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Titel: Frauen in der Kunst
Autor: Gislind Nabakowski, 1980
Frauen in der Kunst
Gislind Nabakowski, 1980
1. Drastische Leitmotive. Brauchen
wir die Bilder der Emanzipation oder sollen wir jenen applaudieren, die
diese Bilder verbieten?
2. Die späten Opfer des Naturzustands.
400 Jahre verhinderter Erwerbstätigkeit. Einige Thesen
3. Das böse Wort vom Ghetto. Feministische
Kunst an der amerikanischen Westküste
4. Das >Womanhouse<. Scharfe
Kritik an der domestizierten Phantasie. Ein Gruppenenvironment
5. Die nicht unterdrückte Sexualität.
Klitorisbilder, Vaginabilder, Menstruationstopoi
6. Der vorläufige und der eigene Blick. Die Frau als »ziemlich
umfängliches Triebwesen«
7. Und kein Finale
(Dieses Kapitel faßt die Leitmotive der >feministischen Kunst<, die
sich gegenwärtig nur verstreut finden lassen, additiv zusammen. Es wurde
geschrieben, damit diese Fragmente der Wahrnehmung, die keine Waren sind,
nicht verloren gehen oder in Vergessenheit geraten.)
Wie wir gesehen haben, erarbeitet die feministische Künstlerin ihren
Diskurs an den ideologischen Rändern der Gesellschaft. Ebenso wie die
Ursachen der ökonomischen Misere der Frauen (z.B. hohe Arbeitslosigkeit,
einseitige Belastung durch Familie und Haushalt, bei Berufstätigkeit
Doppelbelastung) interessieren sie die Folgen der psychischen und intellektuellen
Repression. 1975 gründeten Sally Gallop und Kate Walker in London die
>Artists-as-housewife<-Gruppe (1), die heute insgesamt 25 Mitglieder zählt.
So gut wie keine dieser Frauen ist als professionelle Künstlerin ausgebildet.
Sie haben gemeinsam, daß ihre Ehen zerrüttet sind, sie ihre Kinder
allein durchbringen. So sind sie doppelt belastet und sind als schlecht ausgebildete
Arbeitskräfte in unterbezahlten Berufen tätig. Wo sie während
der Arbeitszeit ihre Kinder unterbringen sollen, wissen sie kaum. In der von
Arbeit freien Zeit - wenn die Kinder im Bett sind - fertigen sie kleine Objekte
- »feministos« - , die sie einander zuschicken, um sich gegenseitig
ihre Probleme und die daraus resultierende Stimmungslage mitzuteilen. Alle
diese Objekte werden, da sie postalisch zugestellt werden, »postal events«
genannt. Sucht man in ihnen nach einer »femininen« Sprache, dann
wird man fündig in den Materialien (Stoffe, Briefpapier, Reißverschlüsse,
Knöpfe) und den winzigen Formaten, die Zeugnis von der Isoliertheit im
Haushalt ablegen. Sie alle machen einen Mangel an Glück sichtbar, ja
an verhinderter Lebenslust, bis hin zu Lebensmüdigkeit und Depression.
Babble Bath Suicide von Lyn Foulkes, ein winziges Objekt, entstand
im Anschluß an eine Diskussion der Gruppe über die gesellschaftlichen
Ursachen des den Frauen unterstellten »Masochismus«. Es führt
vor Augen, wohin unbegrenzte Belastung führen könnte. Eine Frau
liegt in einem kleinen Sarg, der Körper ist wie mit einer Salve harter
Drogen bedeckt. Das Objekt visualisiert auf zwei Ebenen die erzwungene Autodestruktion
der Frauen. Einmal stellt es die Todeswünsche einer Frau dar, die halluziniert,
im Bad zu ertrinken (einzuschlafen). Auf dieser Ebene wäre das Objekt
nichts weiter als eine neuzeitliche Version der »Ophelia«, die
im Wasser treibt, wäre ihm nicht eine zweite Ebene hinzugefügt.
Die Darstellung zeigt eine von Tranquillizern und Drogen betäubte Frau,
bzw. deren Gemütszustand. Es sind die >happy pills<, die ihren Körper
sedieren und ihr vorübergehend zu der Illusion verhelfen, sich bei der
Doppelbelastung wohlzufühlen, aber die maximale Ausbeutung ihrer Arbeitskraft
symbolisieren. Denn was aus dem Drogenteppich herausragt, sind jene sogenannten
»erogenen« Körperzonen, die die Konsumindustrie als besonders
»weibliche« vermarktet: die Haare, die Schultern, der Po, die
Waden, die Fersen. Babble Bath Suicide ist das Manifest totaler psychischer
Erschöpfung, eine bittere Eloge auf die Wiedergutmachungsstrategien der
pharmazeutischen Großindustrie. Kein einziges dieser >feministos< kann
oder will eine heitere Kunde verbreiten. Ihre Botschaften sind resigniert,
hoffnungslos. Sie zeugen von den Folgen der verschärften Arbeits- und
Ausbeutungsbedingungen für Frauen - erhöhtem Drogenkonsurn und Alkoholismus
(2) -, von auf Versorgungskontakte zusammengeschrumpften Beziehungen zwischen
Müttern und Kindern und immer wieder von der Werbung, die die Sexualität
der Frau nach Kriterien der Quantität (es herrscht die Serie) vermarktet
(Black Magic, von Kate Walker). Alles wird lakonisch, auf kleine Maße,
dicht zusammengedrängt. 1974 entdeckte Suzanne Santoro in den Straßen
Roms ein Grafitti. Es enthält die patronisierende Heilsbotschaft einer
auf phallische Sexualität eingeschworenen Gesellschaft. In dieser Wandzeichnung
(Kreide), die ein populäres Produkt unserer Tage ist, wird das weibliche
Geschlecht in ein marianisch-verschlossenes (Jungfrau/Braut) und passiv-empfangendes
(Mutter) Element gespalten, das letztere tritt im Symbol der Tasse in Erscheinung,
einer Chiffre, die einem überdimensionalen, auf Zeugung ausgerichteten
Phallus untergeordnet wird. Zu diesem Grafitti patriarchalischer Provenienz
schreibt die Künstlerin:
»Was ich so niederschlagend fand, sind die Ausmaße dieser Wandzeichnung.
Auf den ersten Blick erschien sie mir noch wie ein ganz gewöhnlicher
Grafitti. Doch wenn man gelernt hat, diese Elemente zu lesen, werden sie ganz
klar. Der Penis und der Samen sind mit Nachdruck gezeichnet. Auch wurde der
Tasse, die sich darum zu sorgen hat, den männlichen Samen zu empfangen,
große Aufmerksamkeit gewidmet. Dann gibt es noch eher beiläufig
ein kleines, mystifiziertes und untergeordnetes weibliches Genital, das ganz
gewöhnliche Loch, an das der Phallus schlägt.« (3)
Die Tasse ist in der abendländischen Kultur, sobald sie Geschlechtssymbol
ist, Symbol phallisch entfremdetet Sexualität, sozusagen das falsche
Symbol, auf das man sich einigt. Sie ist ästhetischer Ausdruck der Ohnmacht
der ans Haus gefesselten Frauen und ihrer geraubten Imagination. Der Erzählstrang,
der gegen diese symbolische Besetzung revoltiert, reicht bis ins Jahr 1936
zurück. Meret Oppenheim, gerade 23jährig, arbeitete in Paris an
ihrem DŽjeuner En Forrure. Das Objekt wurde unmittelbar nach Fertigstellung
vom New Yorker >Museum of Modern Art< erworben. Sie war die erste, die das
Tassen/Teller/Löffel-Motiv aus dem Unbewußten hob und mit Bruchstücken
einer utopischen Welt besetzte. Sie sucht, die >utopische Welt< in der weichen,
sexualisierten Natur. Sie umkleidete Tasse, Untertasse und Löffel mit
dem Fell einer chinesischen Gazelle. Die Tasse hatte sie bei >Prixunic< erstanden.
Seinen Signalwert verdankt dieses Objekt vor allem der Verarbeitung von Materialien
aus zwei konträren ökonomischen Klassen: dem Porzellan der Unterschicht,
der Verkleidung durch ein Material der Oberklasse. Jenseits dieses Signalwerts
beginnt der Gebrauchswert bzw. dessen Imagination. Mag sein, daß manche
daran Furchtphantasien entwickeln. Zu dieser Tasse, die gestreichelt werden
kann, schreibt Helmut Heißenbüttel, sie wirke »gespenstisch«.
(4) (An den Rändern ist das Fell struppig und widerborstig.) 1967, anläßlich
einer Fernsehaufzeichnung ihrer Ausstellung in Stockholm setzte Meret Oppenheim
die Tasse an den Mund. Das Fellhaar berührte die Menschenhaut. Zahlreiche
Metaphern gehen von diesem erotischen Vorgang aus. Anders als Heißenbüttel
sah es Sarah Schumann:
»Für mich ist da keine plumpe, erotische Assoziation wie für
manche, die meinen, das sei genau, wie aus einer Vulva zu trinken. Für
mich liegt die erotische Spannung, sublimer, in der möglichen Berührung
zwischen Mund und Fell.« (5)
Die Tasse, das gewöhnliche Symbol der desexualisierten Mutter, die im
Bereich des Alltagslebens depravierte Hausarbeit leistet, wird von Meret Oppenheim
animalisch besetzt und somit als Zeichenträger einer selbstbewußten
Erotik freigegeben. Wir wissen, daß Merets Großmutter schweizer
Frauenrechtlerin und Schriftstellerin war; die Mutter bespuckte 1935 öffentlich
ein Hitlerbild. Es gab also weibliche Vorbilder. Dennoch wurden in manchen
Zeiten starke Depressionen zum Dauerzustand. (6) Sie scheint starke Konflikte
wegen ihrer unkonventionellen Frauenrolle erlebt zu haben, die allerdings
nur in der frühen Arbeitsphase zum Ausbruch kommen. 1931/32, gerade 19jährig,
zeichnete sie ein Exvoto gegen das Kinderkriegen (7), eine Art Selbstbeteuerung.
Diese kleine, kolorierte Tuschezeichnung Würgeengell tauchte als Replik
in der Ausstellung >Junggesellenmaschinen< auf. Lakonisch hing diese Arbeit,
die einen Engel zeigt, der auf einem Fels stehend ein Kind erwürgt, in
der Abteilung Fortpflanzungsverweigerung. (8) Es war nicht die Weigerung einer
Frau, die von einer Künstlerin, die von Basel kommend, in der Isolierung
lebt (in glänzenden Karriere träumt, sondern der Zorn und die Wut
einer dem Kreis der Pariser Surrealisten) (9), die also um so mehr enttäuscht
ist, als ihr fortschrittliches Selbstbewußtsein sie immer wieder auf
eine männliche Gesellschaft zurückwirft, in der der Kulturcharakter
der Frau schon durch die >Mutterschaftsstereotype< festgelegt ist. Soll die
nicht mehr unmündige Tochter doch wenigstens Mutter sein? (10) Dieses
»Ideal« wird von der Gesellschaft nicht durch Hilfe unterstützt
- und wurde der Vergangenheit entnommen.
In der christlichen Mythologie hat der Engel (Gabriel) der Maria die Geburt
des »Gottessohnes« verkündet. Der Engel (als Botschafter
Gottes) weist bereits auf das (durch den Sündenfall) zerbrochene Geschlechts-
und Sprachverhältnis zwischen Mann und Frau hin. Der Würgeengel
kommt aus der Legende. Es soll Unausgesprochenes über das abhanden gekommene
Verhältnis aussprechen. Seine brutale Wirklichkeit überspringt die
trennende Grenze. Er ist dem Niemandsland verhaftet, »den werdenden
Dingen, dem Anfang und dem Ende der Zeit« (Christliches Lexikon,
Frankfurt 1957, S. 71). Zu Recht nennt Ernst Bloch den Surrealismus die
»Zeit des Einsturzes«. (11) Zwei weitere Federzeichnungen aus
den Jahren 1933/34 knüpfen hier an. Frau mit nackten Oberkörper:
ein phantomhafter Mensch flüstert einem Mann ein, sich ein Kind
zu wünschen. Die Waage, die das arglistige Gespenst ihm ins Ohr setzt,
ist eine Anspielung darauf, daß ein Kind das gestörte Verhältnis
zwischen Mann und Frau ausbalancieren soll. Eine Frau, die die Physiognomie
der jungen Meret trägt, steht mit nacktem Oberkörper abweisend daneben.
Knabe saugt an der euterförmigen Brust einer Mutter: hier ist ein Kind
geboren und saugt an der Brust einer stehenden Mutter, deren Gesicht man nicht
sieht. Durch die Geburt wird sie in einen anonymen Naturzustand versetzt.
Ihre Brüste verformen sich zu hängenden, ausfransenden Nippeln.
Bereits um 192o wird Mutterschaft in den Bildwelten der libertinistischen
Künstlerinnen nicht mehr glorifiziert. Der einst eigenständige Topos
verschwindet. Kein einziges der wenigen Bilder, in denen Mutterschaft dargestellt
wird, zeigt ungetrübtes Mutterglück, das ohnehin eine patriarchalische
Mär war. Um die Gesellschaftsverhältnisse zu decouvrieren, werden,
im Gegensatz zu den Bildwerken der Männer, die bezeichnenderweise Mutterschaft
zu einem Verhältnis zwischen Mutter-und-Kind reduziert haben, Männer
in die Zeichenwelt der Bilder mit einbezogen. 1923 entstand Hannah Höchs
Imaginäre Brücke, das den Wunsch ausdrückt, gemeinsam
mit Raoul Hausman ein Kind zu haben. Das kubistische Gemälde zeigt zwei
riesige Köpfe, dazwischen im Mund der Frau ein winziges Baby. Kubische
Splitter im Kopf der Frau setzen sich zu einem Tannenwald zusammen. Am Ohr
des Mannes ein »Ausrufungszeichen«, darunter ein anderer Mann,
der sich von einer um Hilfe rufenden Frau ab - und >ernsteren Betätigungen<
zuwendet. Später, nach der Trennung von Hausman (1925), hat Hannah Höch
das Bild neutraler Zwei Köpfe genannt. Erläuternd berichtet
sie, das Bild sei später falsch datiert worden, »weil eine kleine
Korrektur stattfand«.12/13/14
Annette Messager - Sammlerin, Betrügerin, Praktische Frau, Künstlerin
- »teilt ihre künstlerische Produktion in zwei Hälften, den
Orten gemäß, an denen sie sie hergestellt hat. Es gibt die Zimmer-Arbeiten,
die in der Nähe des Bettes entstanden sind, und die Atelierarbeiten,
die in der anderen Hälfte ihrer Wohnung entstehen. Im Prinzip vertauscht
sie die Produktionsorte nicht. Eine ironische Affirmation der Rolle der Hausfrau
stellt jedes Ding an seinen Platz und versucht, es dort zu belassen.«
(Vgl. Gilbert Lascault, FigurŽes, DŽfigurŽes, 10/18 Paris 1977, Gestes
d'Annette S. 81-90. Die Männer, an die sie sich mit ihrer Arbeit
wendet, sind ihr eher suspekt. Im Album Nr. II (Die Männer, die ich
liebe) (Vgl. Annette Messager, Kat. des Rhein. Landesmuseums Bonn,
1977) gruppiert sie Fotos von Männern, die sie in Magazinen gefunden
hat, mit Bildunterschriften: Ich liebe seine Zähne und seine schwarze
Brille; Ich liebe seine saloppe Art, seinen besorgten Ausdruck, Ich liebe
sein entfärbtes Haar, seinen unbestimmten Blick oder Die Männer,
die ich nicht liebe: Ich mag sein schneidiges Aussehen nicht und seine
selbstsichere Art; Ich mag sein beschützerisches Gehabe nicht; Ich mag
sein verführerisches Lächeln nicht; Ich mag seine Rauchglasbrille
und seinen nach unten gezogenen Schnurrbart nicht; Ich mag seinen Schlips
nicht und auch nicht seinen Siegelring ... Sie setzt sich auf die Champs-ElysŽes
und fotografiert die Hosenschlitze der an ihr vorbeidefilierenden Männer.
Später zeigt sie die Fotos in einer Kunstgalerie. »Das Wasser für
die Tiere, den Wein für die Männer, den Stock für die Frauen«
- sie trägt misogyne Sprichwörter zusammen (»Den Frauen wachsen
die Weisheitszähne erst nach dem Tod«), dann druckt sie sie, oder
sie setzt sich ins CafŽ und stickt sie mokant auf Künstlerleinen. Sie
stellt die sexistischen Blicke dar, mit denen der Mann in den Straßen
die Weiblichkeit verfolgt. Sie sammelt die Bilder von weiblichen Leinwandidolen
und zerkritzelt ihre Gesichter bis zur Unkenntlichkeit (Mes Jalousies):
mit Tusche ruiniert sie das aufgesetzte Lächeln der ewigen Jugendlichkeit,
die angestrengten Prozeduren. Sie pinselt ihnen die Falten, die das letzte
lifting beseitigen sollte, auf. Sie malt ihnen stumpfe Wimpern und Zahnlücken.
Sie sammelt (Mon Role d'Infirmire) die befehlenden Blicke von Ärzten
und die abhängigen von Krankenschwestern (aus trivialen Filmen). Sie
zeigt die Folterinstrumente eines Schönheitssalons, mit denen Frauen
für männliche Normen zurechtgestutzt werden usw. usw. Album Nr.
III (Les Enfants Aux Yeux RayŽs) und Nr. VI (Tout Sur Mon Enfant):
sie sammelt Baby- und Kinderbilder aus Frauenzeitschriften, bedeckt ihnen
die Augen mit schwarzer Farbe, legt ein Album eines fiktiven Kindes an: jetzt
wäre es 8 Monate alt, jetzt 10, jetzt 16, jetzt 4 Jahre, 8 Jahre usw.
usw.
»Da, wenn sich das Schicksal, das die aktuelle Gesellschaft den Frauen
auferlegt, nicht ändern wird, es bedeutet, daß ihr Leben limitiert,
organisiert, von Zeremonien skandiert und Ereignissen bestimmt ist (Heirat,
Geburten, Geburtstage ...), ist ihre >Kollektion< ein unendlicher, unbegrenzter
Ort, der immer wieder von neuem beginnt. In seiner Ordnung, die mit den Zähnen
knirscht, entwickelt sie sich und widerspricht. Sie räumt alles auf und
verfälscht alles. Ihr methodisches Geduldspiel verhöhnt die Ordnung
und überführt deren Mißbrauch. Ein Teil der >Kollektion< ist
auf fröhliche Art mit dem Chaos liiert. Ihre Sammlung kann eine >parallele<,
offensive Form von Produktion bedeuten.«
Wien 1977: die Performerin Renate Bertlmann sitzt als schwangere Mimin im
Hochzeitskleid in einem Rollstuhl. Anstelle des kirchlichen Schleiers, der
die Unberührtheit der Frau symbolisieren sollte, eine Dornenkrone aus
Schnullern. Die Sinnesorgane mit Schnullern (Saugnäpfen) besetzt. Auf
dem Invalidenstuhl die Aufforderung an das Festivalpublikum: »Bitte
schieben!« Schiebt man sie durch den ovalen Raum, der durch eine >Nabelschnur<
aus Latex begrenzt wird, klingt ein besänftigendes Wiegenlied aus einer
kleinen Spieldose, die versteckt am Hals der Performerin hängt. Läßt
man den Rollstuhl stehen, tönt Kindergebrüll aus einem Recorder
unter ihrem Bauch. Einige Male wird sie im Kreis geschoben. Bis man sie stehen
läßt. Nach einer Dreiviertel-Stunde erhebt sich die Performerin
aus dem Invalidenstuhl und leitet die Geburt ein. Auf den Boden fällt
ein brüllender Recorder, wie ein Wickelkind geschnürt. Die Performerin
legt die abgetrennte Nabelschnur mit ihrem offenen Ende zum Publikum und entläßt
sich, sichtlich erleichtert, in die Gesellschaft (Abb. 15-17, Bd. 2). Valie
Exports Homometer II, 1973-76: Sie schlendert über die Bürgersteige
Wiens, einen runden Brotlaib mit einem Strick vor dem Bauch tragend, der ihrer
Figur das Aussehen einer Schwangeren verleiht. Sie offeriert ein Brotmesser,
mit dem jeder Passant sich ein Stück herausschneiden kann. Die Handlung
ist erst dann zu Ende, wenn der Brotlaib aufgebraucht ist. Es ist dies keine
Aktion über die Ablehnung der Mutterschaft, sondern ein psychologisches
Experiment mit Symbolen und Verhalten, das als Untersuchung der Schwellenangst
im Passantenverhalten ihr Interesse an der »Mythologie zivilisatorischer
Prozesse« fortsetzt. 1973 füllt sie an der belgischen Küste
zwei ähnliche Brotlaibe mit Muscheln und Sand und fotografiert sie, zwei
weitere bindet sie sich an die Füße und läuft damit ins Meer.
Die Last der wassergetränkten Brotlaibe erschwert ihre Schritte, sie
stürzt. Die Wellen überspülen ihren Körper. Der Regreß
vieler ferninistischer Künstlerinnen auf archaische Symbole wird hier
als Bauchlandung dargestellt und in ein aufklärendes Licht gesetzt: Textlich
zugeordnet werden dieser Perforrnance Gedanken über das Brot als Grundnahrungsrnittel,
das Brot als Mittel des Profits und die industrielle Verseuchung des Teigs
durch Chemikalien (in früheren Zeiten: Kreide).
Beat it von Valie Export (1978) zeigt die Notwendigkeit der Profanisierung
archaischer Symbole durch alltägliche und politische Zeichen. Das säkularisierte
Bild der weiblichen Göttin (Mutter Erde) wird zum Bild der Arbeiterin,
die sich zum Takt des Fließbandes bewegt. Als Leitsatz steht über
der Perforrnance: »Das Leben in unseren Händen, auch wenn wir gleiten
und uns schwer bewegen, aber schlagen wir nicht dagegen, so werden wir verschwinden.«
(15) Die Aufführung handelt von der »Selbstlosigkeit der Arbeiterin«,
die den ständigen Appellen von »Vater Staat« und »Mutter
Erde« ausgesetzt ist. Ihre Gelenke sind von schweren Bleimanschetten
umschlossen, an den Händen trägt sie riesige Bleistulpen. Sie versucht,
Schmieröl aus einem Kanister auf den Boden zu gießen, während
sie sich in spiralförmigen Bewegungen um das Foto einer auf dem Boden
liegenden Frau bewegt. Ihre Bewegungen sind stark eingeengt. Sie gleitet,
rutscht, es macht ihr Mühe, nicht zu fallen. Plötzlich passiert
eine Katastrophe. Eine große Menge Öls strömt aus dem Behälter
und bildet eine Lache. Die Performerin ist von drei Monitoren umstellt; aus
zweien kläffen sie Wachhunde an, aus dem dritten wird sie von einer alternierenden
männlichen-weiblichen Stimme zu »immer meeehr« (Leistung)
angestachelt. Mühsam, im Schrittempo, gießt sie den Inhalt des
Kanisters aus. Am Ende zieht sie sich, dem Zusammenbruch nahe, auf das Bild
der Frau zurück. Sie liegt in einem stinkigen Meer von Öl, bis das
Publikum sie wieder auf die Beine stellt. Die Künstlerin entschlüsselt
den Symbolcharakter des formellen Aufbaus ihrer Performance so:
»Das Dreieck der Monitore steht für eine ganze Kette von Trinitäten,
die bei der heiligen von Vater, Sohn und Geist beginnt und bei der profanen
von Mann, Geschlecht und Moral endet. Dieser selbstlose Körper, der handelt,
als ob er mir nicht gehört, handelt auch von der anderen Selbstlosigkeit
der Arbeiterin. Sie, die Frau, hat nicht nur in der sozialen Maschinerie kein
eigenes Selbst; sie darf auch sonst nicht sie selbst sein. Durch ihren Körper
(Geliebte, Mutter) darf sie nur in bezug auf andere funktionieren, in bezug
auf den Mann und die Gesellschaft. [...] Diese Bewegungen, die Wellen, diese
Brandungen, sind ihre Handlungsform. [...] Das >Öl< ist ambivalent. Es
glättet die Wogen des Meeres, aber auf dem Boden verursacht es ein Ausrutschen.
[...] Beruhigt werden soll und erniedrigt; das sind die Gleitmittel, Schmiermittel,
mit denen die Gesellschaft eine reibungslose Kommunikation erwünscht,
auch wenn der Preis das Zugrundegehen vieler ist. [...] Stehe ich, so kann
ich mich nur als Marionette bewegen; falle ich, so wird es mich verletzten;
sitze ich, so kann ich nicht ruhen; liege ich, so kann ich es nur unter Schmerzen.
Ich bin meiner Werkzeuge beraubt, die mich vorwärts bringen. Ich bin
ein Gebäude, in dem das Selbst bewegungslos in sich verharren muß,
in dem meine Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse nur Luftgefechte
schlagen können.« (16)
Beat it ist ein Psychoambiente, das zu Gedanken über die gestutzten
Möglichkeiten des Einzelnen, Politik zu machen und Katastrophen zu verhindern,
anregen soll. Der komplexe Assoziationscharakter erlaubt sogar gedankliche
Verbindungen zum Tagesgeschehen. Das »meeehr« (Meer), das über
Recorder in die Performance hineingespielt (-gespült) wird, ist ein zweideutiger
Begriff. Die politökologische Sprache der Performance wird offen gehandhabt.
Jeder Teilnehmer erhält vor der Aufführung ein Script, das ihm über
mögliche Leseweisen des Ereignisses Auskunft gibt und das zwei Teile
hat. Der erste handelt von der Selbstlosigkeit der Mutter (hier: Arbeiterin);
im zweiten, transitorischen Teil liegt die Künstlerin erstarrt auf einem
»kalten« Foto, umgeben von einem See aus Öl, das sich in
ihre Atmungsorgane einfrißt. Hier spielt sie sich sinnbildlich in die
Position der ausgebeuteten Materie, die auf Erlösung wartet. Das Publikum
muß, um zu ihr zu gelangen und sie wieder auf die Beine zu stellen,
den schwarzen See durchschreiten. Dazu ein Zeitungsbericht:
Katastrophale Bilanz der Ölpest vor der französischen Küste
Helfer bei der Beseitigung der Schäden erlitten möglicherweise Vergiftungen
Washington (dpa). Als die bisher größte Zerstörung tierischen
Lebens im Meer haben amerikanische Wissenschaftler in Washington die Ölpest
bezeichnet, die der Schiffbruch des Tankers »Amoco Cadiz« am 16.
März dieses Jahres vor der französischen Küste in der Nähe
von Brest hervorgerufen hat. Die Meeresbiologen äußerten die Befürchtung,
daß es damals neben einer langfristigen Verseuchung des Meeresbodens
durch 40 000 Tonnen abgesunkenen Rohöls auch zu einer unmittelbaren Schädigung
der direkt betroffenen Menschen gekommen ist. Nach Auffassung des Direktors
des amerikanischen Bundesinstitutes für Umweltforschung, Hess, haben
sich die Helfer bei der Beseitigung der Ölschäden möglicherweise
Vergiftungen der Atemwege zugezogen. Außerdem seien vom Wind giftige
Ausdünstungen des Öls auf die umliegenden Felder getragen worden,
so daß man eine Störung in der menschlichen Nahrungskette befürchte.
Hess teilte mit, daß bereits zwei Wochen nach der Katastrophe, bei der
220 000 Tonnen Rohöl ins Meer geflossen waren, Millionen von Mollusken,
Seeigeln, Muscheln und anderen Meerestieren tot an die Ufer geschwemrnt worden
waren. In einer einzigen Bucht, erklärte Hess, seien mehr als 9000 Tonnen
Austern noch
heute unbrauchbar. Besonders gelitten unter der Ölpest hätten die
Seevögel. 20 000 seien bis heute ölverklebt tot aufgefunden worden.
Der Papageientaucher wurde nach Aussage von Hess in der betroffenen Gegend
nahezu völlig ausgerottet. Tagesspiegel, Sonnabend, 29. Juli
1978.
Dem ferninistischen Diskurs, der damit begann, die Klitoris zu entdecken,
ist eine große Nähe - und Ferne - zum eigenen Körper eigentümlich.
Er »vergreift« sich (freilich auch aus ästhetischen Gründen)
an den Bildern der Archaik (den weiblichen Göttinnen, den Muscheln, Spiralen,
Schlangen etc.); aber eine realutopische, aktuelle Dimension fehlt ihm nicht
völlig. In Beat it bewegt sich Valie Export in Spiralformen. Sie
ist die ganz und gar säkularisierte Erscheinung der >Mutter Göttin<,
die im Takt des Fließbands humpelt. Sie erwirtschaftet >Meeehr<-Werte,
aber wankt in eine Katastrophe. Mag sein, daß dies eine apokalyptische
Version der Idee ist, daß die Beteiligung an der Produktion den Frauen
die »große Freiheit« nicht bringen wird. Gina Pane ritzt
sich in Aktion: Laura, nachdem sie minutenlang einer hölzernen
Gliederpuppe auf den fehlenden Mund getippt hatte, um ihr das »A«
beizubringen, mit einer Rasierklinge einen Riß in die Handfläche.
Für sie ist diese >Schnittwunde< ein Vaginalsymbol, Zeichen des nicht-phallischen
Genitals. In ausnahmslos allen ihren Aktionen ritzt sie dieselbe Verwundung
auf verschiedene Körperpartien: die Schultern, den Arm, den Rücken,
um für das Geschlecht der Frau, das solange sprachlos bleibt, wie es
als Wunde belassen wird, einen Code zu finden. Alle ihre Performances sind
Solidaritätsbekundungen mit all den Frauen, die noch keine bewußte
Sprache haben.
»Für Gina Pane hat das Selbstporträt einer Frau notwendigerweise
mit
Blut, Milch, dem Schrei, mit Schmerz und Gewalt zu tun, mit dem, was man im
höchsten Grad einen Anfall nennt. Was sie ausdrücken will, kommt
einer Verweigerung der sozialen Bedingungen von >Weiblichkeit< am nächsten,
auch einer Verweigerung deren Affirmation; sie tut dies ohne Schonung, unumwunden,
mit einer Gewalt, die das männliche Publikum geniert und es meist dazu
führt, ihre Aktionen abzulehnen. Das Selbstporträt einer Frau wird
hier in dem Augenblick sichtbar gemacht, in dem sie Blut verliert, mit ihren
Menstrualtampons. Die Frau zeigt ihre Regel, sogar und vor allem, wenn sie
keine hat. Catherine ClŽment hat die Bedeutung unterstrichen, die Claude LŽvi-Strauss
der Frau als periodisches Wesen (tre periodique) gibt: >Er fand heraus, daß
in den amero-indianischen Mythen die Regel der Frauen, ihr unkontrollierbarer
Flux (Fluß), der der Natur zu nahe ist und also bedrohlich, das abwägende
Element seien, in dem sich die Spaltung zwischen Natur und Kultur vollzieht:
Regel- und Unregelmäßigkeit, beides in einem.< Und Catherine ClŽment
fährt fort, auf dem Paradox des Flux insistierend: >Die Frauen, die Marcel
Mauss den Neurotikern, den Ekstatikern, dem herumziehenden Volk zugesellt,
haben zwei Seiten: Sie stehen auf der Seite der Regel (weil sie Ehefrauen
und Mütter sind) und auf der Seite der Regeln, der natürlichen Störungen,
dem Übermaß an Paradoxien, an Ordnung und Chaos ...< Man muß
vielleicht auch auf dem flüssigen Aspekt dieser Ordnung/Unordnung bestehen,
auf dem geschickten Ausweichen vor aller Festigkeit. Die Regeln sind eine
der Formen der weiblichen Feuchtigkeit. Cecco d'Ascoli (zitiert von RenŽ Nelli,
L'Erotique des Troubadours) sagte im XIV.- Jahrhundert: >La donna e umida<.«
- »Die Frau ist feucht.« (17)
Die Bilder des Menstrualblutes rühren an eine bisher verdeckte Basis
der patriarchalischen Kultur, die sich bis heute lediglich in phantastische
Geschichten und Science-fiction-Filme verdrängt findet. Bereits Bertha
Harris hat darauf hingewiesen, daß das als bedrohlich empfundene Blut
der Frau für die patriarchalische Literatur niemals assimilierbar war.
Aus diesem Grunde wurde das »schreckliche«, »fließende«
Blut in einer anderen Gestalt vorgeführt - verkleidet und travestiert.
Monster- und Vampirgeschichten sind eine Folge des metaphysischen Schauders
vor dem weiblichen Blut; auch die lesbische Sexualität der Frau wurde
vom Patriarchat in diese Horrorbilder verschoben: auch Lesben sind Monstren.
(18)
»Monstren sind - und dazu wurden sie auch erfunden - dazu da, das auszudrücken,
was normale Menschen nicht ausdrücken können: Gefühle. Monstren
sind (neben anderen Dingen) Embleme für die Gefühle im Patriarchat.
Der Feind der Monstren ist die phallische Materialisierung, die verlangt,
daß das Chaos eine Form erhält und in Ordnung gebracht wird, um
das ökonomische Emblem des Phallus herum. Die Literatur des phallischen
Materialismus handelt davon; wie das Chaos (Wildheit, Frauen, Erotik, die
Imagination) reduziert werden kann, zu einer aufrechten (vorhersehbaren) Ordnung
(durch die Mittel der Plünderei, durch das Feuer und das Konkrete, das
Ritual der Heirat und des Doppelbetts; durch genitale Spasmen). Die patriarchalische
Geschichte handelt davon, was es bedeutet, ein Phallus zu sein, und von der
Dissoziation vom Phallus. Für die erfindungsreichsten Geschichten solcher
Art wird der Nobelpreis verliehen. >Erfindungsreichtum< in diesen Erzählungen
nimmt stets die Gestalt dessen an, der sich am anderen Ende eines Phallus
befindet: und diese Form erhält auch das Monstrum. Die meisten Erzähler
von phantastischer Literatur (womit ich Fiktion und Poesie meine) und ihre
aufmerksamen Leser haben noch nicht verstanden, daß sich die Form in
der lesbischen Kunst signifikant von der Form in der patriarchalischen Kunst
unterscheidet - und daß sie keinen sexuellen Stellvertretungscharakter
hat. Zum Beispiel: Zwei Frauen (anstatt wie üblich ein Mann und eine
Frau) lassen sich durch die Konventionen der Eltern nicht einschüchtern,
überleben in Wildheit, erleben häusliche Seligkeit, kriegen den
Orgasmus mit dem Finger anstatt mit dem Penis. Aber das ist nur wieder die
Geschichte von Romeo und Julia, mit einem Unterschied: das happy-end gehört
jetzt beiden Seiten. In einer Passage einer Erzählung von Tolstoi leidet
eine Frau an einer anderen Frau (anstatt an einem Mann) usw. Monstren, Heroen,
Kriminelle und Lesbierinnen (und manchmal Heilige und Gottheiten) haben folgende
Gemeinsamkeiten: das Vermögen, ihr Leben außerhalb der sozialen
Norm zu leben, was die anderen mit Neid und mit Furcht erfüllt. Eine
wirkliche und eine imaginierte Macht konzentrieren sich in ihnen, die von
anderen emotional und intellektuell ausgedrückt wird. Das Ziel dieses
Ausdruckes ist es jedoch, das Problem zu lösen. Unterschiede, die sich
auch physisch manifestieren, die zugleich in Angst und Schrecken und in süßes
Erschauern versetzen, sollen beseitigt werden. Darin drückt sich der
Wunsch aus, die eigene (und manchmal fremd bleibende) Outcast-Situation zu
rächen. Das Vermögen, andere zum >Bösen< zu verführen,
drückt den Wunsch nach übermenschlicher Gewalt aus. [...]
Vom Knaben zum Mann, zum alten Mann ändert sich der männliche Körper
kaum. Die Wandlungen, die er erlebt, sind nicht dramatisch. Vom Mädchen
zur Frau, zur alten Frau befindet sich der Körper der Frau in kontinuierlicher
Verwandlung (Flux). Und gemäß der primitiven Phantasie (über
die wir alle noch verfügen), ist die physische Wandelbarkeit der Frau
der Grund aller Magie, die Genesis aller Furcht, der Stoff aller mythischen
und fiktiven Übertreibung. Das weibliche Wesen blutet. Es blutet, aber
es stirbt nicht daran. Ihr wachsen Brüste. Brüste wachsen ihr von
dem Nichts, dem Brustkasten. Ihre Hüften werden rund; ihre Taille erhält
eine Vertiefung, ihr Bauch wölbt sich. Mit ungestümen physischen
Bewegungen bringt Sie Kinder zur Welt, eine Nachbildung (Kopie) ihrer Selbst.
Und es scheint, daß alles ihrem Willen entspricht und sie auch keine
Hilfe braucht. Der Körper kann das neue Leben ernähren. Mit einer
Kreatur, die mit so viel Macht ausgestattet ist, nicht nur über das eigene
Leben, auch über das Fortleben der Gesellschaft, muß man sich befassen:
Ihrer Macht muß ein Äquivalent hinzugefügt werden. Die offensichtlichste
Form, die diese neue, erfundene Gewalt, erhält (die sich in Motiven von
Furcht und Neid ausdrückt), ist die Macht, die entscheiden soll, ob die
Frau leben oder sterben muß. Die unbewußte Kollektivschuld derer,
die über Frauen Macht ausüben, kann zu jeder Zeit am Ausmaß
der >Monster<-Literatur gemessen werden; besonders wenn diese Literatur sehr
populär und öffentlich ist (wie sie es im 19. Jahrhundert in Europa
war und jetzt, im 20., in den USA ist), können wir sicher sein, daß
zwei Emotionen die allgemeine Imagination ergriffen haben: extreme Furcht,
daß diejenigen, denen man die Macht genommen hat, sie wiedererlangen
werden (in einer Verschwörung), und daß die künstlichen Fesseln
der Wildheit (Sexualität) wie etwa die Ehe nicht mehr standhalten werden.
Immer dann wird sich eine große Sehnsucht (begleitet von Schuldgefühlen
und Nostalgie nach >wirklicher< Wildheit) einstellen, damit die Verschwörung
gelingt. Als Mary Shelley ihren >Frankenstein< schrieb, beobachtete William
Blake die Verwüstung durch die Industrielle Revolution an Englands grüner
Natur. Als Inkarnation des Bösen wächst das Monster der Mary Shelley
aus schwarzen, satanischen Schloten (Mühlen), als Resultat des Bösen,
das man der Natur angetan hat: >Oh Schreck! Laß mich diesem furchtbaren
Monster meiner eigenen Einbildung fliehen!< Frankensteins Monster sehnt sich
nach Liebe; viele Monster fühlen, daß Liebe ihre Entfremdung kurieren
könnte. Signifikant (vielleicht nur für Monster!) ist, daß
das Monster von Mary Shelley lesen und schreiben möchte. Blakes schwarzes,
satanisches Monster hat sich in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts
in den sophistischen Zustand des technologischen Todes transmutiert. Fast
täglich wird in den Paperbacks ein neues Monster massenhaft ausgesetzt:
Vampire, Foltergeister, Hexen treten in moderner Verkleidung auf. [. . .]
Aber die lesbische Literatur, die im Patriarchat notwendigerweise Monsterliteratur
ist, ist dabei, neue, von der männlichen Tradition unabhängige Wege
zu begehen. Die neuen lesbischen Heroinnen sind sicherlich heilsamer für
unser intellektuelles Leben, als Rhett oder der Graf von Stephan es jemals
sein konnten. Wir brauchen Macht und Abenteuer nicht mehr mit dem Penis zu
assozieren.« (19)
Verita Monselles' Amore, Amore I und Amore, Amore II (1974)
enthüllen den patriarchalischen Vergnügungscharakter der Ehe in
der südlichen Kultur. Die heute 50jährige Argentinierin, die in
eine bourbonische Familie in Neapel einheiratete und vier Kinder zur Welt
brachte, ließ sich im Alter von 43 Jahren scheiden. Heute lebt sie in
Florenz und ist Mitarbeiterin der Zeitschrift Rosa. (20) Niemals stellt sie
sich in ihren Farbfotos selbst dar, immer sucht sie nach >Modellen<. Im ersten
Bild verstellt der Frau die Haushaltskultur (Töpfe, Blumenvasen, Kannen,
Blumen) den Blick auf die Hertschaftsrolle des Mannes. Er ist nicht mehr die
Kleiderpuppe, die im Dadaismus noch einem »fremden« Willen unterworfen
war, sondern nur noch dessen Rest, eine pomadige Büste, die den Typ des
Managers, des homme de monde, Gigolo und Latin Lovers verkörpert. Er
ignoriert ihre Zuwendung ausdrücklich; er schaut aus dem Bild hinaus.
Forsch fixiert er seinen Blick auf einen fernen Punkt, jenseits des häuslichen
Zusamrnenhangs, auf dessen Dingwelt sie festgelegt bleibt. Er ist der von
Potenzangst besessene Mann, dessen Phantasien schon am Frühstücksisch
sexuellen Abenteuern nachjagen. Seine Blicke flanieren an den Stränden,
in den Bars und Restaurants seiner Stadt. Im Gegensatz zu ihm ist sie lebhaft,
noch wandlungs- und leidensfähig, einfallsreicher als er, der die Normen
der Leistung und des Profits schon verinnerlicht hat. Diesen Typus von Männlichkeit,
dem Mißtrauen gebührt, dieses Skandalon hat Adorno in den Reflexionen
aus dem beschädigten Leben (1951) (21) beschrieben, und der Psychologe
H.E. Richter meint:
»Es ist sicher richtig, daß männliche Leitbilder durch eine
lange - ich würde sagen - Epoche imperialistischen Denkens - einseitig
zugeschnitten sind auf Stärke, Macht und Ehrgeiz, auf Konkurrieren und
Unterdrücken von Gefühl und von Fähigkeiten, die mehr auf menschliches
Kommunizieren aus sind. Und insofern kann man da zustimmen, daß das
klassische Leitbild von Supermännlichkeit starke Züge von Krankhaftigkeit
an sich hat. [...] Dieses Potenzgebaren, bei dem Männer eigentlich ihr
Sexualverhalten ähnlich steuern, wie man ein sportliches Verhalten steuert,
wo es mehr um Rekorde geht und die Zahl der Sexualkontakte. [...], diese angeberische
Potenz geht wieder in die Rolle des entfremdeten Männlichkeitsbildes
ein, das es abzubauen gilt.« (22)
Amore, Amore Il zeigt die Folgen des >entfremdeten Männlichkeitsbildes<.
Die Frau erfährt die Geburt ihres patriarchalischen Sohnes als elementare
Grausamkeit. Das Kind hat keine Arme eine Anspielung darauf, daß der
Sohn niemals liebesfähig sein wird. So wird er auch den Auseinandersetzungen
im Patriarchat nicht gewachsen sein.
»In der Tat: Niemand kann in dieser Gesellschaft eine Frau lieben, ohne
vorher die patriarchalischen Herrschaftsverhältnisse grundlegend in Frage
gestellt zu haben. Eine Frau zu sein ist etwas Unwürdiges; sie ist jederzeit
der Erniedrigung ausgesetzt [...]. [Denn] Frauen leben in gesellschaftlichen
Verhältnissen, die sie unmittelbar der Verfügung anderer ausliefern.
Die Eigenart ihrer Unterdrückung, die in der Ausbeutung ihrer unbezahlten
Arbeit, welche als Liebesdienst zu erscheinen hat, eine Wurzel hat, besteht
in dem Zusammenfließen von subjektivem Selbstbild und objektiv erforderter
Arbeit, von Liebesbedürfnis und Arbeitszwang, wie dies bei keinem anderen
abhängigen Arbeitnehmer der Fall ist. Ihre Abhängigkeiten beziehen
die ganze Person als Liebesobjekt und als Liebende mit ein.« (23)
Die Bilder der Verita Monselles zeigen eine Frau der Mittelschicht, die einen
Mann der Oberschicht geheiratet hat, der es als anstößig empfände,
wenn sie berufstätig wäre. Durch das Kind werden für sie immer
wieder familienähnliche Zustände hergestellt. Ihr bleibt für
sich selbst und das Kind der Konsum im Ghetto, die gekaufte Attraktivität.
Alle Frauen in Monselles' Bildern sind extrem mode-bewußt und konsumangepaßt.
Sie sind von der Ideologie der Unterordnung geprägt, die Männer
ihrer Bilder von der Ideologie des Habens und der Leistung. Monselles karikiert
jedoch die Männer nicht. Sie beläßt sie in ihrer idealisierten
Selbstdarstellung. Die Frauen in diesen Bildern bekunden Trennungsschmerz,
sind melancholisch, empfinden bereits die Bitte um selbstverständliche
Gefühle als Nötigung. Sie befinden sich im Moment des Abschieds.
Der stilistische Fortschritt dieser Fotografien besteht darin, einen ungelösten
Konflikt zu arrangieren und festzuhalten. Sie haben tiefe farbige Schatten,
die die Farbskala der Renaissancegemälde zu einer neuen Pracht entwickeln.
Die Traditionen (auch religionsgeschichtliche) bleiben im Schatten, als Bildhintergründe
ergeben sie den Tatort, den Rahmen. Die Frauen lösen sich aus Stoffen,
ineinander fließenden Dessins, Haushalten, Tapisserien aus allen Formen
kulturellen Wohlstands und seiner Prächtigkeit. Diesen Zustand des Sichloslösens
und seine Problematik zeigt Monselles mit vielfachen Brechungen. Unmöglich
erscheint der Abschied von der Welt des Patriarchats einzig im Bild Bijoux,
wo schon der Sohn der Mutter befiehlt und sie sich unter seiner Herrschaft
erneut in ohnmächtigen Träumen verfängt. Er wird - mit erhobenem
Zeigefinger - ihr Zukunftsidol sein, von dessen sozialem Aufstieg sie träumt:
ihr zweiter Ehemann.
Hannah Höchs Braut (1924-27), während der politischen Wirren
der Weimarer Republik entstanden, definiert den gesellschaftlichen Bereich,
in dem der Sockel mit dem Brautpaar steht, als unbestimmt. Hier, fünfzig
Jahre vor Monselles' Bildern, liegt die dadaistische Braut dem als steife
Gliederpuppe vorgestellten Ehemann noch mit ungenauer Sehnsuchtsgebärde
im Arm. Ein riesier Puppenkopf, der sie unmündig an die Zeit der Kindheit
zurückverweist, ist ihr, einem Fremdkörper gleich, auf den Hals
gesetzt. Mit diesem Kopf betrachtet die Braut die Schicksalszeichen, die sie
umgeben. Sie vermag die Zeichen der >zukünftigen Zeit< (geflügeltes
Rad) kaum zu deuten: die einkokonierten, geflügelten Tiere, den niegeborenen
Embryo, die toten Blüten, den Leib, die Tränen, das Gewicht. (24)
Im Dadaismus waren die >Puppenmenschen< ganz allgemein typisierte Gestalten,
deren Erschrecken an einer fremdgewordenen gesellschaftlichen Realität
auch in der physiognomischen Darstellung zum Ausdruck kommt - vor allem in
ihr. Denn zahlreich sind die Puppenköpfe in dieser Periode. Doch zeigt
sich in Bildvergleichen etwa der Puppen von Hoerle, der Automaten-Menschen
des späteren Heartfield, von Grosz und Hausmann auf der einen und denen
der Hannah Höch auf der anderen Seite, daß sie - im Unterschied
zu den >progressiven Männern<, wenn auch einer unbewußten Methode
des Dadaismus folgend - durchaus geschlechtsspezifische Merkmale des »Mechanisiertseins«
gestaltet hat. Bei ihr leidet der Mensch weniger an der Entfremdung durch
die Maschine und die Zeitumstände als an der Entfremdung durch eine deterministische
geschlechtliche Erziehung. Daher sind ihre Porträts überaus individuell.
Sie beziehen im Gegensatz zu denen der Männer auch den Schmerz über
private Verhältnisse, die zerbrechen - auch an »hoher« Politik
zerbrechen -, mit ein. Diese Seite der Bildkunst der zwanziger Jahre ist bis
heute kaum untersucht worden. Das Gros der wissenschaftlichen Analytiker hat
sich einzig auf deterministische ökonomische Theorien gestützt.
Eine Folge davon war, daß ein verkürzter Begriff des Dadaismus
herauskam. Die traumatischen psychosexuellen Gefühlszusammenhänge
zwischen den Geschlechtern wurden zu wenig beachtet und daher nicht entziffert.
Noch heute werden diese Jahre, die fürs sexuelle Schicksal der Einzelnen
eher unglücklich scheinen, als die Ära der großen sexuellen
Libertinage gefeiert. (25) Die Individuation der weiblichen Sexualität
vollzog sich im Widerspruch zu der der Männer - und in völlig anderen
Symbolwelten. Aber diese Künstlerinnen hatten kaum weibliche Vorbilder.
Sie arbeiteten in >progressiven< Männergruppen, über deren spezifische
Frauenfeindlichkeit heute kaum noch Illusionen bestehen. Künstlerinnen
wie Hannah Höch, Florence Henri konnten im Gegensatz zu Verita Monselles,
Judy Chicago, Joanne Seltzer, Gina Pane u.a. die Strukturen einer sexistischen
Beherrschung durch die Männer noch nicht bloßlegen. Dazu waren
sie zu vereinzelt. Auch lag die enigmatische Abstraktion vom Geschlecht -
die die Feministinnen verweigern - im Trend der damaligen Avantgarde. Erst
in den siebziger Jahren werden diese Strukturen befragt.
Ihre autoritäre Kindheit hat Joanne Seltzer (New York) aufgearbeitet.
Es war eine Kindheit, die bis zur späten Pubertät ohne starke weibliche
Leitbilder blieb, eine normale, weibliche Kindheit also. Ihre Bilder, die
aus Überlagerungen (superimpositions) bestehen, sind Erinnerungsstützen:
Sämtliche Fotos ihrer >narrative art< sind normale Familienfotos des
weitverzweigten Seltzer-Clans. Sie trug sie zusammen, um den ungebrochenen
Geschichtsverlauf der Beherrschung der Mutter durch den Vater zu visualisieren.
Der Chronik der Ereignisse spürt sie bis zu jener Zeit nach, in der die
Mutter auf den Fotos noch ein glückliches Gesicht hatte, ihrer College-Zeit,
in der alle Möglichkeiten noch offen schienen. Dann kam der Vater aus
dem Krieg aus Europa zurück. Die Mutter gab ihren qualifizierten Beruf
auf (was sich überall wiederholt hat) und begann eine »Karriere«
als Ehefrau. Seit dieser Zeit fotografierte der Vater die Mutter selten. Der
Vater hinterließ unzählige Bilder, alle auf der Rückseite
von ihm beschriftet. Eine seiner Angewohnheiten war es, sämtliche weiblichen
Familienmitglieder mit seinem >Attribut<, seinem Hut, zu fotografieren. Die
Frauen tragen seinen Hut - und seinen Namen. Aus diesen Bildern, die Joanne
vergrößert hat, läßt sich das dichtmaschige Netz der
Dominanz des Vaters herauslesen, aus dem es für die Mutter, die während
der Abfolge der Ereignisse vom Zentrum der Bilder an deren Ränder gedrängt
wurde, kein Entrinnen gab. Schrittweise nahm statt dessen die >zentrale< Bedeutung
der heranwachsenden Tochter zu. Sie erhielt eine künstlerische Ausbildung
(zunächst als Tänzerin), eine Collage zeigt sie im Ballettkleid,
über ihr Bild zieht sich ein Raster der Schecks, mit denen ihr Vater
ihre Ausbildung finanzierte, sie sind von seiner Hand und mit einem Stempel
signiert, der, Ironie des Schicksals, immer blasser wird. Gekrönt wird
diese Chronik der schleichenden Ausbreitung der väterlichen Macht über
die Frauen von dem fotografischen Tableau Birth Certificates. Es zeigt
- 125 mal - den lächelnden Vater, der Gynäkologe war, einen Säugling
im Arm haltend. In der Zeitabfolge ihrer Geburt sind diesen Bildern die 2000
Geburtsurkunden derjenigen Kinder unterlegt, denen der Vater von 1950 bis
zu seinem Tod 1971 mit »ins Leben half«. 175 mal lächelt
er auf dieselbe Weise. Die Künstlerin erinnert sich mokant, er habe sich
sogar als »Urheber« der Kinder gefühlt, wenn er bei schwierigen
Geburten dabei war. Ihr historisches Material bringt zwei extrem widersprüchliche
Rollen zutage, mit denen Joanne sozialisiert wurde: »Sei so ehrgeizig
und arbeite so hart wie Dein Vater / gib nach dem Studium Dich und Deine Interessen
auf und werde ein >Appendix< des Mannes wie Deine Mutter.« (26) Als
Künstlerin ist Joanne die erste Frau im Seltzer-Clan, die mit diesem
Syndrom bricht. Die Bilder konstruieren rückläufig das lückenlose
psychologische Anpassungssystem neu. Ihr Clan setzt ihr noch heute nach, um
sie auf den Pfad der Ehe zu bringen und um sie an der Veröffentlichung
dieser Fotografien zu hindern. Zum Birth Certificate meint sie:
»Das Tableau zeigt das Gesicht meines Vaters in dem Augenblick, in dem
er aus dem Kreißsaal kommt. Man ist versucht, die Geburtsurkunden abzuschreiten
und ihre Schriften zu entziffern. Es lassen sich zahlreiche Informationen
über die kulturelle und ethnologische Beschaffenheit sowie ökonomische
und sozialpolitische Informationen über die Lebensumstände dieser
Menschen im Kohlegebiet von Westvirginia herauslesen. Ihre Namen sind in der
Mehrzahl angelsächsisch oder walisisch. Es sind Einwanderer, die in die
USA kamen, um zu malochen, und sich unter Tage verdingten. In Anlehnung an
berühmte amerikanische Vorbilder gaben sie ihren Kindern oft die typischen
Vornamen aus der Oberschicht. Dies drückt ihre Sehnsucht nach Reichtum
und Ansehen aus. Ein trauriger Brauch für die Ärmsten der Armen.
Die Eintragungen zu ihrer schulischen Ausbildung erklären, warum sie
ein ganzes Leben lang arm blieben. Einige der Väter, die nicht mit der
Kohle zu schaffen hatten, waren Eisenbahner. War zufällig ein Chemiker
oder Rechtsanwalt unter ihnen, so geben die Eintragungen Aufschlüsse
über seinen gesicherten kulturellen und ethnischen Background. Der Akkumulation
dieser Urkunden lassen sich die dazugehörigen Heiratsraster entnehmen.
Der Bildungsstand der Frauen ist niedriger als der der Ehemänner. In
allen Urkunden sind die Mütter der Kinder bis etwa 1968 >berufslos<.
Das ist der gesellschaftlich verankerte Begriff für ihre angeblich unproduktive
Hausarbeit, die ihnen nicht gelöhnt wird. Zusammenhänge über
die Form der Industriearbeit und spezifische Krankheiten lassen sich ebenfalls
entschlüsseln. Die 2000 Kinder, ihre Namen, das lückenlose Gitter,
das sie fotografisch bilden, sind unmißverständliche Verweise auf
die Ärmlichkeit und Starrheit ihrer Schicksale, die fürchterliche
Sprachlosigkeit ihres Lebens und den routinierten Akt der Geburt in einer
ganz normalen klinischen Institution.« (21)
Sprache als analytische Mittel der Aufklärung, wo Bilder allein nicht
mehr genügen, um Schicksale von Menschen in ihrer Armut zu erfassen (August
Sander, Margaret Bourke-White, Dorothea Lange, Lewis W. Hine u. a.), Sprache,
um die Deformation im Denken, das diese Armut verwaltet, authentisch zu zeigen,
ist ein gebräuchliches Werkzeug der Feministinnen auch an der Westküste.
Suzanne Lacy, Leslie Labowitz-Starus, Melissa Hoffmann u.a. (28) nahmen in
ihre Aufklärungskampagne über >Vergewaltigung< und deren Dunkelziffern
sogar empirische Diskurse mit auf. Dem Publikum, das die Bilder betrachtet,
werden Flugblätter mit aufklärenden Daten in die Hand gedrückt.
Es soll so wenige Mißverständnisse wie möglich geben. Im Dezember
1977 findet in den Straßen von Los Angeles die Media-Performance In
Mourning and in Rage statt, ein Memorial für die zwölf Frauen,
die dort vergewaltigt und ermordet aufgefunden worden waren, Opfer des sogenannten
>Hillside stranglers<. In einem Leichenkonvoi fahren die Künstlerinnen
zum Stadtzentrum. Vor dem Rathaus entsteigen sie, schwarz vermummt, einer
Limousine und formieren sich in einer Reihe. Später erfährt man
über die großen Nachrichtenagenturen, daß mehrere Männer
sich der Polizei gestellt und sich als Mörder bezeichnet haben. Zu den
vorübergehend Festgenommenen gehört auch der Schauspieler Ned York,
der in Hollywood in Gewaltfilmen belanglose Nebenrollen gespielt hat. In allen
Fällen war die Polizei nach einer kurzen Überprüfung der Meinung,
es handele sich um pathologische Selbstbezichtigungen. Die zwölf Morde
sind bis heute nicht aufgeklärt. Mittlerweile wurde ein 13. Opfer tot
aufgefunden. Suzanne Lacy skizziert in der Avantgardezeitschrift High Performance
(29) den Ablauf des Psychodramas:
»Es war der Ausdruck unseres persönlichen Schmerzes über die
sogenannten >Unglücksfälle<, den Opfern der Gewaltverbrechen gewidmet,
die im Distrikt von Los Angeles dem >Hillside strangler< zugeschrieben werden.
Es handelt sich um eine Media-Performance, die unmittelbar für die Verbreitung
in den Medien konzipiert ist. 60 Vertreter der Medien, die vorher instruiert
worden waren, versammelten sich neben den 10 Akteurinnen. Jede wurde durch
ihre schwarze Verkleidung, die auch ihr Gesicht verhüllte, 2 m groß.
Die Trauernden bewegten sich in Richtung auf den Rathausplatz. Die erste erinnerte
an die Opfer des >stranglers<, die zweite an die 388 während derselben
Zeit in L.A. vergewaltigten Frauen. Nachdem jede gesprochen hatte, erhielt
sie einen roten Umhang, den sie kurz in der Hand hielt, bevor sie ihn über
den schwarzen warf. Dieser Vorgang wiederholte sich wie ein Ritus des Gedenkens
zehn Mal. Nachdem der Chor gerufen hatte: >In Erinnerung an unsere toten Schwestern
wehren wir uns<, erschien eine rot gekleidete Frau, die gekommen war, um die
Wut der Frauen anzukündigen: >Ich bin hierher gekommen, um Euch mitzuteilen,
daß Frauen sich wehren<. Es folgte ein Statement einer Künstlerin,
die verlangte, daß Frauen schon in den Schulen zur Selbstverteidigung
erzogen werden müssen. Die Performance war ein visueller Widerspruch
zu den üblicherweise in den Massenmedien von Frauen reproduzierten Bildern.
Sie wurden von sechs Nachrichtenprogrammen ausgestrahlt, davon einer überregionalen
(nation-wide) - und in mehrere >Talk shows< aufgenommen.«
Edna, May Victor, Mary and me (1977), eine Performance von Suzanne
Lacy über das Altwerden, fand im Biltmore Hotel in L.A. statt. Sie selbst
hatte sich mit einer Plastikmaske in eine alte Frau verwandelt und spielte
eine Nacht lang deren Part. In dem Raum befand sich eine Videokamera, die
über Monitore das nächtliche Ereignis in 20 weitere Räume und
die Halle des Hotels übertrug. Es waren 12 Stunden aus dem Leben eines
Menschen, den die Gesellschaft verstoßen hat, weil er nicht mehr produktiv
ist. Die alte Frau findet keinen Schlaf. Sie döst vor sich hin. Die Uhr
tickt. Ein hyperwacher Zustand, der von der Einsicht gespeist wird: »Ich
weiß nicht, warum ich noch lebe, aber ich glaube, man wirft es mir vor.«
(30) Als die Sonne aufging, erhob sich die Frau, zog die Bettdecke zurück
und entdeckte darunter ein gehäutetes Lamm. (31)
Unvermeidbare Assoziationen
Eine Performance in 2 Teilen, aufgeführt während der >American Theater
Conference< im Biltmore Hotel, Los Angeles, 1. Teil 8. August 1976, 11-15
Uhr.
Was zu sehen ist ...
In der Empfangshalle des Biltmore Hotels, einem schmucküberladenen, historischen
Gebäude, das gerade einer Renovierung unterzogen wird, findet die Eröffnung
der >American Theater Association< (ATA) statt. Eine Seite der Großen
Halle ist dreimal unterteilt. Im ersten Teil steht eine weißgekleidete
Frau und verteilt Handzettel über die Rekonstrukti des Biltmore Hotels.
Auf der anderen Seite befinden sich auf dem großen Tisch zwei offene
Goldschachteln, die historische Fotografien des Hotels aus dem Jahr 1922 enthalten
und Presseberichte, die 1976 erschienen, mit den Überschriften: Die
alte Dame lebt noch immer - alte Hotels sterben nie - sie werden
nur mürbe; die große Lady Biltmore feiert ihr come-back; die Biltmore
erhält für 13 Millionen Dollar ein face-lifting (32). Auf einem
zweiten Tisch liegen Broschüren über Schönheitschirurgie. Unter
einem Spiegel steht eine Schautafel mit weiblichen Gesichtern; sie zeigt die
Patientinnen >vorher< und >nachher<. Die weißgekleidete Frau beantwortet
die Fragen des Publikums, das vermutet hatte, es handele sich um eine Public-relations-Veranstaltung
der kosmetischen Industrie. Im dritten Teil der Halle steht ein lederbespannter,
verchromter Friseursessel. Drei Techniker gehen gleichzeitig auf den Sessel
zu, auf dem im Krankenkittel eine etwa 30jährige Frau sitzt (gespielt
von Suzanne Lacy). Eine Fotografin nähert sich ihr, fotografiert sie
zweimal und befestigt die Polaroids an einer Tafel, die mit >vorher< gekennzeichnet
ist. Jetzt beginnen die >Gestalter< eine ausdauernde Make-up-Prozedur. An
der Längsseite der Halle bilden 10 Samtsessel eine Reihe wie in einem
Wartesaal. Hin und wieder nehmen sporadisch Besucher des Hotels in ihnen Platz.
Gegen 12 Uhr 30 sitzen 9 Frauen auf diesen Stühlen und betrachten das
geschäftige Hin und Her in der Halle. Nach vierstündiger Prozedur
ist die Frau auf dem verchromten Sessel fertig geschminkt - ihre Arme, ihre
Hände, ihr Gesicht. Sie, die Künstlerin, sieht jetzt aus wie eine
70jährige, sie trägt eine weiße Perücke. Die Männer,
die sie geschminkt haben, ziehen sich von ihr zurück - Die Fotografin
geht auf die Frau zu und macht erneut zwei Bilder von ihr. Sie befestigt die
Polaroids an einer Tafel mit der Aufschrift >nachher<. Die 9 alten Frauen,
die währenddessen gewartet haben, gehen auf die alte Frau zu und bilden
einen Kreis um sie. Aus ihren schwarzen Taschen holen sie schwarze Kleidungsstücke
und kleiden die sitzende Frau ein. Als sie fertig sind, erhebt sich die Frau,
und alle gehen gemeinsam durch die Halle zur Stuhlreihe zurück. Dort
hat sich inzwischen das Publikum im Halbkreis versammelt. Langsam erhebt sich
die alte Frau und verläßt zögernd vor den anderen, die ihr
konfus und desorientiert folgen, die Halle.
2. Teil, 10. August 1976, 20 Uhr
Was erfahren wird ...
Das Publikum kommt in den Raum und findet 100 leere Stühle vor, ungefähr
20 in einem Kreis; unter ihnen der große, rote Stuhl vom Vortag. Auf
ihm sitzt eine alte Frau. Nachdem die Leute Platz genommen haben, wird ein
Dia mit folgendem Wortlaut an die Wand projiziert: >Mit 30 weiß ich
nur, was ich mit 30 weiß. Über das Altern weiß ich soviel
oder sowenig wie all die anderen. Ich weiß darüber nur, was ich
alten Menschen von außen ansehe.< Es folgen weitere Diapositive: »Dies
sind unvermeidbare Assoziationen«. Es folgen die Bilder der Verwandlung
der 30jährigen Künstlerin in eine 70jährige Frau. Dann ein
letztes Bild mit der Aufschrift: »Was erfahren wird ... ?« Dann
wird das Licht wieder angeschaltet. Die 9 Frauen beginnen von ihrem Leben
zu erzählen, seitdem sie 60 Jahre alt sind. Das Publikum hört zu
und unterbricht mit Fragen. Nach einer halben Stunde geht die Künstlerin
auf jede der 9 Frauen zu, und sie verlassen gemeinsam den Saal. (33)
Der aufklärende Widerstand >feministischer Kunstwerke< ist da produktiv,
wo er den Herrschaftsrahmen bedeutender Avantgardekunstwerke (z.B. das Monopol
der Formalisierung) sprengt. Dies wird mit vielfältigen Mitteln versucht.
Es kann sogar, wie im Fall der Media-Performances, durch eine bestimmte Ereignisstruktur
geschehen, die so angelegt ist, daß sie kaum manipulierbar ist und die
Produzentinnen über sie nicht die Kontrolle verlieren. Aus diesen Erwägungen
und den schlechten Erfahrungen der Künstlerinnen mit den Massenmedien
erklärt sich die Aufnahme empirischer Sprache. Diese Sprache, die die
Media-Performance (und die >contextual art<) begleitet, soll den Betrachter
in die Lage versetzen, die Performance, die mit schockhaften Symbolen arbeitet
(etwa das gehäutete Lamm), nicht emotional zu verdrängen, sondern
denkend wahrzunehmen. Die Ereignisse sollen einen breiten Gruppen-Konsensus
herstellen. Daher sind an >feministischen Ereignissen<, die über Gewaltprobleme
aufklären, häufig Bürgerinitiativen beteiligt. An der >Anti-Rape<-Performance
(Three weeks in May ...) nahmen ca. 21 Bürgerinitiativen teil,
an der über den Hillside strangler das >Women's Building< (34), die >Women
against violence against women<-Gruppe, die >Rape hotlines<, die Sängerin
Holly Near und die Parlamentarierin Pat Russel, die sich im Stadtparlament
von Los Angeles des Gewaltproblems annimmt. In die >Anti-Rape<-Performance
wurden sogar Tom Bradley, der Bürgermeister von Los Angeles, und das
Sheriff-Department verwickelt. Eine Organisation aus dem >Schwarzen Ghetto<
unterstützte sie mit Geld. Hieran zeigt sich auch, daß isolierte
Privatgalerien mit ihren geringen Besucherquoten und Museen, die sich als
»gesellschaftsfreie Orte« verstehen (beinahe alle Museen in den
USA und im gegenwärtigen Europa), für derlei Kunstformen keine tauglichen
Foren sind. Diese Kunstwerke sind keine Waren. Die Künstlerinnen gehen
mit ihnen auf die Straße und kooperieren sachlich mit den Nachrichtenmedien.
Sie wollen Tausende von Zuschauern erreichen. Daß es ihnen weniger um
die Herstellung von >hard ware< geht als darum, mit ästhetischen und
außerästhetischen Mitteln an den Grenzen der traditionellen Kunst
des 20. Jahrhunderts die soziale Reizbarkeit der Zuschauer zu intensivieren,
während sie zugleich die visuelle Symbol- und Nachrichtensprache gebrauchen
und somit an der Offenheit des Kunstwerkes festhalten, macht die einzigartige
Bedeutung dieser Kunstströmung seit 1971 aus. Nach acht Jahren sollte
das Consciousness-Raising die Beziehungen der Frauen untereinander klären
helfen:
»Wir hängten Zeichnungen, Gemälde und Fotografien auf. Viele
der Zeichnungen zeigten Vaginas, Uteri, Ovarien und Brüste, genauso wie
meine ersten Arbeiten. Nicht, weil ich die Frauen dazu angeleitet hatte, sondern
weil sie selbst darauf gekommen waren. Die Frauen fühlten sich nicht
mehr befangen, wenn sie ihre eigene Sexualität in Bildwelten ausdrückten.
Sie führten Performances auf, Psychodramen und machten sogar Filme. Am
Anfang waren es drei Stücke. Eines davon hieß >Rivalitätsstück<
und handelte von zwei Frauen, die sich an einer Bushaltestelle treffen. Eine
von ihnen war elegent und teuer gekleidet, die andere war dick, unförmig
und ein wenig schmuddelig, sie trug ärmliche Kleider. Während sie
nebeneinander auf den Bus warteten, begannen sie einander zu irritieren. Ihr
anfängliches Mißfallen eskalierte schnell zu einem Wettstreit und
zu gegenseitiger Rivalität, bis sie schließlich miteinander zu
kämpfen begannen. Wie in den uralten Fehden versuchte jede die andere
zu besiegen, zu übertrumpfen - ein Kampf der uralt ist. Sie hatten niemals
gelernt, ihre wirklichen Unterdrücker zu bekämpfen. Ihr Kampf endete
mit einem Mord. Sie ermordeten einander, und jede sah in den Augen der anderen
sich selbst und ihren Selbsthaß.« (35)
Inzwischen ist das Consciousness-Raising längst in ästhetische Kontexte
eingegangen, in denen neben den affektiv subjektiven auch politische Codierungen
ihren Platz haben. Der traditionellen Kunstkritik sind beide ein Dorn im Auge.
Mittlerweile wurde nämlich deutlich, daß diese »Variante«
der modernen Kunst auch gegen die zeitgenössische Kunst der Männer
opponiert. In Interior scroll (1973) stieg Carolee Schneemann auf einen
Tisch und zog aus ihrer Vagina eine Papierrolle. Von ihr las sie eine Schmährede
gegen einen Strukturfilmer ab, der sich gerühmt hatte, seine abstrakten
Zeichen seien »objektiv« und »bedeuteten nichts jenseits
ihrer semantischen Anordnung«. Carolee Schneemann hatte bereits Ende
der fünfziger Jahre eine feministische Kunst gefordert; damals bereits
schrieb sie ihre Pamphlete über das »missing gender« (»fehlende
Geschlecht«). (36)
»im Prozeß des >Consciousness-Raising< greift die Frauenbewegung
Abwehrillusion, die Frau sei immer schon >Herr im eigenen Hause< gewesen,
systematisch an. Die Regeln, nach denen Frauengruppen dabei verfahren, zielen
darauf, auch das im Bewußtsein zuzulassen, was peinlich, unwichtig oder
unsinnig zu sein scheint. Wenn dennoch die Inhalte, die bei diesen Assoziationen
und Berichten der Gruppe ans Licht kommen, andere sind als die der Psychoanalyse,
so hat das nicht zuletzt mit der besonderen Form zu tun, in der diese Arbeit
geleistet wird. [...] Indem die Psychoanalyse auch als Forschungsmethode die
Form der Therapie hat, ist sie [...] tendenziell naiv gegenüber dem stummen
Zwang der objektiven Lage der Frauen.« (37)
1977 - Cinderella in a Dragster: Suzanne Lacy, Dozentin am >Feminist
Studio Workshop<, wo sie pro Jahr 3000 Dollar (38) verdient, schlüpft
in eine Ralley-Montur und fährt in einem >Dragster< im Schneckentempo
die Strecke zwischen Los Angeles und San Diego ab, die sie dreimal wöchentlich
zurücklegen muß, um ihre verschiedenen Arbeitsplätze zu erreichen.
In San Diego angekommen hält Suzanne vor dem Publikum eine Rede über
technische Rationalisierung und die miese Arbeitsmarktlage für Frauen.
Den Cinderella-Topos signalisiert sie, als sie sich in ihrem Dragster
erhebt und einen >Aschenputtel<-Schuh (aus Plastik, dem gläsernen Schuh
nachgebildet) vom Fuß streift und in die wartende Menge wirft. Dann
fährt sie fort: Aschenputtel aus dem Grimmschen Märchen habe dreimal
die Linsen aus dem Küchenstaub auflesen müssen, bevor sie von der
Mutter und den Stiefschwestern zum Ball mitgenommen wurde. Sie aber müsse,
um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, in der Woche drei verschiedene Arbeitsplätze
aufsuchen. Sie warte auf keinen Königssohn. Dann gab sie Gas und verließ
den Ort der Handlung.
Anmerkungen zu >Drastische Leitmotive<
(1) Günter Engelhard, Eine Hundeleine für den Mann. Zwischen
Venus, Minerva und Supergirl, Gleichberechtigung ist nicht in Sicht,
in: Kölner Stadtanzeiger vom 30. 12. 1976 anläßlich
der Ausstellung Frauen machen Kunst (8. 12. 1976 - 31. 1 1977) in der Bonner
Galerie Ph. Magers. Der Rezensent fällt ein negatives Pauschalurteil
über alle Arbeiten der 31 dort ausstellenden zeitgenössischen Künstlerinnen.
Wenn ca. 200 000 Leser diesen Text wahrnahmen und ca. 500 (Galeriebesucher)
die Möglichkeit hatten, sein Vernichtungsurteit an den ästhetischen
Gegenständen zu überprüfen, belegt schon die Gegenüberstellung
solcher Tatsachen die Mechanismen, mit denen Vorurteile gegen Kunstwerke in
Umlauf gebracht werden.
(2) Ebda.
(3) Werner Rohde, Feminismus allein tut's nicht, Kontroversen um eine Frauenkunstausstellung
in Berlin, in: Süddeutsche Zeitung vom 31. 3. 1977.
(4) Vgl. Heresies Nr. 4, A Feminist Publication on Art & Politics,
New York City 1977, Übers. Arthysterical Notions, S. 40.
(5) Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung, Frankfurt 1959, S. 688.
(Kampf ums neue Weib).
(6) Frauen + Film, Nr. 10, Dezember 1976, Gespräch zwischen Susan
Sontag, Helke Sander und Gesine Strempel über Promised Lands,
S. 4-9.
(7) G. Engelhard, a. a. O.
(8) Mündliche Mitteilung, Mailand 1976.
(9) Eine Literatur, die entwaffnet. Barbara Frischmuth in Courage
Nr. 7, 3. Jahrgang, Juli 1978, S. 22-25.
(10) Interview von Alexander Bauer mit Ingeborg Drewitz, Ein Lernen auf
beiden Seiten. Über die Wechselwirkung von Politik und Literatur,
in: Vorwärts Nr. 30, 27. Juli 1978.
(11) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang, Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976,
S. 81.
(12) Hierzu eine Erklärung: Seine Freundin war Fotomodell. Sie hatte
»sehr schöne lange Beine«. Nach einem Reitunfall mußte
ihr ein Teil eines Beines amputiert werden. Den Maler imitiert das amputierte
Bein, und er beginnt es auf die Leinwand zu »bannen«. Die Idiosynkrasie
besteht nach seiner Aussage darin, daß vermarktete, stilisierte Schönheit
bzw. Nacktheit verletzt wurde, das erlebte / ersehnte Ideal nicht mehr mit
der versehrten Wirklichkeit übereinstimmt. Er hat (ersatzweise) das fehlende
Gespräch über die Folgen des Unfalls seiner Freundin auf die Leinwand
gedrängt. Sie und er haben nie darüber reden können.
(13) In diesem Zusammenhang besonders erwähnenswert sind die Hausfrauenmaschinen
von Martha Jungwirth (geb. 1940). Sie zeigen die Primärstrukturen nformelle
Bilder und Zeichnungen), zu denen Laurids schreibt: »Martha verwünscht
von Öfen ( was Bauknecht weiß. [...] Der begrenzte Bereich der
Küche wird zum Revier für die Jagd nach der eigenen Identität.
Vor der Spülmaschine auf der Lauer liegend, wird aufgespießt, was
für alle anderen ebenso gültig ist. Das Ergebnis sind Diagnoseblätter
unterdrückter Leidenschaften. Leidenschaften, die nach wie vor so wenig
in eine Welt von Männerhirnen passen, weil sie so zipfelbedrohlich, so
unkontrollierbar eigenständig sind. Heute darf Martha kochen. Vor 500
Jahren hätten wir sie verbrannt.« 1976, Ausstellungskatalog
der Burgundischen Landesgalerie im Schloß Esterhazy, Eisenstadt,
im Kulturhaus, Graz, und im Märkischen Landesmuseum der Stadt Witten.
Texte von: Richard Rubinig, Friederike Mayröcker, Laurids, Alfred Schmeller,
Günter Engelhard, Martha Jungwirth.
(14) Arman, Hard & Soft, Kat. Andrew Crispo Gallery New York, Mai
1978.
(15) »Neodadaismus« ist ein kunstgeschichtlich nicht immer differenzierter
Begriff für die in Anlehnung an den Dadaismus der 20er und 30er Jahre
während der 50er und 60er Jahre entstandenen ästhetischen Tendenzen
vor allem in der Schweiz, Frankreich, Italien und den USA, Alltagsobjekte
zu verarbeiten.
(16) Carlo Lazslo, Panderma Nr. 9, Selbstverlag Basel 1969.
(17) Maskulin-, Feminin, München 1972/1975, Hazel E. Hazel in
Wer emanzipiert wen wohin?, S. 139-165.
(18) Alfred Andersch, Drei Schwierigkeiten für die Frau, die Kunst
macht, in: Frankfurter Rundschau, Nr. 38, 1977. »Keine Frau hat
an den großen Programmbewegungen der modernen Kunst formulierend teilgenommen,
auch wenn ihr Werk daran konstituierenden Anteil hatte. [...] Auch scheint
es ihr unmöglich zu sein, ihre Extravaganzen und Aktionen mit jenem penetranten
Interpretationsgemurmel zu begleiten, welches heute im Kunstbetrieb so hoch
honoriert wird. [...] Es darf behauptet werden, daß die große
Mehrheit von Menschen, die sich mit Kunst beruflich beschäftigen - Sammler,
Händler, Kritiker, Museumsleute und zwar leider Frauen ebensosehr wie
Männer -, es ablehnt, Kunst, die von Frauen gemacht wird, zur Kenntnis
zu nehmen. Nur selten wird diese Ablehnung öffentlich ausgesprochen.
Sie bleibt entweder überhaupt un- und unterbewußt und spielt als
geheimer Konsensus. [...] Dort, wo sie sich zur Ideologie verdichtet, kommt
folgendes heraus: weibliches Schöpfertum totalisiert sich in der biologischen
Funktion der Frau; die Vorgänge der Schwangerschaft, des Gebärens
und der Aufzucht von Kindern sind von einer solchen schöpferischen Totalität,
daß im Bewußtsein wie im Gefühlsleben der Frau daneben kein
anderer und gleichwertiger schöpferischer Prozeß vollzogen werden
kann. [...] Demgegenüber ist der Mann zwar auch biologisch bedingt, doch
beschränkt sich der biologische Vorgang bei ihm auf den sexuellen Akt,
der für ihn von großer Bedeutung ist, ihn aber keinesfalls totalisiert.
Wenn er vorbei ist, ist er >frei<, d. h. frei für den Umgang mit anderen,
nicht biologischen Phänomenen, dem Geist. Ja, seine ganze Existenz lebt
geradezu aus der Spannung zwischen Körperlichem und Geistigem, aus welcher
das Werk hervorgeht, das immer mindestens eine Synthese von Materie und Idee
darstellen soll, besser noch eine Überwindung des Materiellen durch den
Geist. Gebildete Konservative verstehen dieses Denkschema (noch) nicht einmal
als Abwertung der Frau; im Gegenteil sind sie bereit, an die Stelle rationaler
Gleichberechtigung den Kult der magna mater zu setzen. Überhaupt ist
das Ganze ein schönes Beispiel für die Motivation eines tradierten
Ungleichs- und Unterdrückungssystems durch Mythologisierung.«
(19) Hazel E. Hazel, a. a. O. Dort heißt es: »Steht uns das Martyrium
der Gleichheit bevor?«
(20) Weitere Ursachen der Frauenfeindlichkeit sind der Kreativitätsbegriff
und das Leistungsdenken. Vgl. auch die Studie von Brovermann (1972) zum Begriff
der psychischen Gesundheit, in: Frauenfeindlichkeit, sozialpsychologische
Aspekte der Misogynie, München 1973, S. 138 ff.
Anmerkungen zu >Die späten Opfer des Naturzustands<
(1) Women Artists: 1550-1950. This exhibition and catalog were made
possible through the generous support of Alcoa Foundation and the National
Endowment for the Arts; Linda Nochlin und Ann Sutherland Harris, Kat. des
Los Angeles Country Museum of Art, Alfred A. Knopf, New York, 1976, S. 368
(2) Maskulin-Feminin, München 1972.
(3) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK Berlin.
Die Ausstellung wurde drei Jahre lang unentgeltlich von Ursula Bierther, Evelyn
Kuwertz, Karin Petersen, Inge Schumacher, Sarah Schumann, Ulrike Stelzl und
Petra Zöfelt erarbeitet. Kat., S. 370
(4) Verschiedene Quellen
(5) Fritz Neugass, Es ist ein großes Wunder. Frauen vor der Staffelei.
Eine Austellung in New York, in: FAZ, 24. 12. 1978: »Elisabeth
Eleanor Siddal (1834-1862) ist besser bekannt als das schöne Malermodell
der Bruderschaft der Präraphaeliten in England, als durch eigene Werke.
Sie war mehrere Jahre die Geliebte und Schülerin von Dante Gabriel Rossetti.
1855 hatte der Kritiker John Ruskin ihr ein jährliches Gehalt von 150
Pfund versprochen für ihre gesamte künstlerische Produktion. Bald
litt sie jedoch an Anfällen von Melancholie und endete 28jährig
ihr Leben durch Selbstmord«. - Artemesia Gentileschi (1593 - 1652/53):
Ihr Leben durchbrach in vielem die konventionellen Gepflogenheiten der Renaissance,
Ihr Vater Orazio war der berühmteste Nachfolger von Caravaggio. Zunächst
unterrichtete er sie selbst. 1611 heuerte er Agostino Tassi an, der der Tochter
Unterricht in Perspektive gab. Tassi, ein streitsüchtiger Charakter,
vergewaltigte A. G. und suchte sie durch Eheversprechen zu beruhigen. Orazio
Gentileschi brachte ihn vor Gericht. Das Verfahren begann im Mai 1612 und
dauerte 5 Monate. Tassi erhielt eine Gefängnisstrafe von 8 Monaten -
und Artemesia die Daumenschraube. Einen Monat nach Beendigung des Verfahrens
wurde sie mit Pietro Antonio di Vincenzo Stiattesi verheiratet. Kurz darauf
verließen beide Florenz. »Das Verfahren mußte für sie
eine schmerzhafte Erfahrung gewesen sein; denn seitdem stand sie im Ruf, eine
sexuell anrüchige Frau zu sein.« Siehe Women Artists, a.a.O., S.
118
(6) Vgl. Fritz Neugass, a.a.O.
(7) Ebda.
(8) Women Artists, a.a.O.
(9) Ebda. S. 45 -50. Und H. Lapuze, ed. Procès-Verbaux de la Commune
Générale des Arts et de la Societé Populaire er Républicaine
des Arts, Paris 1903.
(10) Women Artists, a.a.O. S. 46.
(11) Jürgen Schultze, Neunzehntes Jahrhundert, Baden-Baden, 1970,
S. 19, und Alvar Gonzales-Pacios, David und die Malerei zur Zeit Napoleons,
München, 1965.
(12) Während David im Brüsseler Exil ungehindert weiter malte (amouröse
Szenen aus der Mythologie, Porträts), wurde Marie Guillemine Benoist
von ihrem Mann Pierre Vincent in Paris das Malen verboten.
(13) Eugène Delacroix La Liberté Guidant Le Peuple zeigt
die Ideen der Julirevolution und provozierte weit mehr durch den Inhalt als
durch die Malweise. Die Allegorie der Freiheit (Frau mit entblößter
Brust), die überlebensgroß im Geschehen steht, trägt in den
Händen eine Flinte und die dreifarbige Fahne der Republik, die Trikolore.
Auf dem Kopf trägt sie den Kopfschmuck der Jakobiner (Sansculotten),
die phrygische Mütze, die vermutlich in frühen Zeiten von den Amazonen
und Galeerensklaven getragen wurde. Das Portrait of a Negress der Marie
Guillemine Benoist weist den klassiszistischen Einfluß Davids auf. Nicht
nur die sichere Haltung der Frau, auch der Kopfschmuck offenbaren ihre Wohlhabenheit.
Eine Sklavin hätte nicht die Mittel gehabt, das 2 m große Tuch,
unter dem das Kraushaar geglättet getragen wird, zu erwerben.
(14) Vgl. Women Artists, a.a.O., S. 209. Seit etwa 1802 malte Marie G. B.
häufig sentimentale Genreszenen. Historienbilder finden sich seit dieser
Zeit vor allem in den Zeichenbüchern.
(15) Women Artists, a.a.O., S. 49-50
(16) Ebda.
(17) Noch 1976 schrieb der Kritiker Günter Engelhard im Kölner
Stadtanzeiger: »Vor Urzeiten hat sich der männliche Künstler
vor der Einsicht gebeugt, daß seine Inspirationen abhängig sind
von der Verarbeitung weiblicher Energie.« Es ist äußerst
aufschlußreich, solche Zitate im Lichte des den Frauen auferlegten Studier-
und Ausstellungsverbotes neu zu interpretieren. Nicht selten wurde in ihm
auch die Musenrolle der Frau der >rationalen Vernunft< geopfert. Der >Rose-Croix<-Orden
etwa, der, im 17. Jahrhundert gegründet, im 18. Jahrhundert zahlreiche
Ausstellungen der Präraphaeliten organisierte und die ideale Schönheit,
das Geheimnis und die Naturmystik propagierte, hat der theosophischen Tradition
entsprechend das Bild der Frau und mithin von Weiblichkeit okkult und geisterhaft
verklärt. Die Frau war ihm Muse und Modell. »Gemäß den
Traditionen des Magischen Rechts wurde vom Orden niemals das Werk einer Frau
ausgestellt oder aufgeführt.« Auch die Präraphaeliten haben
sich der Einsicht gebeugt, die »weibliche Energie« verarbeiten
zu müssen, und sich dabei auf das magisch-archaische Recht der »Urzeit«
berufen.
(18) S. Philippe Julian, Der Symbolismus, Köln 1974. Cillie Rentmeister,
The Raised Voices of Women in the Mid-Nineteenth Century France, Übers.
>Heresies Nr. 2<, Feminist Publication on Art and Politics, New York 1977,
S. 53.
(19) A.a.O.: »What did George Sand really want and what kind of views
did Daumier credit to her blue-stockinged followers? In 1831 the Baroness
Dudevant had left her husband and experienced her first success as a feuilletonist
for >Le Figaro< under the Pseudonym George Sand. Soon after that, in her novels
>Indiana< and >Lélia<, she created heroines who protested the tyranny
of marriage. The subsequent development of Sand's political consciousness
was similar to that of countless other women. She moved from the Saint-Simonians,
who wanted her to be their »Mother«, to the social utopians and
Lamennais and eventually, at the end of the 1830s, she converted to the views
of Pierre Leroux, who fought capitalism through forced development of new
methods of agricultural production. George Sand took Leroux's Position in
her so-called social novels written after 1840. She made farmers and workmen
her protagonists and declared them to be the determining social force, paralleling
the actual historical role of these classes from 1830 to 1850. Her opinions
placed her in the left wing of the petit bourgeois democrats.« "In der
Frauenfrage erwartete George Sand - wie Leroux - keine Lösung, bevor
die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht grundsätzlich umgewälzt
wären. Aber es ist nicht dieser blinde Glaube an automatische Veränderung,
der dafür verantantwortlich ist, daß die Frauenfrage in ihren Romanwerken
nur eine periphere Rolle spielt. Aus ihrer politischen Arbeit konnte sie zu
keiner klareren Analyse der gegenwärtigen und zukünftigen Rolle
der Frauen in der Gesellschaft kommen. Da sie von den meisten einflußreichen
Männern als eine der ihren angesehen wurde, nahm sie an, daß sie
die Emanzipation erlangt hatte. Sie wurde aus Überzeugung zum Mann und
hatte für ihr früheres Geschlecht nur noch Verach tung. So trennte
sie sich 1848 von den Frauenrechtlerinnen.«
(20) Bild-Lexikon der Kunst, Köln 1976.
(21) Vgl. Women Artists, a.a.O.
(22) Vgl. Linda Nochlin, Excerpts from Women and the Decorative Arts, Heresies
Nr. 4, S- 43.
(23) Siehe Kap. 1, Anmerkung 1.
(24) In den sechziger Jahren. John Anthony Thwaites, Erinnerungszitat, genaue
Datierung unbekannt.
(25) Vgl. Alvar Gonzales-Palcios, David und die Malerei Zur Zeit Napoeons,
München 1965.
(26) Women Artists, a.a.O., S. 46.
(27) Statistiken würden diese These belegen. 1801 waren 14, also 6% der
an den >Salons< beteiligten Künstler Frauen, 1810 waren es 17,9%, 1822
14,1% 1835 sogar 22,2%. An der Baseler Art' 1976, dem Internationalen Kunstmarkt,
nahmen 13,8% Frauen teil. Die Geschichte geht für die Frauen im Schneckentempo
voran.
(28) Vgl. Lucy Lippard, From the center, Feminist Essays on Women's Art,
A Dutton Paperback, New York, 1976
(29) Vgl. Kat. Frauen machen Kunst, Galerie Ph. Magers, Bonn, 1976.
(30) Vgl. Kap. 1, Anm. 3.
(31) Vgl. Kap. 1, Anm. 18.
(32) Künstlerinnen International 1877-1977 fand nicht in Museen
statt, sondern in Kunstvereinen. Im Berliner NGBK hatte sie 35 000, im Frankfurter
Kunstverein 6800 Besucher.
(33) Show me your dances ... Joan Jonas and Simone Forti with Carla Liss,
in: Art & Artists Nr. 7, Volume 8, October 1973.
(34) Die Museen begründen ihr Desinteresse oder ihre latenten Zensurmaßnahmen
immer mit einer mutmaßlichen Publikumsmeinung. Noch 1967 wurden Charlotte
Moorman und Nam June Paik während der Aufführung der Opéra
Sextronique, in der Ch. M. nackt auftrat, in einer New Yorker Institution
verhaftet. - Das Britische Arts Council hat noch 1976 eine kleine Publikation
von Suzanne Santoro (Towards a new expression), die ein phallokratisches Wandgemälde
(Grafitti) aus Rom und fotografische Klitoristopoi zeigte, aus einer Ausstellung
zurückgezogen. Siehe: Spare Rib, London, Januar 1976.
(35) »Ich möchte prosaisch aufhören: zu ganz wesentlichen
Fragen der westeuropäischen Transformationsperiode haben die Marxisten,
bei alter Gelehrtheit, die sie manchmal auszeichnet, noch nicht viel Vernünftiges
gesagt. Kann man wirklich von einem produktiven Beitrag des Marxismus zur
Emanzipation der Frau, zu Bürgerinitiativen gegen Kernkraftwerke, Arbeiterinitiativen
gegen die Zerstörung ihrer Wohngebiete, überhaupt zu allen Problemen
sprechen, die den Lebenssinn und die Umwälzung der Lebensweise der Menschen
betreffen? Wohl kaum. Eine Erneuerung des Marxismus muß mit der Beseitigung
seiner Ausgrenzungen beginnen.« Oskar Negt, Nicht das Gold, Wotan
ist das Problem. Der jüngste Aufstand gegen die dialektische Vernunft:
die »Neuen Philosophen« Frankreichs, in: Literaturmagazin
9, Hamburg 1978
(36) H. M. Enzensberger, in: Kursbuch 52, Utopien 1, Zweifel an der
Zukunft, Berlin 1978.
(37) Hazel E. Hazel, Wer emanzipiert wen wohin? in: Maskulin Feminin,
2 vermehrte Auflage, München 1975
(38) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK, Berlin
1977, S. 8-13, Essay von Ursula Bierther.
(39) Ebd.
(43) Vgl. Werner Hofmann, Das Irdische Paradies, München 1960.
(44) Ebd.
(46) John Berger, Glanz und Elend des Malers Pablo Picasso, Hamburg
1973
(47) Ebd.
(52) Man Ray, Autorität, Paris 1964. La véritable histoire
de Kiki de Montparnasse, S. 135-150.
(53) Ebd.
(56) Pierre Cabanne, Gespäche mit Marcel Duchamp, Galerie der
Spiegel, Köln 1972, S. 41. M. D. wurden die Geldsummen später von
seiner Erbschaft abgezogen. Von den fünf Geschwistern wurde die Schwester
durch das väterliche Testament mit der größten Erbsumme bedacht.
(57) Marcel Duchamp, Ready Made, 180 Aussprüche aus Interviews,
zusammengestellt und herausgegeben von Serge Stauffer, Rainbow Special 1,
Zürich 1972.
(58) Ebd.
(59) Hans G. Helms, Ideologie der anonymen Gesellschaft, Köln
1966.
(60) Vgl. M. Duchamp, a.a.O.
(61) Junggesllenaschine / Les machines célibataires, Venedig,
1975, hrsg. von Harald Szeemann.
(62) Ebda.
(63) Pierre Cabanne, a.a.O. »Das stimmt. Das Paris der Kunst war damals
in einzelne Bereiche gegliedert, und das Viertel Picassos und Braques, der
Montmartre, existierte, abgelöst von den anderen Bezirken, fast für
sich allein. Glücklicherweise bin ich damals öfter dorthin gekommen,
und zwar zusammen mit Princet. Princet war ein ganz außergewöhnlicher
Mensch. Ein simpler Mathematiklehrer an irgendeiner Privatschule oder sowas
ähnliches, aber er gab sich als vorzüglicher Kenner der vierten
Dimension aus; und man hörte auf ihn. Selbst Metzinger, der wirklich
intelligent war, bediente sich seiner Kenntnisse. Man sprach über die
vierte Dimension, ohne recht zu wissen, was das heißen sollte. Übrigens
ist das heute noch so.« (M. D. 1972).
(64) Junggesellenmaschine, a.a.O.
(65) »Die >elektrische Entkleidung< geht an der Verbindungsstelle der
beiden Teile des >Glases< vonstatten. Oberhalb der Mittellinien, welches das
aufzuhakende Gewand darstellen, steigt links eine Art Röhre hinauf zu
dem >Räderwerk der Begierde<, dem konstitutiven, skelettartigen Teil
der Neuvermählten. In diesem Teil hat der >Typenbaum< seine Wurzeln.
Die Gesamtheit dieser Organe ist mit den Namen >Weiblicher Gehenkter< bezeichnet.«
Robert Lebel, Duchamp, Von der Erscheinung zur Konzeption, Köln
1962.
(66) Hierzu meint Serge Stauffer: »Diese etwas gereizte Antwort war
sozusagen das Ende unserer Korrespondenz, denn ich war nicht unbescheiden
genug, darauf etwas zu erwidern. Ich war damals vierzig Jahre jünger
als er! Aber ich hätte ihm gern gesagt, daß ich nicht nur versucht
hatte, zu lachen, sondern daß es zuweilen eben vorkam, daß ich
lachte. Hatte die Zeit Duchamp eingeholt?«
(67) Ernst Bloch, Das Prinzip Hoffnung II, Frankfurt 1959 (Kampf ums neue
Weib).
Anmerkungen zu >Das böse Wort vom Ghetto<
(1) Vgl. Lucy Lippard, From the Center, Feminist essais on feminist art,
New York 1976, S. 96. In dieser Zeit hatte Judy Chicago bereits mit ihrem
>Fresno<-Programm begonnen. Die künstlerisch tätigen Feministinnen
wurden damals von den Filmemacherinnen unterstützt. Damals wurden die
entlarvenden Statistiken auf der Titelseite der Los Angeles Times publiziert.
Die offizielle Antwort des Museums lautete: »Die Arbeit von Frauen ist
nicht gut genug.«
(2) Zu Beginn der siebziger Jahre haben amerikanische Zeitungen über
den Einfluß der CIA auf die Verbreitung des >Abstract expressionism<
offiziell hingewiesen.
(3) Darüber, daß es auch für heute hochdotierte Künstlerinnen
kaum möglich war, sich gegen die einflußreiche New Yorker Kritiker-Mafia
durchzusetzen, berichtet, längst zu Ruhm und Ehren gekommen, noch im
hohen Alter Louise Nevelson (geb. 1899 in Kiew, die 21jährig nach New
York kam) in einem Interview mit Cindy Nemser. Conversations with 12 Women
Artists, New York 1975.
(4) Th. W. Adorno, Minima Moralia, Reflexionen aus dem beschädigten
Leben, Frankfurt 1951. »Kind mit dem Bade. - Unter den Motiven
der Kulturkritik ist von altersher zentral das der Lüge: daß Kultur
eine menschenwürdige Gesellschaft vortäuscht, die nicht existiert;
daß die materiellen Bedingungen verdeckt, auf denen alles Menschliche
sich erhebt, und daß sie mit Trost und Beschwichtigung dazu dient, die
schlechte ökonomische Bestimmtheit des Daseins am Leben zu erhalten.
Es ist der Gedanke von der Kultur als Ideologie, wie ihn auf den ersten Blick
die bürgerliche Gewaltlehre und ihr Widerpart, Nietzsche und Marx, miteinander
gemeinsam haben. [...] Zwanghaft reicht der Gedanke an Geld und allen Konflikt,
den er mit sich führt, bis in die zartesten erotischen, die sublimsten
geistigen Beziehungen hinein.« (S. 47/48).
(5) Ebda. S. 22.
(6) Sie war Dozentin an der Fresno University.
(7) Judy Chicago, Through the flower. Mit einem Vorwort von Anais
Nin, New York 1975, S. 225.
(8) Private Geldgeber der amerikanischen Museen.
(9) Judy Chicago berichtet, daß sie damals den »shrink«
(in den USA Spitzname für den Psychoanalytiker) besucht habe. Es gibt
kaum einen Avantgardekünstler (oder -Künstlerin) in den USA, die
dies gegenwärtig nicht tut.
(10) Vgl. Judy Chicago, a.a.O., S. 75-76: »Um den Frauen zu helfen,
stärkere Persönlichkeiten auszubilden, mußte ich mich für
sie und ihren bisherigen Lebensweg interessieren. [...] Ich verstand, daß
ich nur dann, wenn ich auch ihre Persönlichkeitsstrukturen begriff, die
Dinge bewegen könnte, die sie an der Entwicklung hinderten. Es ist sehr
wichtig zu betonen, daß ich mich dazu entschieden hatte, mit sehr jungen
College-Studentinnen zu arbeiten, und daß die Probleme, die ich dabei
antraf, mit ihrem Entwicklungsstand korrelierten. Mein ganzer Argwohn gegenüber
Rollen-Konditionierung und der Entwicklung von heranwachsenden Frauen hat
sich während der Arbeit im >Fresno-Experiment< bestätigt. Ich habe
meine Konditionierungen abgelegt, weil ich dazu erzogen worden war, es zu
können. Nur wenige der jungen Künstlerinnen, mit denen ich im >Fresno<
arbeitete, hatten dasselbe selbstverständliche Bewußtsein wie ich.«
(11) Ein Extensionsprogramm des >Women's Building< vom Sommersemester 1976
bietet u. a. auch >Assertiveness Training< an (und >Anti-Rape and Self Defense
Tactics<, einen >Comedy Workshop<, >Dancing as a Social Experience<, >Traditional
Fairytale Alternatives<, >Money and Management<-Kurse etc.). 1727 North Spring
Street, Los Angeles, Calif. 90012.
(12) Das Glück in der Toilette. Rosa von Praunheim erzählt ihr
Leben, in: Neues Forum Wien, Heft 276, 1976, S. 43.
Anmerkungen zu >Das Womanhouse<
(1) Psychoanalyse der weiblichen Sexualität. Herausgegeben von
Janine Chasseguet-Smirgel, Frankfurt, 1974.
(2) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976.
(3) Ebda., S. 39.
(4) Vollständiger Text in MS, 1973 und Through the flower
(Judy Chicago) Doubleday Inc., 1975.
(5) Vgl. Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, a.a.O.
(6) Ebda.
(7) Siegfried Kracauer, Schriften 8 Jacques Offenbach und das Paris seiner
Zeit, S. 215-227 (Kurtisanen, Lebemänner, Journalisten),
Frankfurt 1976.
(8) Vgl. Womanhouse, Alternativdokumentation, undatiert, hrsg. vom
>California Institute of the Arts<.
(9) Vgl. Klaus Theweleit, Männerphantasien I, Frauen, FIuten, Körper,
Geschichte, Frankfurt 1977.
(10) Psyche Nr. 8, Stuttgart, August 1978, Carol Hagemann-White.
(11) Weitere Auflösungsprozesse finden sich in Lyn Hershmans satirischer
Performance Re-Forming Family Environment. Dieses Psychodrama findet
in einem Wohnhaus statt. Hauptakteurin ist Margo St. James, die Anführerin
der Liga der Prostituierten in Calif. >CAYOTE< (>CALL OFF YOUR OLD TIRED ETHICS<).
Ein Wachskonterfei von M. St. James liegt im Bett, sie liegt daneben und lacht,
während ein weiterer Wachsabguß ihres Körpers in der Sauna
vor sich hinschmilzt. Carolee Schneemann setzt sich in ihrer Aktion Eye Body
Schlangen auf den Körper. Am Ende des Multimedia-Events löst gleitendes,
farbiges Licht das Bild ihres Körpers in abstrakt-expressionistische
Strukturen auf.
(12) Im Mai 1969 schrieb der Leiter der Stabsabteilung Psychologie des Frankfurter
Werbebüros >Cream International<: »Als Sex-Werbung bezeichnen wir
jedes visuelle, verbale oder auditive Kommunique, das sich in der Gestaltung
seiner Signalstruktur auffälliger Bilder, Symbole, Geräusche, Wörter
und Anspielungen aus dem Bereich der Sexualität bedient. [...] Der sexuelle
Anstoß, den wir dem Umworbenen vermitteln, führt für ihn subjektiv
zu einem Frustrationserlebnis. Wieweit er sich dabei der Versagung reflektierend
bewußt wird, ist im Moment von untergeordneter Wichtigkeit. [...] Dem
Gesamtbild, in dem wir neben der längst zum unumstößlichen
Faktum gewordenen Sex-Werbung das Phänomen der höher und höher
brandenden sog. Sex-Welle lokalisieren können. [...] Dabei soll von vornherein
klargestellt werden, daß diese Sex-Welle nicht nur uns hilft, den in
der Absatzbranche Tätigen, sondern der Gesamtheit der Bevölkerung.
[...] Dieser psychische, rein visuell-auditiv, ohne Aktualberührung ausgelöste
Höhepunkt ist es, den wir als repräsentatives Modell der Befriedigung
der Zukunft verstehen müssen. [...] Andernfalls droht uns die Gefahr,
daß die Verbraucher sich eines Tages animiert fühlen könnten,
der media-vermittelten Frustration, dem eigentlichen Motor unserer gesamten
Überflußgesellschaft, nicht mehr länger nur durch nervösen
Konsum zu begegnen, sondern auf eigene Faust neue, unerprobte Wege der Befriedigung
zu beschreiten. Für den Absatzmarkt würde die Gefahr einer solchen
Entwicklung im drohenden Verlust der Kontrolle über die Verbraucher liegen
- ein Vorgang, der sofort ernsthafte Konsequenzen für die Gesamtwirtschaft
nach sich ziehen würde.« In Alfred Behrens, Gesellschaftsausweis,
Social Science Fiction, Frankfurt 1971.
(13) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
(14) Frieda Grafe, Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers,
Friederike Pezold, Video, Zeichnungen, Fotos, in: Filmkritik Nr.
3/76.
(15) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
(16) Herbert Marcuse, Der eindimensionale Mensch. Studien zur Ideologie
der fortgeschrittenen Industriegesellschaft, Neuwied 1970, S. 82.
(17) Ebda, S. 80.
(18) Ernest Bornemann, Po = Po? Das Ungebever von Loch Ness heißt
in diesem Sommer Titelpopo, in: Zeit-Magazin Nr. 32/4, August
1978
(19) Vgl. Womanhouse, a.a.O.
(20) Vgl. Katalog der Galerie Krinzinger, Innsbruck 1975, Feministische Kunst.
(21) Ebda.
(22) Ebda.
(23) Ebda.
(24) Kath. Künstlerinnen International 1877-1977, West-Berlin, S. 288.
(25) Iring Fetscher, Wer hat Dornröschen wachgeküßt? Das
Märchenverwirrbuch, Frankfurt 1974, S. 82.
(26) Martha Rossler schrieb eine Kurzgeschichte, in der sie vom Aschenputtel-,
zum Cinderella-Topos überwechseit, um dann auf die eigene Kindheit zu
sprechen zu kommen. She saw herself a new woman every day ist der Typos
einer Rachegeschichte posthum. Besonders im letzten Teil der Geschichte fungiert
der Schuh (die Schuhe) als Symbol für die Einengungen der weiblichen
Erziehung, der Schuh ist gleichzeitig ein Sargsymbol (Ohnmachtssymbol). M.
R. berichtet, wie sie als Kind in der Schuhkammer ihrer (sadistischen) Großmutter
gespielt hat, wo sie ihre kleinen, häßlichen Schuhe mit den Tanzschuhen
der Großmutter aus den zwanziger Jahren verglich. Der glitzernde Glamour
habe sie an den gläsernen Schuh aus dem Cinderella-Mythos erinnert. Sie
selbst habe während dieser Zeit Kinderschuhe getragen, deren Schnallen
ihr weh taten, oder zu große Stiefel (aus Gründen der Geldersparnis).
Daher habe sie sich unbewußt - über das Symbol des schönen,
begehrten Schuhs, der für sie damals ein Symbol von Selbständigkeit
und Freiheit war - mit der zynischen Großmutter identifiziert, die sie
sich nicht anders habe vorstellen können. Die Geschichte endet damit,
daß sie eines Nachts in den Straßen von New York die Schuhe auszieht
und wegwirft, um barfuß nach Hause zu gehen. Diese Geschichte, die wohl
auch als posthumes Konstrukt verstanden werden muß, deutet an, welche
irrlichtigen Welten, fernab von gegenwärtigen Alltagsproblemen, von einigen
dieser Künstlerinnen, die eine Psychoanalyse hinter sich haben, gestaltet
und entschlüsselt werden. Martha Rosslers verschachtelte Geschichte gibt
der Phantasie nur sehr begrenzt emanzipatorische Nahrung und setzt die »endlose
Trauerarbeit« der Psychoanalyse fort. Daß die Kindheit in der
Kunst der amerikanischen Feministinnen Hochkonjunktur hat, ist auch auf die
Einflüsse der Psychoanalyse (nicht des CR) zurückzuführen,
deren vielleicht unbewältigte Methodik die Künstlerinnen immer wieder
auf diese Phase zurückwirft.
(27) Vgl. Psychoanalyse der weiblichen Sexualität, a.a.O.
(28) Vgl. Klaus Theweleit, a.a.O.
Anmerkungen zu >Die nicht unterdrückte Sexualität<
(1) Masculin-Feminin, München, zweite vermehrte Auflage. Zitat
aus dem Nachwort von Anita Albus, Frank Böckelmann und Rita Mühlbauer.
(2) Lizzie Borden, Women and Anarchy, in: Heresies Nr. 2, S.
71-77, New York.
(3) Vgl. Womanhouse, a.a.O. S. 110.
(4) Mary Jane Sherfey veröffentlichte ca. 1972 in den USA ihr Buch Die
Potenz der Frau, das den Künstlerinnen bekannt ist. Sie hat die
Entdeckungen von M. Masters und Virginia Johnson weiterentwickelt und bereicherte
Freuds psychoanalytische Theorien über die weibliche Sexualität
um ethnologische, embryologische Forschungen sowie neue Studien und Erkenntnisse
auf dem Gebiet der evolutionären Biologie und der Hormonforschung. Ihren
Studien ist ein Zitat aus Freuds Schrift Jenseits des Lustprinzips
(1920/1973) vorangestellt: »Hingegen wollen wir uns recht klar machen,
daß die Unsicherheit unserer Spekulation zu einem hohen Grade durch
die Nötigung gesteigert wurde, Anleihen bei der biologischen Wissenschaft
zu machen. Die Biologie ist wahrlich ein Reich der unbegrenzten Möglichkeiten,
wir haben die überraschendsten Aufklärungen von ihr zu erwarten
und können nicht erraten, welche Antworten sie auf die von uns gestellten
Fragen später geben würde. Vielleicht gerade solche, durch die unser
ganzer künstlicher Bau von Hypothesen umgeblasen würde.« Mary
J. Sherfey geht von der bereits von Master-Johnson beobachteten multiplen
Orgasmus-Struktur der Frau aus und bemängelt, daß die Wissenschaften
diese Beobachtungen in der überwältigten Zahl der Fälle nicht
gewürdigt habe. In der Folge beobachtet sie die Wechselwirkungen zwischen
>multiplen Orgasmen< und klitoridaler Erlebnisweise. Sie revidiert die >Vaginal-Orgasmus-Theorie<
S. Freuds und stellt fest, daß orgastisches Erleben an der Klitoris
ausgelöst wird und über »Nervenendigungen« an die Vagina
weitergeleitet wird. Ihre These ist eine >Klitoris-Leitzonen-Theorie<. Zusatz:
»Anhand dieser Ausführungen könnte man leicht mutmaßen,
weibliche Orgasmen seien intensiver als männliche. Solche Spekulationen
sind jedoch nicht ungefährlich, denn sie lassen entscheidende und imponderabile
psychologische Faktoren außer acht. Niemand kann fühlen, genau
fühlen, was der andere fühlen mag, noch das jeweilige Maß
an Schmerz oder Lust beurteilen. [...] Ich denke an Tiresias, den Seher von
Theben, dem die Götter vergönnten, hintereinander als Frau und als
Mann zu leben. Die Legende erzählt, wie Zeus und Hera im Verlauf eines
ihrer endlosen Ehezwiste sich stritten, welchem der beiden Geschlechter wohl
das größere sexuelle Vergnügen beschieden sei. Mit verblüffender
Klugheit und Voraussicht behauptet Zeus, es sei die Frau. Hera, Pionierin
aller Kämpferinnen für die Gleichberechtigung der Frau, widersprach
Zeus heftig und erklärte, alle Welt wisse, daß der Mann das größere
Vergnügen dabei habe. Das Paar einigte sich schließlich, den Seher
Tiresias zu befragen, der das einzige Wesen war, das beide Seinsformen erlebt
hatte. Tiresias fällte einen Spruch: Es sei die Frau. Hera, zornig, weil
sie des altehrwürdigen Vorwandes, den Männern alles zu verargen,
sich beraubt glaubte, wandte sich gegen Tiresias und schlug ihn mit Blindheit
- weil er zu vieles zu weise erkannt hatte.« Aus Die Potenz der Frau,Clepto-Print,
Luxemburg 1974.
(5) Volker Elis Pilgrim, Manifest für den freien Mann, München
1977: »Obszöne Passagen in der Literatur benutzen immer den Begriff
>Tiefe<, der mich als junge dazu verleitete, anzunehmen, das Lustzentrum der
Frau befände sich am Gebärmuttermund, ich müsse da nur hindringen.
Die eindeutig anders gelagerte Situation war für mich enttäuschend,
ist es möglicherweise für jeden Mann: der gelobte, geliebte, mit
Ängsten und Hoffnungen besetzte Schwanz war für die Lust der Frau
nichts wert. Das wollte ich aber nicht auf mir, auf >dem Mann< sitzen lassen.
[...].Die Unterdrückung der Frau begann mit dem vom Mann zu verantwortenden
Raub des Bewußtseins ihrer Klitoris, infolgedessen sie im Laufe der
Jahrtausende auch die Identität, das Bewußtsein ihrer selbst verlor.«
(6) Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951, S. 112: »[...]
etwas davon ist den Frauen, zumal denen des kleinen Bürgertums, bis in
die späte industrielle Ära hinein geblieben. Das Gedächtnis
an die alte Verletzung lebt noch fort, während der physische Schmerz
und die unmittelbare Angst durch Zivilisation behoben sind.«
(7) Ebda., S.
(8) Vgl. M. J. Sherfey, a.a.O.
(9) Schriftliche Mitteilung vom August 1977.
(10) S. Courage Nr. 9, Sept. 1978, 3. Jahrgang, Klitorisbeschneidung,
Genitale Verstümmelung von Frauen in Nordafrika, S. 20-28. Der Text
unterscheidet drei Arten von genitaler Verstümmelung an Frauen: die »schonende
Art« (Entfernung der Glans), die Entfernung der ganzen Klitoris und
aller äußeren Genitalien, das Herausschneiden der angrenzenden
Schamlippen, die Infibulation (pharaonische Beschneidung), Entfernung der
ganzen Klitoris und der kleinen Schamlippen sowie eines Teiles der großen
Schamlippen. Beim ersten Verfahren wird die Vagina bis auf eine kleine Öffnung
(für Blut und Urin) mit Dornen oder Katzendarm verschlossen. Jede Form
der Klitorisverstümmelung verringert nicht nur die sexuelle Lust der
Frau (als Schutz vor außerehelichen und vorehelichen sexuellen Beziehungen
gedacht), verschiedene Formen führen bei akuten Blutungen zum Tode oder
zu gefährlichen Komplikationen während der Geburt. Der Ritus wird
an Mädchen im Alter von 8 bis 14 Jahren vollzogen. Fatalerweise fehlen
bis heute Statistiken oder Berichte über die Gefährlichkeit der
Klitoridektomien in diesen Ländern völlig, obwohl, wie eine Hebamme
bezeugt, die Gefahren nicht unbekannt sind. »Christliche Missionare
haben auch den Zusammenhang von Sex und Zeugung unaufgeklärt belassen
und so stillschweigend zugelassen, daß diese Bräuche fortgesetzt
werden. Als Rechtfertigung wird häufig angegeben, daß die Klitoris
als Gegenstück zur Penishaut entfernt werden muß, damit das Mädchen
zur Frau werden kann, ähnlich wie die Vorhaut beim Knaben als Symbol
seiner Männlichkeit entfernt werden muß. Viele, mehr oder weniger
ausgeschmückte Geschichten erzählen in der ethnographischen Literatur
davon.«
(11) Schriftliche Mitteilung vom August 1978.
(12) Ebda.
(13) Ebda.
(14) Luce Irigaray, Waren, Körper, Sprache. Der ver-rückte Diskurs
der Frauen, Berlin 1976, S. 14-15.
(5) Schriftliche Mitteilung vom August 1978. Weiblich
(16) Christian David, Zu einer männlichen Mythologie über die
Weiblichkeit, S. 72 in: Psychoanalyse der weiblichen Sexualität,
hrsg. von Janine Chassaguet-Smirgel, Frankfurt 1975.
(17) Ebda, S. 73.
(18) Ulrike Prokop, Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit
der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Frankfurt 1976,
S.142
(19) Frieda Grafe, Ein anderer Eindruck vom Begriff meines Körpers,
in: Filmkritik 3/76.
(20) Schriftl. Mitteilung vom August 1977.
(21) >Hassidic men wearing their black hats<, gemeint sind die »orthodoxen
Juden«, die »Hassiden«, die stets eine Kopfbedeckung, eben
die »schwarzen Hüte tragen«. Für den Hinweis danke ich
Peter Gorsen. Hannah Wilkes Bild Lake Ontario ist eine Paraphrase auf
dieses Thema.
(22) Hannah Wilke, In conversation with Ruth Iskin. Visual Dialog,
1977, S. 16-21.
(23) Die Thora ist eine in den Gottesdiensten benutzte Schriftrolle
mit den fünf Büchern Moses: 1. Genesis, 2. Exodus, 3. Leviticus
(Priesterkodex), 4. Numeri (Volkszählung) 5. Deuteronomium (Wiederholung
der Gesetze). Der Talmund basiert auf der Thora. Er besteht
aus 6 Ordnungen und 63 Traktaten. In der 3. Ordnung ist das »Naschim«,
das Buch über Frauen zu finden. Für den Hinweis danke ich Peter
Gorsen.
(24) Deena Metzger, In her image, in: Heresies Nr. 2, New York
1977, S. 3-11.
(25) L. Irigaray, a.a.O., S. 26.
(26) WDR III-Manuskript, Kultur und Wissenschaft, Am Abend vorgestellt, 1977.
Mit freundlicher Genehmigung von Christina von Braun.
(27) D. Metzger, a.a.O.
(28) Von messianischer Verklärung der Frau kündet auch Jacqueline
Lapidus' Beitrag in Heresies Nr. 4 mit dem Titel Design for the
city of women. »Die Frauen leben in der Grotte. Sie sammeln Seeweizen,
Moos und wilde Blumen, die sie roh essen, oder sie machen eine Paste daraus,
die sie in der Sonne zu Kuchen backen. Ihre Körper sind stark, gebräunt
und gesund. Sie haben gelernt, ihre Babies nach Jungfernzeugung auszutragen.
Jede Frau, die ihre Energie auf den Leib ihrer fruchtbaren Geliebten konzentriert,
kann sie befruchten. Während der Schwangerschaft streicheln die Frauen
ihre Bäuche, um die Kinder auf die Gemeinschaft vorzubereiten. Sie bringen
ihre Kinder hockend zur Welt: Freunde unterstützen das Atmen, indem sie
laut im Rhythmus der Mutter atmen. Oder sie singen, um die Mutter in ihrem
Atmungsrhythmus zu bestärken. Wenn das Kind den Schoß verlassen
hat, baden sie es in sonnengewärmtem Seewasser, legen es auf den Bauch
der Mutter und massieren es zärtlich, bis es zu lächeln beginnt.
Wenn eine Mutter nicht stillen kann, hilft ihr eine andere. Es macht den Frauen
Spaß, an den Nippeln der anderen zu saugen, und wenn sie Milch trinken,
durchläuft ihre Körper ein weiches Gefühl von Lust. [...] Die
Frauen leben schon so lange zusammen, daß ihre Menstruation zur gleichen
Zeit einsetzt. Während der Zeit der Menstruation fühlen sie sich
besonders stark und üppig. Die Macht ihres Blutes durchfließt sie.
Während sie am Strand hocken, studieren sie die Muster, die ihr Blut
im Sand zurückläßt, und erlangen dadurch eine intime Kenntnis
ihres inneren Selbst. Nachts machen sie folgende Riten: Die Frauen greifen
in die Vagina der anderen Frauen und verteilen das Blut mit liebenden Fingern,
sie bemalen ihre Körper damit. Bilder des Glücks fließen vom
Gesicht jeder Frau in das der anderen, über die Brüste, den Bauch
und den Rücken hinunter. Dann tanzen sie in Spiralformen. Wenn ein junges
Mädchen zum ersten Mal menstruiert, führt ihre Mutter oder Amme
sie in den Initialritus ein. Ältere Frauen, die nicht mehr menstruieren,
bemalen, durch die Liebkosungen der jungen erregt, ihre Körper mit deren
Blut. Obwohl die Symbole auf ihrer faltigen Haut farblos sind, kann jeder
sie sehen.« S. 98. Allerdings muß an dieser Stelle nochmals betont
werden, daß mit dieser »magischen« Fluchtbewegung die meisten
Menstruationstopoi nichts gemein haben. Bis auf einen weiteren Beitrag (von
Sue Heinemann) sind alle anderen der Sondernummer von Heresies über >Lesbian
Art und Artists< nicht von Sektierertum gezeichnet.
(28) Maskulin-,Feminin, 2. vermehrte Auflage, München, Nachwort
von Anita Albus, Franz Böckelmann und Rita Mühlbauer.
(29) Ebda.
(30) Heresies Nr. 1, New York 1976.
Anmerkungen zu >Der vorläufige und der eigene Blick<
(1) Gilbert Lascault, Figurées, défigurées. Petit
vocabulaire de la feminité répésentée, Paris
1977. Der Autor beruft sich auf ein unveröffentlichtes Manuskript von
Aline Dallier-Popper, Paris.
(2) Ebda. Referenzen: F. Sévin, Degas ˆ travers ses mots, in:
Gazette des beaux-arts, Juli-August 1975, S. 18-46.
(3) Ernst Bloch, Das antizipierende Bewußtsein, Frankfurt 1972,
S. 9.
(4) Die schwarz-weiße Göttin und ihre leibhafte Zeichensprache,
Kat. der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden 1977.
(5) Ebda.
(6) Th. W. Adorno, Minima Moralia, Frankfurt 1951, S. 112.
(7) Schriftliche Mitteilung vom August 1978.
Anmerkungen zu >Und kein Finale<
(1) Siehe auch >Mama! sop< Wowan artists together, London 1977.
(2) Eine Schrift aus dem angelsächsischen Sprachraum ergründet die
Ursachen des sprunghaft gestiegenen Tranquillizer- und Alkoholkonsums: Women
- Their Use Of Alcohol And Other Legal Drugs, A provincial consultation,
hrsg. von Annie McLennan, zusammengestellt von Lavada Pinder, Addiction Research
Foundation of Ontario, Toronto, Canada, 1976.
(3) Suzanne Santoro, Per una exprossione nuova / towards a new expression,
1974, Edizione Rivolta Femminile, Rom. Der Grafitti könnte auch
mit Hilfe der Psychoanalyse entschlüsselt werden. Nach S. Freud »teilt«
der Mann aufgrund seiner Triebängste die Frau in Mutter und Hetäre.
An der Hure befriedigt er diejenigen Gefühle und Triebe, »die er
sich am geachteten Weibe nicht zu befriedigen getraut«, da dieses ihn
an die phallische, böse Mutter der Kindheit erinnert. Der Raum, den der
Phallus auf dieser Wandzeichnung einnimmt, könnte eine Kompensation anzeigen,
eine Demonstration von Macht gegenüber der als kastrierend empfundenen
Frau.
(4) Kat. des Wilhelm Lehmbruck Museums, 1975.
(5) Kat. Künstlerinnen International 1877-1977, NGBK West-Berlin
1977, Sarah Schumann: Fragen und Assoziationen zu Meret Oppenheim,
S. 72-79.
(6) Meter Oppenheim, Kat. Museum der Stadt Solothurn 1974: »Depressionen,
die auch während der ersten Pariser Tage immer wiedergekehrt waren, wurden
zum Dauerzustand.«
(7) Ebda.
(8) Ebda.
(9) 1932, mit 18 Jahren, ging Meter Oppenheim nach Paris. Dort lernte sie
Arp und Giacometti kennen. Ein Jahr später stellte sie im Kreis von Dali,
Arp, Ernst, Tanguy, Man Ray und anderen Surrealisten im >Salon des Indepépendents<
aus. Die »Pelztasse« entstand, als Meret 23 Jahre alt war, und
wurde für 200 Franken vom New Yorker >Museum of Modern Art< erworben.
Später (1974) hat sie, um den Mythos loszuwerden, ein Multiple Souvenir
de Déjeuner en Fourrure aus Pelz und Versatzstücken, die sie
in einer Turiner Autoraststätte fand, gemacht. Trotz ihrer Bedeutung
für den Surrealismus und dessen Entwicklung, ist Meret Oppenheim bis
heute in einschlägigen Standardwerken des Surrealismus nicht genannt.
Ihr Name fehlt auch in dem populären Standardwerk Surrealism, Permanent
Revolution von Roger Cardinal und Robert Stuart Short, Studio Vista, Dutton
Pictureback, London 1970.
(10) Vgl. Anmerkung 5. »[...] Mit 17 Jahren nahm M.O. sich vor, nicht
zu heiraten und keine Kinder zu bekommen. In dieser Zeit hatte sie einen Freund
(er war 22), der meinte, es gäbe die Hetäre und die Mutter, und
wenn man zur Frau gehe, dürfe man die Peitsche nicht vergessen, und wenn
man eine Frau haben wollte, müsse man ihr Kinder machen. Rückblickend
läßt sich sagen, daß sie weder ihre eigenen Vorsätze
(sie hat später geheiratet) noch die dubiosen Ratschläge dieses
Freundes (sie hat keine Kinder bekommen) befolgt hat.«
(11) Ernst Bloch, Das antizipierende Bewußtsein, Frankfurt 1972,
S. 73.
(12) Vgl. Ein Leben lang im Gartenbaus, in: Stern Nr. 18, April
1976, ein Bericht von Heiko Gebhardt und Stefan Moses. Die Wendung, das Bild
sei »später falsch datiert worden, weil eine kleine Korrektur stattfand«,
ist ein handschriftlicher Eintrag Hannah Höchs auf der Rückseite
des Fotos, das sie mir 1977 schickte.
(13) Das Thema >Mann-Frau<, das in der patriarchalischen Kunst in der Gestalt
der >Künstler-Modell<-Travestie erschien, wo in der Einheit von »Modell,
Geliebter und Ehefrau der Pygmalionmythos real wurde«, tritt seit Ende
des zweiten Weltkriegs in der Bildenden Kunst so gut wie nicht mehr auf. »Allenfalls
im Wunsch, das Geschlecht zu vertauschen, ist die Beziehung noch bildwürdiges
Problem.« Vgl. hierzu Kat. Das Bild des Künstlers - Selbstdarstellungen,
Kunsthalle Hamburg, 1978, Text v. Siegmar Holsten, Hamburg, S. 88-100.
(14) Mutter-Kind- oder Mann-Frau-Beziehungen werden im Proletarischen Roman
der zwanziger Jahre weit hoffnungsloser gestaltet als in der Bildenden Kunst.
Vgl. hierzu Hermann P. Piwitts Äußerungen über Lena Christs
Roman Erinnerungen einer Üerflüssigen, in: Literatur
Konkret 1977/78, S. 53.
(15) Dieses und alle weiteren Zitate von V.E. wurden der Publikation Intern.
Performance Festival, Wien 1978, entnommen.
(16) In der ästhetischen Produktion seit 1970 sind psychosomatische Körperereignisse
ein häufiger Topos, persönlicher Schmerz, Unzufriedenheit und Ängste
finden hier ihre Form. Dieses Thema, über das es erst diffuse Kenntnisse
gibt, müßte zu einem späteren Zeitpunkt genauer erörtert
werden. Die Unzufriedenheit der Frauen entsteht aus einer »Fesselung
der Produktivkräfte« (Ulrike Prokop) und der Bedürfnisse,
durch innere und äußere Isolation, durch die im Alltag vorherrschende
Routine, durch ökonomische Ängste, Angst vor dem Alter, der Zukunft
etc. Ulrike Prokop nennt sechs vegetative Störungen, unter denen die
Frauen »gesichert häufiger leiden als die Männer« (S.
88): Kreislaufstörungen, Darmträgheit, Abgespanntheit, Nervosität,
Schlaflosigkeit, Erschöpfungszustände. Die ästhetische Bildproduktion
zeigt andere Symptombilder: Depressionen (Raumambiente >Irgendwie ist sie
so anders< - Anna Oppermann); Isoliertheit (>Ich bin bedrückt< - Fotosequenz
von Annegret Soltau, vor der Geburt ihres Kindes entstanden), Kopfschmerzen
und Zungenlähmung (Fotografische Montage von Ycheved Weinfeld, auf denen
die Falten der Stirn aneinander geheftet und die Zunge an der Unterlippe befestigt
sind), Hitzeanfälle (in Bildern von Maria Lassnig als rote Flecken auf
der Haut), um nur einige wenige zu nennen.
(17) Gilbert Lascault, Figurées, defigurées, Petit vocabulaire
de la féminité répresentée, Paris 1977, S. 177-178.
(18) 1978: Daß Feministinnen und emanzipierte Frauen von Männern
häufig als sexuelle Monstren empfunden werden, drückte ein Redakteur
aus, der mir gegenüber äußerte, diese »Frauen betrieben
Inzucht«.
(19) Bertha Harris, What we mean to say: Notes toward defining the nature
of lesbian literature, in: Heresies Nr. 4, New York 1977, S. 5
-8.
(20) Da sie mit ihren Fotografien ihren Lebensunterhalt nicht bestreiten kann,
arbeitet sie als »free-lance«-Fotografin für die Werbung.
(21) S. 51: »Tough Baby. - Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit,
sei's der eigenen, sei's der anderer, gebührt Mißtrauen. Er drückt
Unabhängigkeit, Sicherheit der Befehlsgewalt, die stillschweigende Verschworenheit
aller Männer miteinander aus. Früher nannte man das ängstlich
bewundernd Herrenlaunen, heute ist es demokratisiert und wird von den Filmhelden
noch dem letzten Bankangestellten vorgemacht. Archetypisch dafür ist
der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung
kommt, die direkte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt.
Das sorgfältig aufgenommene Zischen sagt, was der arrogante Mund verschweigt:
daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercrème
riecht. [...] Das Ideal menschlicher Beziehungen ist ihm der Klub, die Stätte
eines auf rücksichtsvoller Rücksichtslosigkeit gegründeten
Respekts. Die Freuden solcher Männer, oder vielmehr ihrer Modelle, denen
kaum je ein Lebendiger gleicht, denn die Menschen sind noch immer besser als
ihre Kultur, haben allesamt etwas von latenter Gewalt.«
(22) Helmut Fritz, Impotenz. Ein männliches Trauma und seine Bewirtschaftung,
zitiert den Gießener Psychoanalytiker Horst Eberhard Richter in
einem Rundfunkmanuskript 1977, S. 17.
(23) Carol Hagemann-White, in: Psyche Nr. 8, August 1978.
(24) Die verpuppte Braut fällt mit dem Spielzeug zusammen, das man ihr
in ihrer Kindheit gegeben hatte, um sie für die Illussionen der weiblichen
Rolle zu konditionieren.
(25) Vgl. Peter Gorsen, George Grosz: » [...] Die Reduktion
des Künstlers auf sein Gesellschaftsverhältnis muß dabei notwendig
eindimensional werden. Erst die Berücksichtigung der individual psychologischen
Komponente, die Reflexion auf das unglückliche Bewußtsein, gelinde
gesprochen auf seine Neurose, die sein bis heute unerforschtes Verhältnis
zur Erotik und das polymorph Kriminelle seiner Bildwelt miteinschließt,
wird diesen Künstler >in seiner Gesellschaft< weniger rätselhaft
erscheinen lassen, als es gegenwärtig noch erscheint.« In heute
Kunst Nr. 14-15, 1976, Mai-August, Mailand/Düsseldorf, S. 6; Buchrezension
zu Uwe U. Schneedes im DuMont Schauberg Verlag erschienenen Publikation George
Grosz, der Künstler in seiner Gesellschaft.
(26) Schriftl. Mitteil. vom August 1977.
(27) Ebda.
(28) Insgesamt etwa 30 Künstlerinnen.
(29) High Performance, The P