundeleine für den Mann. Zwischen
Venus, Minerva und Supergirl, Gleichberechtigung ist nicht in Sicht,
in: Kölner Stadtanzeiger vom 30. 12. 1976 anläßlich
der Ausstellung Frauen machen Kunst (8. 12. 1976 - 31. 1 1977) in der Bonner
Galerie Ph. Magers. Der Rezensent fällt ein negatives Pauschalurteil
über alle Arbeiten der 31 dort ausstellenden zeitgenössischen Künstlerinnen.
Wenn ca. 200 000 Leser diesen Text wahrnahmen und ca. 500 (Galeriebesucher)
die Möglichkeit hatten, sein Vernichtungsurteit an den ästhetischen
Gegenständen zu überprüfen, belegt schon die Gegenüberstellung
solcher Tatsachen die Mechanismen, mit denen Vorurteile gegen Kunstwerke in
Umlauf gebracht werden.
(2) Ebda.
(3) Werner Rohde, Feminismus allein tut's nicht, Kontroversen um eine Frauenkunstausstellung
in Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. 3. 1977.
(4) Vgl. Heresies Nr. 4, A Feminist Publication on Art & Politics,
New York City 1977, Übers. Arthysterical Notions, S. 40.
(5) Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1959, S. 688.
(Kampf ums neue Weib).
(6) Frauen + Film, Nr. 10, Dezember 1976, Gespräch zwischen Susan
Sontag, Helke Sander und Gesine Strempel über Promised Lands,
S. 4-9.
(7) G. Engelhard, a. a. O.
(8) Mündliche Mitteilung, Mailand 1976.
(9) Eine Literatur, die entwaffnet. Barbara Frischmuth in Courage
Nr. 7, 3. Jahrgang, Juli 1978, S. 22-25.
(10) Interview von Alexander Bauer mit Ingeborg Drewitz, Ein Lernen auf
beiden Seiten. Über die Wechselwirkung von Politik und Literatur,
in: Vorwärts Nr. 30, 27. Juli 1978.
(11) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang, Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976,
S. 81.
(12) Hierzu eine Erklärung: Seine Freundin war Fotomodell. Sie hatte
»sehr schöne lange Beine«. Nach einem Reitunfall mußte
ihr ein Teil eines Beines amputiert werden. Den Maler imitiert das amputierte
Bein, und er beginnt es auf die Leinwand zu »bannen«. Die Idiosynkrasie
besteht nach seiner Aussage darin, daß vermarktete, stilisierte Schönheit
bzw. Nacktheit verletzt wurde, das erlebte / ersehnte Ideal nicht mehr mit
der versehrten Wirklichkeit übereinstimmt. Er hat (ersatzweise) das fehlende
Gespräch über die Folgen des Unfalls seiner Freundin auf die Leinwand
gedrängt. Sie und er haben nie darüber reden können.
(13) In diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert sind die Hausfrauenmaschinen
von Martha Jungwirth (geb. 1940). Sie zeigen die Primärstrukturen nformelle
Bilder und Zeichnungen), zu denen Laurids schreibt: »Martha verwünscht
von Öfen ( was Bauknecht weiß. [...] Der begrenzte Bereich der
Küche wird zum Revier für die Jagd nach der eigenen Identität.
Vor der Spülmaschine auf der Lauer liegend, wird aufgespießt, was
für alle anderen ebenso gültig ist. Das Ergebnis sind Diagnoseblätter
unterdrückter Leidenschaften. Leidenschaften, die nach wie vor so wenig
in eine Welt von Männerhirnen passen, weil sie so zipfelbedrohlich, so
unkontrollierbar eigenständig sind. Heute darf Martha kochen. Vor 500
Jahren hätten wir sie verbrannt.« 1976, Ausstellungskatalog
der Burgundischen Landesgalerie im Schloß Esterhazy, Eisenstadt,
im Kulturhaus, Graz, und im Märkischen Landesmuseum der Stadt Witten.
Texte von: Richard Rubinig, Friederike Mayröcker, Laurids, Alfred Schmeller,
Günter Engelhard, Martha Jungwirth.
(14) Arman, Hard & Soft, Kat. Andrew Crispo Gallery New York, Mai
1978.
(15) »Neodadaismus« ist ein kunstgeschichtlich nicht immer differenzierter
Begriff für die in Anlehnung an den Dadaismus der 20er und 30er Jahre
während der 50er und 60er Jahre entstandenen ästhetischen Tendenzen
vor allem in der Schweiz, Frankreich, Italien und den USA, Alltagsobjekte
zu verarbeiten.
(16) Carlo Lazslo, Panderma Nr. 9, Selbstverlag Basel 1969.
(17) Maskulin-, Feminin, München 1972/1975, Hazel E. Hazel in
Wer emanzipiert wen wohin?, S. 139-165.
(18) Alfred Andersch, Drei Schwierigkeiten für die Frau, die Kunst
macht, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 38, 1977. »Keine Frau hat
an den großen Programmbewegungen der modernen Kunst formulierend teilgenommen,
auch wenn ihr Werk daran konstituierenden Anteil hatte. [...] Auch scheint
es ihr unmöglich zu sein, ihre Extravaganzen und Aktionen mit jenem penetranten
Interpretationsgemurmel zu begleiten, welches heute im Kunstbetrieb so hoch
honoriert wird. [...] Es darf behauptet werden, daß die große
Mehrheit von Menschen, die sich mit Kunst beruflich beschäftigen - Sammler,
Händler, Kritiker, Museumsleute und zwar leider Frauen ebensosehr wie
Männer -, es ablehnt, Kunst, die von Frauen gemacht wird, zur Kenntnis
zu nehmen. Nur selten wird diese Ablehnung öffentlich ausgesprochen.
Sie bleibt entweder überhaupt un- und unterbewußt und spielt als
geheimer Konsensus. [...] Dort, wo sie sich zur Ideologie verdichtet, kommt
folgendes heraus: weibliches Schöpfertum totalisiert sich in der biologischen
Funktion der Frau; die Vorgänge der Schwangerschaft, des Gebärens
und der Aufzucht von Kindern sind von einer solchen schöpferischen Totalität,
daß im Bewußtsein wie im Gefühlsleben der Frau daneben kein
anderer und gleichwertiger schöpferischer Prozeß vollzogen werden
kann. [...] Demgegenüber ist der Mann zwar auch biologisch bedingt, doch
beschränkt sich der biologische Vorgang bei ihm auf den sexuellen Akt,
der für ihn von großer Bedeutung ist, ihn aber keinesfalls totalisiert.
Wenn er vorbei ist, ist er >frei<, d. h. frei für den Umgang mit anderen,
nicht biologischen Phänomenen, dem Geist. Ja, seine ganze Existenz lebt
geradezu aus der Spannung zwischen Körperlichem und Geistigem, aus welcher
das Werk hervorgeht, das immer mindestens eine Synthese von Materie und Idee
darstellen soll, besser noch eine Überwindung des Materiellen durch den
Geist. Gebildete Konservative verstehen dieses Denkschema (noch) nicht einmal
als Abwertung der Frau; im Gegenteil sind sie bereit, an die Stelle rationaler
Gleichberechtigung den Kult der magna mater zu setzen. Überhaupt ist
das Ganze ein schönes Beispiel für die Motivation eines tradierten
Ungleichs- und Unterdrückungssystems durch Mythologisierung.«
(19) Hazel E. Hazel, a. a. O. Dort heißt es: »Steht uns das Martyrium
der Gleichheit bevor?«
(20) Weitere Ursachen der Frauenfeindlichkeit sind der Kreativitätsbegriff
und das Leistungsdenken. Vgl. auch die Studie von Brovermann (1972) zum Begriff
der psychischen Gesundheit, in: Frauenfeindlichkeit, sozialpsychologische
Aspekte der Misogynie, München 1973, S. 138 ff.
Anmerkungen zu >Die späten Opfer des Naturzustands<
(1) Women Artists: 1550-1950. This exhibition and catalog were made
possible through the generous support of Alcoa Foundation and the National
Endowment for the Arts; Linda Nochlin und Ann Sutherland Harris, Kat. des
Los Angeles Country Museum of Art, Alfred A. Knopf, New York, 1976, S. 368
(2) Maskulin-Feminin, München 1972.
(3) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK Berlin.
Die Ausstellung wurde drei Jahre lang unentgeltlich von Ursula Bierther, Evelyn
Kuwertz, Karin Petersen, Inge Schumacher, Sarah Schumann, Ulrike Stelzl und
Petra Zöfelt erarbeitet. Kat., S. 370
(4) Verschiedene Quellen
(5) Fritz Neugass, Es ist ein großes Wunder. Frauen vor der Staffelei.
Eine Austellung in New York, in: FAZ, 24. 12. 1978: »Elisabeth
Eleanor Siddal (1834-1862) ist besser bekannt als das schöne Malermodell
der Bruderschaft der Präraphaeliten in England, als durch eigene Werke.
Sie war mehrere Jahre die Geliebte und Schülerin von Dante Gabriel Rossetti.
1855 hatte der Kritiker John Ruskin ihr ein jährliches Gehalt von 150
Pfund versprochen für ihre gesamte künstlerische Produktion. Bald
litt sie jedoch an Anfällen von Melancholie und endete 28jährig
ihr Leben durch Selbstmord«. - Artemesia Gentileschi (1593 - 1652/53):
Ihr Leben durchbrach in vielem die konventionellen Gepflogenheiten der Renaissance,
Ihr Vater Orazio war der berühmteste Nachfolger von Caravaggio. Zunächst
unterrichtete er sie selbst. 1611 heuerte er Agostino Tassi an, der der Tochter
Unterricht in Perspektive gab. Tassi, ein streitsüchtiger Charakter,
vergewaltigte A. G. und suchte sie durch Eheversprechen zu beruhigen. Orazio
Gentileschi brachte ihn vor Gericht. Das Verfahren begann im Mai 1612 und
dauerte 5 Monate. Tassi erhielt eine Gefängnisstrafe von 8 Monaten -
und Artemesia die Daumenschraube. Einen Monat nach Beendigung des Verfahrens
wurde sie mit Pietro Antonio di Vincenzo Stiattesi verheiratet. Kurz darauf
verließen beide Florenz. »Das Verfahren mußte für sie
eine schmerzhafte Erfahrung gewesen sein; denn seitdem stand sie im Ruf, eine
sexuell anrüchige Frau zu sein.« Siehe Women Artists, a.a.O., S.
118
(6) Vgl. Fritz Neugass, a.a.O.
(7) Ebda.
(8) Women Artists, a.a.O.
(9) Ebda. S. 45 -50. Und H. Lapuze, ed. Procès-Verbaux de la Commune
Générale des Arts et de la Societé Populaire er Républicaine
des Arts, Paris 1903.
(10) Women Artists, a.a.O. S. 46.
(11) Jürgen Schultze, Neunzehntes Jahrhundert, Baden-Baden, 1970,
S. 19, und Alvar Gonzales-Pacios, David und die Malerei zur Zeit Napoleons,
München, 1965.
(12) Während David im Brüsseler Exil ungehindert weiter malte (amouröse
Szenen aus der Mythologie, Porträts), wurde Marie Guillemine Benoist
von ihrem Mann Pierre Vincent in Paris das Malen verboten.
(13) Eugène Delacroix La Liberté Guidant Le Peuple zeigt
die Ideen der Julirevolution und provozierte weit mehr durch den Inhalt als
durch die Malweise. Die Allegorie der Freiheit (Frau mit entblößter
Brust), die überlebensgroß im Geschehen steht, trägt in den
Händen eine Flinte und die dreifarbige Fahne der Republik, die Trikolore.
Auf dem Kopf trägt sie den Kopfschmuck der Jakobiner (Sansculotten),
die phrygische Mütze, die vermutlich in frühen Zeiten von den Amazonen
und Galeerensklaven getragen wurde. Das Portrait of a Negress der Marie
Guillemine Benoist weist den klassiszistischen Einfluß Davids auf. Nicht
nur die sichere Haltung der Frau, auch der Kopfschmuck offenbaren ihre Wohlhabenheit.
Eine Sklavin hätte nicht die Mittel gehabt, das 2 m große Tuch,
unter dem das Kraushaar geglättet getragen wird, zu erwerben.
(14) Vgl. Women Artists, a.a.O., S. 209. Seit etwa 1802 malte Marie G. B.
häufig sentimentale Genreszenen. Historienbilder finden sich seit dieser
Zeit vor allem in den Zeichenbüchern.
(15) Women Artists, a.a.O., S. 49-50
(16) Ebda.
(17) Noch 1976 schrieb der Kritiker Günter Engelhard im Kölner
Stadtanzeiger: »Vor Urzeiten hat sich der männliche Künstler
vor der Einsicht gebeugt, daß seine Inspirationen abhängig sind
von der Verarbeitung weiblicher Energie.« Es ist äußerst
aufschlußreich, solche Zitate im Lichte des den Frauen auferlegten Studier-
und Ausstellungsverbotes neu zu interpretieren. Nicht selten wurde in ihm
auch die Musenrolle der Frau der >rationalen Vernunft< geopfert. Der >Rose-Croix<-Orden
etwa, der, im 17. Jahrhundert gegründet, im 18. Jahrhundert zahlreiche
Ausstellungen der Präraphaeliten organisierte und die ideale Schönheit,
das Geheimnis und die Naturmystik propagierte, hat der theosophischen Tradition
entsprechend das Bild der Frau und mithin von Weiblichkeit okkult und geisterhaft
verklärt. Die Frau war ihm Muse und Modell. »Gemäß den
Traditionen des Magischen Rechts wurde vom Orden niemals das Werk einer Frau
ausgestellt oder aufgeführt.« Auch die Präraphaeliten haben
sich der Einsicht gebeugt, die »weibliche Energie« verarbeiten
zu müssen, und sich dabei auf das magisch-archaische Recht der »Urzeit«
berufen.
(18) S. Philippe Julian, Der Symbolismus, Köln 1974. Cillie Rentmeister,
The Raised Voices of Women in the Mid-Nineteenth Century France, Übers.
>Heresies Nr. 2<, Feminist Publication on Art and Politics, New York 1977,
S. 53.
(19) A.a.O.: »What did George Sand really want and what kind of views
did Daumier credit to her blue-stockinged followers? In 1831 the Baroness
Dudevant had left her husband and experienced her first success as a feuilletonist
for >Le Figaro< under the Pseudonym George Sand. Soon after that, in her novels
>Indiana< and >Lélia<, she created heroines who protested the tyranny
of marriage. The subsequent development of Sand's political consciousness
was similar to that of countless other women. She moved from the Saint-Simonians,
who wanted her to be their »Mother«, to the social utopians and
Lamennais and eventually, at the end of the 1830s, she converted to the views
of Pierre Leroux, who fought capitalism through forced development of new
methods of agricultural production. George Sand took Leroux's Position in
her so-called social novels written after 1840. She made farmers and workmen
her protagonists and declared them to be the determining social force, paralleling
the actual historical role of these classes from 1830 to 1850. Her opinions
placed her in the left wing of the petit bourgeois democrats.« "In der
Frauenfrage erwartete George Sand - wie Leroux - keine Lösung, bevor
die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht grundsätzlich umgewälzt
wären. Aber es ist nicht dieser blinde Glaube an automatische Veränderung,
der dafür verantantwortlich ist, daß die Frauenfrage in ihren Romanwerken
nur eine periphere Rolle spielt. Aus ihrer politischen Arbeit konnte sie zu
keiner klareren Analyse der gegenwärtigen und zukünftigen Rolle
der Frauen in der Gesellschaft kommen. Da sie von den meisten einflußreichen
Männern als eine der ihren angesehen wurde, nahm sie an, daß sie
die Emanzipation erlangt hatte. Sie wurde aus Überzeugung zum Mann und
hatte für ihr früheres Geschlecht nur noch Verach tung. So trennte
sie sich 1848 von den Frauenrechtlerinnen.«
(20) Bild-Lexikon der Kunst, Köln 1976.
(21) Vgl. Women Artists, a.a.O.
(22) Vgl. Linda Nochlin, Excerpts from Women and the Decorative Arts, Heresies
Nr. 4, S- 43.
(23) Siehe Kap. 1, Anmerkung 1.
(24) In den sechziger Jahren. John Anthony Thwaites, Erinnerungszitat, genaue
Datierung unbekannt.
(25) Vgl. Alvar Gonzales-Palcios, David und die Malerei Zur Zeit Napoeons,
München 1965.
(26) Women Artists, a.a.O., S. 46.
(27) Statistiken würden diese These belegen. 1801 waren 14, also 6% der
an den >Salons< beteiligten Künstler Frauen, 1810 waren es 17,9%, 1822
14,1% 1835 sogar 22,2%. An der Baseler Art' 1976, dem Internationalen Kunstmarkt,
nahmen 13,8% Frauen teil. Die Geschichte geht für die Frauen im Schneckentempo
voran.
(28) Vgl. Lucy Lippard, From the center, Feminist Essays on Women's Art,
A Dutton Paperback, New York, 1976
(29) Vgl. Kat. Frauen machen Kunst, Galerie Ph. Magers, Bonn, 1976.
(30) Vgl. Kap. 1, Anm. 3.
(31) Vgl. Kap. 1, Anm. 18.
(32) Künstlerinnen International 1877-1977 fand nicht in Museen
statt, sondern in Kunstvereinen. Im Berliner NGBK hatte sie 35 000, im Frankfurter
Kunstverein 6800 Besucher.
(33) Show me your dances ... Joan Jonas and Simone Forti with Carla Liss,
in: Art & Artists Nr. 7, Volume 8, October 1973.
(34) Die Museen begründen ihr Desinteresse oder ihre latenten Zensurmaßnahmen
immer mit einer mutmaßlichen Publikumsmeinung. Noch 1967 wurden Charlotte
Moorman und Nam June Paik während der Aufführung der Opéra
Sextronique, in der Ch. M. nackt auftrat, in einer New Yorker Institution
verhaftet. - Das Britische Arts Council hat noch 1976 eine kleine Publikation
von Suzanne Santoro (Towards a new expression), die ein phallokratisches Wandgemälde
(Grafitti) aus Rom und fotografische Klitoristopoi zeigte, aus einer Ausstellung
zurückgezogen. Siehe: Spare Rib, London, Januar 1976.
(35) »Ich möchte prosaisch aufhören: zu ganz wesentlichen
Fragen der westeuropäischen Transformationsperiode haben die Marxisten,
bei alter Gelehrtheit, die sie manchmal auszeichnet, noch nicht viel Vernünftiges
gesagt. Kann man wirklich von einem produktiven Beitrag des Marxismus zur
Emanzipation der Frau, zu Bürgerinitiativen gegen Kernkraftwerke, Arbeiterinitiativen
gegen die Zerstörung ihrer Wohngebiete, überhaupt zu allen Problemen
sprechen, die den Lebenssinn und die Umwälzung der Lebensweise der Menschen
betreffen? Wohl kaum. Eine Erneuerung des Marxismus muß mit der Beseitigung
seiner Ausgrenzungen beginnen.« Oskar Negt, Nicht das Gold, Wotan
ist das Problem. Der jüngste Aufstand gegen die dialektische Vernunft:
die »Neuen Philosophen« Frankreichs, in: Literaturmagazin
9, Hamburg 1978
(36) H. M. Enzensberger, in: Kursbuch 52, Utopien 1, Zweifel an der
Zukunft, Berlin 1978.
(37) Hazel E. Hazel, Wer emanzipiert wen wohin? in: Maskulin Feminin,
2 vermehrte Auflage, München 1975
(38) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK, Berlin
1977, S. 8-13, Essay von Ursula Bierther.
(39) Ebd.
(43) Vgl. Werner Hofmann, Das Irdische Paradies, München 1960.
(44) Ebd.
(46) John Berger, Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso, Hamburg
1973
(47) Ebd.
(52) Man Ray, Autorität, Paris 1964. La véritable histoire
de Kiki de Montparnasse, S. 135-150.
(53) Ebd.
(56) Pierre Cabanne, Gespäche mit Marcel Duchamp, Galerie der
Spiegel, Köln 1972, S. 41. M. D. wurden die Geldsummen später von
seiner Erbschaft abgezogen. Von den fünf Geschwistern wurde die Schwester
durch das väterliche Testament mit der größten Erbsumme bedacht.
(57) Marcel Duchamp, Ready Made, 180 Aussprüche aus Interviews,
zusammengestellt und herausgegeben von Serge Stauffer, Rainbow Special 1,
Zürich 1972.
(58) Ebd.
(59) Hans G. Helms, Ideologie der anonymen Gesellschaft, Köln
1966.
(60) Vgl. M. Duchamp, a.a.O.
(61) Junggesllenaschine / Les machines célibataires, Venedig,
1975, hrsg. von Harald Szeemann.
(62) Ebda.
(63) Pierre Cabanne, a.a.O. »Das stimmt. Das Paris der Kunst war damals
in einzelne Bereiche gegliedert, und das Viertel Picassos und Braques, der
Montmartre, existierte, abgelöst von den anderen Bezirken, fast für
sich allein. Glücklicherweise bin ich damals öfter dorthin gekommen,
und zwar zusammen mit Princet. Princet war ein ganz außergewöhnlicher
Mensch. Ein simpler Mathematiklehrer an irgendeiner Privatschule oder sowas
ähnliches, aber er gab sich als vorzüglicher Kenner der vierten
Dimension aus; und man hörte auf ihn. Selbst Metzinger, der wirklich
intelligent war, bediente sich seiner Kenntnisse. Man sprach über die
vierte Dimension, ohne recht zu wissen, was das heißen sollte. Übrigens
ist das heute noch so.« (M. D. 1972).
(64) Junggesellenmaschine, a.a.O.
(65) »Die >elektrische Entkleidung< geht an der Verbindungsstelle der
beiden Teile des >Glases< vonstatten. Oberhalb der Mittellinien, welches das
aufzuhakende Gewand darstellen, steigt links eine Art Röhre hinauf zu
dem >Räderwerk der Begierde<, dem konstitutiven, skelettartigen Teil
der Neuvermählten. In diesem Teil hat der >Typenbaum< seine Wurzeln.
Die Gesamtheit dieser Organe ist mit den Namen >Weiblicher Gehenkter< bezeichnet.«
Robert Lebel, Duchamp, Von der Erscheinung zur Konzeption, Köln
1962.
(66) Hierzu meint Serge Stauffer: »Diese etwas gereizte Antwort war
sozusagen das Ende unserer Korrespondenz, denn ich war nicht unbescheiden
genug, darauf etwas zu erwidern. Ich war damals vierzig Jahre jünger
als er! Aber ich hätte ihm gern gesagt, daß ich nicht nur versucht
hatte, zu lachen, sondern daß es zuweilen eben vorkam, daß ich
lachte. Hatte die Zeit Duchamp eingeholt?«
(67) Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung II, Frankfurt 1959 (Kampf ums neue
Weib).
Anmerkungen zu >Das böse Wort vom Ghetto<
(1) Vgl. Lucy Lippard, From the Center, Feminist essais on feminist art,
New York 1976, S. 96. In dieser Zeit hatte Judy Chicago bereits mit ihrem
>Fresno<-Programm begonnen. Die künstlerisch tätigen Feministinnen
wurden damals von den Filmemacherinnen unterstützt. Damals wurden die
entlarvenden Statistiken auf der Titelseite der Los Angeles Times publiziert.
Die offizielle Antwort des Museums lautete: »Die Arbeit von Frauen ist
nicht gut genug.«
(2) Zu Beginn der siebziger Jahre haben amerikanische Zeitungen über
den Einfluß der CIA auf die Verbreitung des >Abstract expressionism<
offiziell hingewiesen.
(3) Darüber, daß es auch für heute hochdotierte Künstlerinnen
kaum möglich war, sich gegen die einflußreiche New Yorker Kritiker-Mafia
durchzusetzen, berichtet, längst zu Ruhm und Ehren gekommen, noch im
hohen Alter Louise Nevelson (geb. 1899 in Kiew, die 21jährig nach New
York kam) in einem Interview mit Cindy Nemser. Conversations with 12 Women
Artists, New York 1975.
(4) Th. W. Adorno, Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten
Leben, Frankfurt 1951. »Kind mit dem Bade. - Unter den Motiven
der Kulturkritik ist von altersher zentral das der Lüge: daß Kultur
eine menschenwürdige Gesellschaft vortäuscht, die nicht existiert;
daß die materiellen Bedingungen verdeckt, auf denen alles Menschliche
sich erhebt, und daß sie mit Trost und Beschwichtigung dazu dient, die
schlechte ökonomische Bestimmtheit des Daseins am Leben zu erhalten.
Es ist der Gedanke von der Kultur als Ideologie, wie ihn auf den ersten Blick
die bürgerliche Gewaltlehre und ihr Widerpart, Nietzsche und Marx, miteinander
gemeinsam haben. [...] Zwanghaft reicht der Gedanke an Geld und allen Konflikt,
den er mit sich führt, bis in die zartesten erotischen, die sublimsten
geistigen Beziehungen hinein.« (S. 47/48).
(5) Ebda. S. 22.
(6) Sie war Dozentin an der Fresno University.
(7) Judy Chicago, Through the flower. Mit einem Vorwort von Anais
Nin, New York 1975, S. 225.
(8) Private Geldgeber der amerikanischen Museen.
(9) Judy Chicago berichtet, daß sie damals den »shrink«
(in den USA Spitzname für den Psychoanalytiker) besucht habe. Es gibt
kaum einen Avantgardekünstler (oder -Künstlerin) in den USA, die
dies gegenwärtig nicht tut.
(10) Vgl. Judy Chicago, a.a.O., S. 75-76: »Um den Frauen zu helfen,
stärkere Persönlichkeiten auszubilden, mußte ich mich für
sie und ihren bisherigen Lebensweg interessieren. [...] Ich verstand, daß
ich nur dann, wenn ich auch ihre Persönlichkeitsstrukturen begriff, die
Dinge bewegen könnte, die sie an der Entwicklung hinderten. Es ist sehr
wichtig zu betonen, daß ich mich dazu entschieden hatte, mit sehr jungen
College-Studentinnen zu arbeiten, und daß die Probleme, die ich dabei
antraf, mit ihrem Entwicklungsstand korrelierten. Mein ganzer Argwohn gegenüber
Rollen-Konditionierung und der Entwicklung von heranwachsenden Frauen hat
sich während der Arbeit im >Fresno-Experiment< bestätigt. Ich habe
meine Konditionierungen abgelegt, weil ich dazu erzogen worden war, es zu
können. Nur wenige der jungen Künstlerinnen, mit denen ich im >Fresno<
arbeitete, hatten dasselbe selbstverständliche Bewußtsein wie ich.«
(11) Ein Extensionsprogramm des >Women's Building< vom Sommersemester 1976
bietet u. a. auch >Assertiveness Training< an (und >Anti-Rape and Self Defense
Tactics<, einen >Comedy Workshop<, >Dancing as a Social Experience<, >Traditional
Fairytale Alternatives<, >Money and Management<-Kurse etc.). 1727 North Spring
Street, Los Angeles, Calif. 90012.
(12) Das Glück in der Toilette. Rosa von Praunheim erzählt ihr
Leben, in: Neues Forum Wien, Heft 276, 1976, S. 43.
Anmerkungen zu >Das Womanhouse<
(1) Psychoanalyse der weiblichen Sexualität. Herausgegeben von
Janine Chasseguet-Smirgel, Frankfurt, 1974.
(2) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976.
(3) Ebda., S. 39.
(4) Vollständiger Text in MS, 1973 und Through the flower
(Judy Chicago) Doubleday Inc., 1975.
(5) Vgl. Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, a.a.O.
(6) Ebda.
(7) Siegfried Kracauer, Schriften 8 Jacques Offenbach und das Paris seiner
Zeit, S. 215-227 (Kurtisanen, Lebemänner, Journalisten),
Frankfurt 1976.
(8) Vgl. Womanhouse, Alternativdokumentation, undatiert, hrsg. vom
>California Institute of the Arts<.
(9) Vgl. Klaus Theweleit, Männerphantasien I, Frauen, FIuten, Körper,
Geschichte, Frankfurt 1977.
(10) Psyche Nr. 8, Stuttgart, August 1978, Carol Hagemann-White.
(11) Weitere Auflösungsprozesse finden sich in Lyn Hershmans satirischer
Performance Re-Forming Family Environment. Dieses Psychodrama findet
in einem Wohnhaus statt. Hauptakteurin ist Margo St. James, die Anführerin
der Liga der Prostituierten in Calif. >CAYOTE< (>CALL OFF YOUR OLD TIRED ETHICS<).
Ein Wachskonterfei von M. St. James liegt im Bett, sie liegt daneben und lacht,
während ein weiterer Wachsabguß ihres Körpers in der Sauna
vor sich hinschmilzt. Carolee Schneemann setzt sich in ihrer Aktion Eye Body
Schlangen auf den Körper. Am Ende des Multimedia-Events löst gleitendes,
farbiges Licht das Bild ihres Körpers in abstrakt-expressionistische
Strukturen auf.
(12) Im Mai 1969 schrieb der Leiter der Stabsabteilung Psychologie des Frankfurter
Werbebüros >Cream International<: »Als Sex-Werbung bezeichnen wir
jedes visuelle, verbale oder auditive Kommunique, das sich in der Gestaltung
seiner Signalstruktur auffälliger Bilder, Symbole, Geräusche, Wörter
und Anspielungen aus dem Bereich der Sexualität bedient. [...] Der sexuelle
Anstoß, den wir dem Umworbenen vermitteln, führt für ihn subjektiv
zu einem Frustrationserlebnis. Wieweit er sich dabei der Versagung reflektierend
bewußt wird, ist im Moment von untergeordneter Wichtigkeit. [...] Dem
Gesamtbild, in dem wir neben der längst zum unumstößlichen
Faktum gewordenen Sex-Werbung das Phänomen der höher und höher
brandenden sog. Sex-Welle lokalisieren können. [...] Dabei soll von vornherein
klargestellt werden, daß diese Sex-Welle nicht nur uns hilft, den in
der Absatzbranche Tätigen, sondern der Gesamtheit der Bevölkerung.
[...] Dieser psychische, rein visuell-auditiv, ohne Aktualberührung ausgelöste
Höhepunkt ist es, den wir als repräsentatives Modell der Befriedigung
der Zukunft verstehen müssen. [...] Andernfalls droht uns die Gefahr,
daß die Verbraucher sich eines Tages animiert fühlen könnten,
der media-vermittelten Frustration, dem eigentlichen Motor unserer gesamten
Überflußgesellschaft, nicht mehr länger nur durch nervösen
Konsum zu begegnen, sondern auf eigene Faust neue, unerprobte Wege der Befriedigung
zu beschreiten. Für den Absatzmarkt würde die Gefahr einer solchen
Entwicklung im drohenden Verlust der Kontrolle über die Verbraucher liegen
- ein Vorgang, der sofort ernsthafte Konsequenzen für die Gesamtwirtschaft
nach sich ziehen würde.« In Alfred Behrens, Gesellschaftsausweis,
Social Science Fiction, Frankfurt 1971.
(13) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
(14) Frieda Grafe, Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers,
Friederike Pezold, Video, Zeichnungen, Fotos, in: Filmkritik Nr.
3/76.
(15) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
(16) Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie
der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied 1970, S. 82.
(17) Ebda, S. 80.
(18) Ernest Bornemann, Po = Po? Das Ungebever von Loch Ness heißt
in diesem Sommer Titelpopo, in: Zeit-Magazin Nr. 32/4, August
1978
(19) Vgl. Womanhouse, a.a.O.
(20) Vgl. Katalog der Galerie Krinzinger, Innsbruck 1975, Feministische Kunst.
(21) Ebda.
(22) Ebda.
(23) Ebda.
(24) Kath. Künstlerinnen International 1877-1977, West-Berlin, S. 288.
(25) Iring Fetscher, Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das
Märchenverwirrbuch, Frankfurt 1974, S. 82.
(26) Martha Rossler schrieb eine Kurzgeschichte, in der sie vom Aschenputtel-,
zum Cinderella-Topos überwechseit, um dann auf die eigene Kindheit zu
sprechen zu kommen. She saw herself a new woman every day ist der Typos
einer Rachegeschichte posthum. Besonders im letzten Teil der Geschichte fungiert
der Schuh (die Schuhe) als Symbol für die Einengungen der weiblichen
Erziehung, der Schuh ist gleichzeitig ein Sargsymbol (Ohnmachtssymbol). M.
R. berichtet, wie sie als Kind in der Schuhkammer ihrer (sadistischen) Großmutter
gespielt hat, wo sie ihre kleinen, häßlichen Schuhe mit den Tanzschuhen
der Großmutter aus den zwanziger Jahren verglich. Der glitzernde Glamour
habe sie an den gläsernen Schuh aus dem Cinderella-Mythos erinnert. Sie
selbst habe während dieser Zeit Kinderschuhe getragen, deren Schnallen
ihr weh taten, oder zu große Stiefel (aus Gründen der Geldersparnis).
Daher habe sie sich unbewußt - über das Symbol des schönen,
begehrten Schuhs, der für sie damals ein Symbol von Selbständigkeit
und Freiheit war - mit der zynischen Großmutter identifiziert, die sie
sich nicht anders habe vorstellen können. Die Geschichte endet damit,
daß sie eines Nachts in den Straßen von New York die Schuhe auszieht
und wegwirft, um barfuß nach Hause zu gehen. Diese Geschichte, die wohl
auch als posthumes Konstrukt verstanden werden muß, deutet an, welche
irrlichtigen Welten, fernab von gegenwärtigen Alltagsproblemen, von einigen
dieser Künstlerinnen, die eine Psychoanalyse hinter sich haben, gestaltet
und entschlüsselt werden. Martha Rosslers verschachtelte Geschichte gibt
der Phantasie nur sehr begrenzt emanzipatorische Nahrung und setzt die »endlose
Trauerarbeit« der Psychoanalyse fort. Daß die Kindheit in der
Kunst der amerikanischen Feministinnen Hochkonjunktur hat, ist auch auf die
Einflüsse der Psychoanalyse (nicht des CR) zurückzuführen,
deren vielleicht unbewältigte Methodik die Künstlerinnen immer wieder
auf diese Phase zurückwirft.
(27) Vgl. Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, a.a.O.
(28) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
Anmerkungen zu >Die nicht unterdrückte Sexualität<
(1) Masculin-Feminin, München, zweite vermehrte Auflage. Zitat
aus dem Nachwort von Anita Albus, Frank Böckelmann und Rita Mühlbauer.
(2) Lizzie Borden, Women and Anarchy, in: Heresies Nr. 2, S.
71-77, New York.
(3) Vgl. Womanhouse, a.a.O. S. 110.
(4) Mary Jane Sherfey veröffentlichte ca. 1972 in den USA ihr Buch Die
Potenz der Frau, das den Künstlerinnen bekannt ist. Sie hat die
Entdeckungen von M. Masters und Virginia Johnson weiterentwickelt und bereicherte
Freuds psychoanalytische Theorien über die weibliche Sexualität
um ethnologische, embryologische Forschungen sowie neue Studien und Erkenntnisse
auf dem Gebiet der evolutionären Biologie und der Hormonforschung. Ihren
Studien ist ein Zitat aus Freuds Schrift Jenseits des Lustprinzips
(1920/1973) vorangestellt: »Hingegen wollen wir uns recht klar machen,
daß die Unsicherheit unserer Spekulation zu einem hohen Grade durch
die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen bei der biologischen Wissenschaft
zu machen. Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten,
wir haben die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten
und können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns gestellten
Fragen später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser
ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen würde.« Mary
J. Sherfey geht von der bereits von Master-Johnson beobachteten multiplen
Orgasmus-Struktur der Frau aus und bemängelt, daß die Wissenschaften
diese Beobachtungen in der überwältigten Zahl der Fälle nicht
gewürdigt habe. In der Folge beobachtet sie die Wechselwirkungen zwischen
>multiplen Orgasmen< und klitoridaler Erlebnisweise. Sie revidiert die >Vaginal-Orgasmus-Theorie<
S. Freuds und stellt fest, daß orgastisches Erleben an der Klitoris
ausgelöst wird und über »Nervenendigungen« an die Vagina
weitergeleitet wird. Ihre These ist eine >Klitoris-Leitzonen-Theorie<. Zusatz:
»Anhand dieser Ausführungen könnte man leicht mutmaßen,
weibliche Orgasmen seien intensiver als männliche. Solche Spekulationen
sind jedoch nicht ungefährlich, denn sie lassen entscheidende und imponderabile
psychologische Faktoren außer acht. Niemand kann fühlen, genau
fühlen, was der andere fühlen mag, noch das jeweilige Maß
an Schmerz oder Lust beurteilen. [...] Ich denke an Tiresias, den Seher von
Theben, dem die Götter vergönnten, hintereinander als Frau und als
Mann zu leben. Die Legende erzählt, wie Zeus und Hera im Verlauf eines
ihrer endlosen Ehezwiste sich stritten, welchem der beiden Geschlechter wohl
das größere sexuelle Vergnügen beschieden sei. Mit verblüffender
Klugheit und Voraussicht behauptet Zeus, es sei die Frau. Hera, Pionierin
aller Kämpferinnen für die Gleichberechtigung der Frau, widersprach
Zeus heftig und erklärte, alle Welt wisse, daß der Mann das größere
Vergnügen dabei habe. Das Paar einigte sich schließlich, den Seher
Tiresias zu befragen, der das einzige Wesen war, das beide Seinsformen erlebt
hatte. Tiresias fällte einen Spruch: Es sei die Frau. Hera, zornig, weil
sie des altehrwürdigen Vorwandes, den Männern alles zu verargen,
sich beraubt glaubte, wandte sich gegen Tiresias und schlug ihn mit Blindheit
- weil er zu vieles zu weise erkannt hatte.« Aus Die Potenz der Frau,Clepto-Print,
Luxemburg 1974.
(5) Volker Elis Pilgrim, Manifest für den freien Mann, München
1977: »Obszöne Passagen in der Literatur benutzen immer den Begriff
>Tiefe<, der mich als junge dazu verleitete, anzunehmen, das Lustzentrum der
Frau befände sich am Gebärmuttermund, ich müsse da nur hindringen.
Die eindeutig anders gelagerte Situation war für mich enttäuschend,
ist es möglicherweise für jeden Mann: der gelobte, geliebte, mit
Ängsten und Hoffnungen besetzte Schwanz war für die Lust der Frau
nichts wert. Das wollte ich aber nicht auf mir, auf >dem Mann< sitzen lassen.
[...].Die Unterdrückung der Frau begann mit dem vom Mann zu verantwortenden
Raub des Bewußtseins ihrer Klitoris, infolgedessen sie im Laufe der
Jahrtausende auch die Identität, das Bewußtsein ihrer selbst verlor.«
(6) Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951, S. 112: »[...]
etwas davon ist den Frauen, zumal denen des kleinen Bürgertums, bis in
die späte industrielle Ära hinein geblieben. Das Gedächtnis
an die alte Verletzung lebt noch fort, während der physische Schmerz
und die unmittelbare Angst durch Zivilisation behoben sind.«
(7) Ebda., S.
(8) Vgl. M. J. Sherfey, a.a.O.
(9) Schriftliche Mitteilung vom August 1977.
(10) S. Courage Nr. 9, Sept. 1978, 3. Jahrgang, Klitorisbeschneidung,
Genitale Verstümmelung von Frauen in Nordafrika, S. 20-28. Der Text
unterscheidet drei Arten von genitaler Verstümmelung an Frauen: die »schonende
Art« (Entfernung der Glans), die Entfernung der ganzen Klitoris und
aller äußeren Genitalien, das Herausschneiden der angrenzenden
Schamlippen, die Infibulation (pharaonische Beschneidung), Entfernung der
ganzen Klitoris und der kleinen Schamlippen sowie eines Teiles der großen
Schamlippen. Beim ersten Verfahren wird die Vagina bis auf eine kleine Öffnung
(für Blut und Urin) mit Dornen oder Katzendarm verschlossen. Jede Form
der Klitorisverstümmelung verringert nicht nur die sexuelle Lust der
Frau (als Schutz vor außerehelichen und vorehelichen sexuellen Beziehungen
gedacht), verschiedene Formen führen bei akuten Blutungen zum Tode oder
zu gefährlichen Komplikationen während der Geburt. Der Ritus wird
an Mädchen im Alter von 8 bis 14 Jahren vollzogen. Fatalerweise fehlen
bis heute Statistiken oder Berichte über die Gefährlichkeit der
Klitoridektomien in diesen Ländern völlig, obwohl, wie eine Hebamme
bezeugt, die Gefahren nicht unbekannt sind. »Christliche Missionare
haben auch den Zusammenhang von Sex und Zeugung unaufgeklärt belassen
und so stillschweigend zugelassen, daß diese Bräuche fortgesetzt
werden. Als Rechtfertigung wird häufig angegeben, daß die Klitoris
als Gegenstück zur Penishaut entfernt werden muß, damit das Mädchen
zur Frau werden kann, ähnlich wie die Vorhaut beim Knaben als Symbol
seiner Männlichkeit entfernt werden muß. Viele, mehr oder weniger
ausgeschmückte Geschichten erzählen in der ethnographischen Literatur
davon.«
(11) Schriftliche Mitteilung vom August 1978.
(12) Ebda.
(13) Ebda.
(14) Luce Irigaray, Waren, Körper, Sprache. Der ver-rückte Diskurs
der Frauen, Berlin 1976, S. 14-15.
(5) Schriftliche Mitteilung vom August 1978. Weiblich
(16) Christian David, Zu einer männlichen Mythologie über die
Weiblichkeit, S. 72 in: Psychoanalyse der weiblichen Sexualität,
hrsg. von Janine Chassaguet-Smirgel, Frankfurt 1975.
(17) Ebda, S. 73.
(18) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976,
S.142
(19) Frieda Grafe, Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers,
in: Filmkritik 3/76.
(20) Schriftl. Mitteilung vom August 1977.
(21) >Hassidic men wearing their black hats<, gemeint sind die »orthodoxen
Juden«, die »Hassiden«, die stets eine Kopfbedeckung, eben
die »schwarzen Hüte tragen«. Für den Hinweis danke ich
Peter Gorsen. Hannah Wilkes Bild Lake Ontario ist eine Paraphrase auf
dieses Thema.
(22) Hannah Wilke, In conversation with Ruth Iskin. Visual Dialog,
1977, S. 16-21.
(23) Die Thora ist eine in den Gottesdiensten benutzte Schriftrolle
mit den fünf Büchern Moses: 1. Genesis, 2. Exodus, 3. Leviticus
(Priesterkodex), 4. Numeri (Volkszählung) 5. Deuteronomium (Wiederholung
der Gesetze). Der Talmund basiert auf der Thora. Er besteht
aus 6 Ordnungen und 63 Traktaten. In der 3. Ordnung ist das »Naschim«,
das Buch über Frauen zu finden. Für den Hinweis danke ich Peter
Gorsen.
(24) Deena Metzger, In her image, in: Heresies Nr. 2, New York
1977, S. 3-11.
(25) L. Irigaray, a.a.O., S. 26.
(26) WDR III-Manuskript, Kultur und Wissenschaft, Am Abend vorgestellt, 1977.
Mit freundlicher Genehmigung von Christina von Braun.
(27) D. Metzger, a.a.O.
(28) Von messianischer Verklärung der Frau kündet auch Jacqueline
Lapidus' Beitrag in Heresies Nr. 4 mit dem Titel Design for the
city of women. »Die Frauen leben in der Grotte. Sie sammeln Seeweizen,
Moos und wilde Blumen, die sie roh essen, oder sie machen eine Paste daraus,
die sie in der Sonne zu Kuchen backen. Ihre Körper sind stark, gebräunt
und gesund. Sie haben gelernt, ihre Babies nach Jungfernzeugung auszutragen.
Jede Frau, die ihre Energie auf den Leib ihrer fruchtbaren Geliebten konzentriert,
kann sie befruchten. Während der Schwangerschaft streicheln die Frauen
ihre Bäuche, um die Kinder auf die Gemeinschaft vorzubereiten. Sie bringen
ihre Kinder hockend zur Welt: Freunde unterstützen das Atmen, indem sie
laut im Rhythmus der Mutter atmen. Oder sie singen, um die Mutter in ihrem
Atmungsrhythmus zu bestärken. Wenn das Kind den Schoß verlassen
hat, baden sie es in sonnengewärmtem Seewasser, legen es auf den Bauch
der Mutter und massieren es zärtlich, bis es zu lächeln beginnt.
Wenn eine Mutter nicht stillen kann, hilft ihr eine andere. Es macht den Frauen
Spaß, an den Nippeln der anderen zu saugen, und wenn sie Milch trinken,
durchläuft ihre Körper ein weiches Gefühl von Lust. [...] Die
Frauen leben schon so lange zusammen, daß ihre Menstruation zur gleichen
Zeit einsetzt. Während der Zeit der Menstruation fühlen sie sich
besonders stark und üppig. Die Macht ihres Blutes durchfließt sie.
Während sie am Strand hocken, studieren sie die Muster, die ihr Blut
im Sand zurückläßt, und erlangen dadurch eine intime Kenntnis
ihres inneren Selbst. Nachts machen sie folgende Riten: Die Frauen greifen
in die Vagina der anderen Frauen und verteilen das Blut mit liebenden Fingern,
sie bemalen ihre Körper damit. Bilder des Glücks fließen vom
Gesicht jeder Frau in das der anderen, über die Brüste, den Bauch
und den Rücken hinunter. Dann tanzen sie in Spiralformen. Wenn ein junges
Mädchen zum ersten Mal menstruiert, führt ihre Mutter oder Amme
sie in den Initialritus ein. Ältere Frauen, die nicht mehr menstruieren,
bemalen, durch die Liebkosungen der jungen erregt, ihre Körper mit deren
Blut. Obwohl die Symbole auf ihrer faltigen Haut farblos sind, kann jeder
sie sehen.« S. 98. Allerdings muß an dieser Stelle nochmals betont
werden, daß mit dieser »magischen« Fluchtbewegung die meisten
Menstruationstopoi nichts gemein haben. Bis auf einen weiteren Beitrag (von
Sue Heinemann) sind alle anderen der Sondernummer von Heresies über >Lesbian
Art und Artists< nicht von Sektierertum gezeichnet.
(28) Maskulin-,Feminin, 2. vermehrte Auflage, München, Nachwort
von Anita Albus, Franz Böckelmann und Rita Mühlbauer.
(29) Ebda.
(30) Heresies Nr. 1, New York 1976.
Anmerkungen zu >Der vorläufige und der eigene Blick<
(1) Gilbert Lascault, Figurées, défigurées. Petit
vocabulaire de la feminité répésentée, Paris
1977. Der Autor beruft sich auf ein unveröffentlichtes Manuskript von
Aline Dallier-Popper, Paris.
(2) Ebda. Referenzen: F. Sévin, Degas ˆ travers ses mots, in:
Gazette des beaux-arts, Juli-August 1975, S. 18-46.
(3) Ernst Bloch, Das antizipierende Bewußtsein, Frankfurt 1972,
S. 9.
(4) Die schwarz-weiße Göttin und ihre leibhafte Zeichensprache,
Kat. der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden 1977.
(5) Ebda.
(6) Th. W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951, S. 112.
(7) Schriftliche Mitteilung vom August 1978.
Anmerkungen zu >Und kein Finale<
(1) Siehe auch >Mama! sop< Wowan artists together, London 1977.
(2) Eine Schrift aus dem angelsächsischen Sprachraum ergründet die
Ursachen des sprunghaft gestiegenen Tranquillizer- und Alkoholkonsums: Women
- Their Use Of Alcohol And Other Legal Drugs, A provincial consultation,
hrsg. von Annie McLennan, zusammengestellt von Lavada Pinder, Addiction Research
Foundation of Ontario, Toronto, Canada, 1976.
(3) Suzanne Santoro, Per una exprossione nuova / towards a new expression,
1974, Edizione Rivolta Femminile, Rom. Der Grafitti könnte auch
mit Hilfe der Psychoanalyse entschlüsselt werden. Nach S. Freud »teilt«
der Mann aufgrund seiner Triebängste die Frau in Mutter und Hetäre.
An der Hure befriedigt er diejenigen Gefühle und Triebe, »die er
sich am geachteten Weibe nicht zu befriedigen getraut«, da dieses ihn
an die phallische, böse Mutter der Kindheit erinnert. Der Raum, den der
Phallus auf dieser Wandzeichnung einnimmt, könnte eine Kompensation anzeigen,
eine Demonstration von Macht gegenüber der als kastrierend empfundenen
Frau.
(4) Kat. des Wilhelm Lehmbruck Museums, 1975.
(5) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK West-Berlin
1977, Sarah Schumann: Fragen und Assoziationen zu Meret Oppenheim,
S. 72-79.
(6) Meter Oppenheim, Kat. Museum der Stadt Solothurn 1974: »Depressionen,
die auch während der ersten Pariser Tage immer wiedergekehrt waren, wurden
zum Dauerzustand.«
(7) Ebda.
(8) Ebda.
(9) 1932, mit 18 Jahren, ging Meter Oppenheim nach Paris. Dort lernte sie
Arp und Giacometti kennen. Ein Jahr später stellte sie im Kreis von Dali,
Arp, Ernst, Tanguy, Man Ray und anderen Surrealisten im >Salon des Indepépendents<
aus. Die »Pelztasse« entstand, als Meret 23 Jahre alt war, und
wurde für 200 Franken vom New Yorker >Museum of Modern Art< erworben.
Später (1974) hat sie, um den Mythos loszuwerden, ein Multiple Souvenir
de Déjeuner en Fourrure aus Pelz und Versatzstücken, die sie
in einer Turiner Autoraststätte fand, gemacht. Trotz ihrer Bedeutung
für den Surrealismus und dessen Entwicklung, ist Meret Oppenheim bis
heute in einschlägigen Standardwerken des Surrealismus nicht genannt.
Ihr Name fehlt auch in dem populären Standardwerk Surrealism, Permanent
Revolution von Roger Cardinal und Robert Stuart Short, Studio Vista, Dutton
Pictureback, London 1970.
(10) Vgl. Anmerkung 5. »[...] Mit 17 Jahren nahm M.O. sich vor, nicht
zu heiraten und keine Kinder zu bekommen. In dieser Zeit hatte sie einen Freund
(er war 22), der meinte, es gäbe die Hetäre und die Mutter, und
wenn man zur Frau gehe, dürfe man die Peitsche nicht vergessen, und wenn
man eine Frau haben wollte, müsse man ihr Kinder machen. Rückblickend
läßt sich sagen, daß sie weder ihre eigenen Vorsätze
(sie hat später geheiratet) noch die dubiosen Ratschläge dieses
Freundes (sie hat keine Kinder bekommen) befolgt hat.«
(11) Ernst Bloch, Das antizipierende Bewußtsein, Frankfurt 1972,
S. 73.
(12) Vgl. Ein Leben lang im Gartenbaus, in: Stern Nr. 18, April
1976, ein Bericht von Heiko Gebhardt und Stefan Moses. Die Wendung, das Bild
sei »später falsch datiert worden, weil eine kleine Korrektur stattfand«,
ist ein handschriftlicher Eintrag Hannah Höchs auf der Rückseite
des Fotos, das sie mir 1977 schickte.
(13) Das Thema >Mann-Frau<, das in der patriarchalischen Kunst in der Gestalt
der >Künstler-Modell<-Travestie erschien, wo in der Einheit von »Modell,
Geliebter und Ehefrau der Pygmalionmythos real wurde«, tritt seit Ende
des zweiten Weltkriegs in der Bildenden Kunst so gut wie nicht mehr auf. »Allenfalls
im Wunsch, das Geschlecht zu vertauschen, ist die Beziehung noch bildwürdiges
Problem.« Vgl. hierzu Kat. Das Bild des Künstlers - Selbstdarstellungen,
Kunsthalle Hamburg, 1978, Text v. Siegmar Holsten, Hamburg, S. 88-100.
(14) Mutter-Kind- oder Mann-Frau-Beziehungen werden im Proletarischen Roman
der zwanziger Jahre weit hoffnungsloser gestaltet als in der Bildenden Kunst.
Vgl. hierzu Hermann P. Piwitts Äußerungen über Lena Christs
Roman Erinnerungen einer Üerflüssigen, in: Literatur
Konkret 1977/78, S. 53.
(15) Dieses und alle weiteren Zitate von V.E. wurden der Publikation Intern.
Performance Festival, Wien 1978, entnommen.
(16) In der ästhetischen Produktion seit 1970 sind psychosomatische Körperereignisse
ein häufiger Topos, persönlicher Schmerz, Unzufriedenheit und Ängste
finden hier ihre Form. Dieses Thema, über das es erst diffuse Kenntnisse
gibt, müßte zu einem späteren Zeitpunkt genauer erörtert
werden. Die Unzufriedenheit der Frauen entsteht aus einer »Fesselung
der Produktivkräfte« (Ulrike Prokop) und der Bedürfnisse,
durch innere und äußere Isolation, durch die im Alltag vorherrschende
Routine, durch ökonomische Ängste, Angst vor dem Alter, der Zukunft
etc. Ulrike Prokop nennt sechs vegetative Störungen, unter denen die
Frauen »gesichert häufiger leiden als die Männer« (S.
88): Kreislaufstörungen, Darmträgheit, Abgespanntheit, Nervosität,
Schlaflosigkeit, Erschöpfungszustände. Die ästhetische Bildproduktion
zeigt andere Symptombilder: Depressionen (Raumambiente >Irgendwie ist sie
so anders< - Anna Oppermann); Isoliertheit (>Ich bin bedrückt< - Fotosequenz
von Annegret Soltau, vor der Geburt ihres Kindes entstanden), Kopfschmerzen
und Zungenlähmung (Fotografische Montage von Ycheved Weinfeld, auf denen
die Falten der Stirn aneinander geheftet und die Zunge an der Unterlippe befestigt
sind), Hitzeanfälle (in Bildern von Maria Lassnig als rote Flecken auf
der Haut), um nur einige wenige zu nennen.
(17) Gilbert Lascault, Figurées, defigurées, Petit vocabulaire
de la féminité répresentée, Paris 1977, S. 177-178.
(18) 1978: Daß Feministinnen und emanzipierte Frauen von Männern
häufig als sexuelle Monstren empfunden werden, drückte ein Redakteur
aus, der mir gegenüber äußerte, diese »Frauen betrieben
Inzucht«.
(19) Bertha Harris, What we mean to say: Notes toward defining the nature
of lesbian literature, in: Heresies Nr. 4, New York 1977, S. 5
-8.
(20) Da sie mit ihren Fotografien ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten kann,
arbeitet sie als »free-lance«-Fotografin für die Werbung.
(21) S. 51: »Tough Baby. - Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit,
sei's der eigenen, sei's der anderer, gebührt Mißtrauen. Er drückt
Unabhängigkeit, Sicherheit der Befehlsgewalt, die stillschweigende Verschworenheit
aller Männer miteinander aus. Früher nannte man das ängstlich
bewundernd Herrenlaunen, heute ist es demokratisiert und wird von den Filmhelden
noch dem letzten Bankangestellten vorgemacht. Archetypisch dafür ist
der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung
kommt, die direkte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt.
Das sorgfältig aufgenommene Zischen sagt, was der arrogante Mund verschweigt:
daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercrème
riecht. [...] Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stätte
eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten
Respekts. Die Freuden solcher Männer, oder vielmehr ihrer Modelle, denen
kaum je ein Lebendiger gleicht, denn die Menschen sind noch immer besser als
ihre Kultur, haben allesamt etwas von latenter Gewalt.«
(22) Helmut Fritz, Impotenz. Ein männliches Trauma und seine Bewirtschaftung,
zitiert den Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter in
einem Rundfunkmanuskript 1977, S. 17.
(23) Carol Hagemann-White, in: Psyche Nr. 8, August 1978.
(24) Die verpuppte Braut fällt mit dem Spielzeug zusammen, das man ihr
in ihrer Kindheit gegeben hatte, um sie für die Illussionen der weiblichen
Rolle zu konditionieren.
(25) Vgl. Peter Gorsen, George Grosz: » [...] Die Reduktion
des Künstlers auf sein Gesellschaftsverhältnis muß dabei notwendig
eindimensional werden. Erst die Berücksichtigung der individual psychologischen
Komponente, die Reflexion auf das unglückliche Bewußtsein, gelinde
gesprochen auf seine Neurose, die sein bis heute unerforschtes Verhältnis
zur Erotik und das polymorph Kriminelle seiner Bildwelt miteinschließt,
wird diesen Künstler >in seiner Gesellschaft< weniger rätselhaft
erscheinen lassen, als es gegenwärtig noch erscheint.« In heute
Kunst Nr. 14-15, 1976, Mai-August, Mailand/Düsseldorf, S. 6; Buchrezension
zu Uwe U. Schneedes im DuMont Schauberg Verlag erschienenen Publikation George
Grosz, der Künstler in seiner Gesellschaft.
(26) Schriftl. Mitteil. vom August 1977.
(27) Ebda.
(28) Insgesamt etwa 30 Künstlerinnen.
(29) High Performance, The Performance Art Quarterly, hrsg. von Linda
Burnham, Los Angeles 1978, Volume 1, Februar.
(30) Wörtlicher Ausspruch einer 80jährigen Frau und Titel eines
von Claus Menzel im WDR III, K.T., 1978, Köln gesendeten Textes.
(31) Das gehäutete Lamm wurde bereits in S.L.'s Performance Drei Wochen
im Mai..., Mai 1977, gebraucht. Hier war es geflügelt und sollte
in einem zum Abschluß der Aufklärungskampagne über >Vergewaltigung<
(geschätzte Dunkelziffer in den USA jährlich zwischen 225 000 und
510 000) stattfindenden Psychodrama die Erlebnisse vergegenwärtigen,
die Opfer der Straftaten empfunden haben. »Das ist nur mein Körper,
ich selbst bin unbeteiligt.« »Das ist nicht mein Körper,
dem das geschieht«: S.G. Nabakowski in Emma Nr. 1, 1978, S. 36-37.
Zur psychischen Bewältigung von Vergewaltigungsdelikten s. auch: Rolf
Butzmühlern, Vergewaltigung, Ideologien, Mythen, Fakten, Gießen
1977.
(32) Der Vergleich des weiblichen Körpers nur einem Stück Architektur,
möglichst mit einem Freudenhaus, ist ein gebräuchlicher populärer
Sprachtopos. Ein Haus gehört sich nicht selbst, es wird entworfen und
vermarktet, besessen und bewohnt. Vor allem ist es öffentlicher oder
privater Besitz: »[...] Schweizer Sex-Göttin, das bewundernswerteste
Beispiel schweizer Architektur seit der Erfindung der Alpen - die Quintessenz
all dessen, was weiblich ist: Ursula Andress. Eine ganze Nation träumt
von runden Berner Kurven mit den Traummaßen 94-56-89 kam sie aus Ostermundingen
via Paris nach Hollywood. Kein Mensch kannte sie. Dann stieg die schaumgeborene
Aphrodite in der Sage aus dem Meer: Im knappen weißen Bikini... Alle
nannten sie nur >the body<.« Aus: Blick, 1. Juli 1976, Schweizer
erobern Amerika.
(33) Schriftl. Mitteil. vom August 1977.
(34) Das >Woman's Building< und der >Feminist Studio Workshop< sind die beiden
alternativen Kunstinstitutionen, die noch übrig geblieben sind. Im FSW
unterrichten heute Suzanne Lacy (Performance, Aktionskunst, Media-Events),
Ruth Iskin und Arlene Raven (Kunstgeschichte), Deena Metzger (Literatur),
Sheila De Bretteville (Graphik). Pro Semester schreiben sich etwa 60 Studentinnen
ein. Männliche Bewerber werden nicht abgewiesen, suchen jedoch die >feminist
community< nicht auf. Da Gehälter und Lehrmittel ausschließlich
durch die Studiengelder finanziert werden (ebenso wie die Bibliothek, das
>Zentrum zur Erforschung feministischer Kunstgeschichte<, die Video-Apparaturen,
ein Adressenarchiv, die größte Diapositivsammlung zeitgenössischer
Künstlerinnen u. ä.), bangen Dozentinnen und Studentinnen von Semester
zu Semester um den Fortbestand der Schule. Mehrere Degrees können erworben
werden: BA, MA, MFA, PhD. Literatur: Feminist Studio Workshop, Studienplan
vom 19. Okt. 1977, und: Faith Wilding: >By Our Own Hands: A History
Of Women Artists's Movement In Southern California, 1970-1976, Double
X-Verlag, 1977. Adresse: Woman's Building, 1727 N Spring Street, Los Angeles,
CA 90012.
(35) Judith Chicago, Through the flower, My struggle as a woman artist,
mit einem Vorwort von Ana•s Nin, New York 1975.
(36) Vgl. ihre Publikationen: Up and to including her limits (vergr.),
Cézanne, she was a great painter. Unbroken words to women - sexuality,
creativie, language, art history, 1975; More than meat joy. Complete
Porformance Works & Selected Writings, 1963-1978.
(37) Carol Hageman-White, a.a.O.
(38) Drei der Dozentinnen verdienen im Jahr 4000 Dollar (ganztägig),
die anderen zwei verdienen 3000 Dollar im Jahr (halbtägig). Nach einer
mündlichen Mitteil. von S.L., Juli 1977.